Pandemie

Solinger Mediziner: Kinder nicht vorschnell impfen

Der Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Fischbach beklagt Lieferengpässe beim Impfstoff für seine Praxis. Foto: Christian Beier
+
Der Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Fischbach beklagt Lieferengpässe beim Impfstoff für seine Praxis.

In Solingen bereiten sich Ärzte und die Stadt auf die Impfung der Jüngsten vor.

Von Anja Kriskofski, Simone Theyßen-Speich und Philipp Müller

Solingen. Die Corona-Inzidenz ist derzeit bei Kindern besonders hoch: 835,7 betrug sie Ende der Woche bei den 5- bis 9-Jährigen – der höchste Wert aller Altersgruppen, gefolgt von 667,4 bei den 10- bis 14-Jährigen. Eine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) gibt es für Kinder ab zwölf Jahren – eine Entscheidung für Jüngere wird bis 13. Dezember erwartet. In dieser Woche hat Biontech mitgeteilt, dass Impfstoff für Kinder am 13. Dezember ausgeliefert werden könne.

Auch die Stadt Solingen plant für ihre Impfstellen Angebote für Kinder. Stadtsprecher Thomas Kraft berichtet allerdings aus dem Rathaus, dass noch unklar sei, wann der Impfstoff letztendlich in den kommunalen Impfstellen zur Verfügung stehe. „Sobald die Verfügbarkeit geklärt ist, werden wir Angebote organisieren und hierüber informieren.“

Der Impfstoff von Biontech sei für Kinder ab fünf Jahren durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) zwar zugelassen worden, sagt Dr. Thomas Fischbach, Solinger Kinder- und Jugendarzt und Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Das heißt aber nicht, dass Impfstoff für sie da ist.“ Der fehle bereits für Ältere.

Für eine Impfaktion am Sonntag in seiner Praxis habe er Impfdosen für 70 angemeldete Patienten ab zwölf Jahren bestellt. „Jetzt haben wir die Nachricht erhalten, dass wir nur die Hälfte bekommen.“ Einem Teil der Patienten müsse man nun absagen. „Das ist ein Organisationsversagen der politisch Verantwortlichen.“

Mit den Kinderimpfungen starte man in seiner Walder Praxis erst im Januar, am Standort Talstraße Mitte Dezember, wenn der Impfstoff ausgeliefert werden soll. Auch wenn die Stiko-Empfehlung noch ausstehe, dürften Kinder- und Jugendärzte zugelassenen Impfstoff bereits verimpfen. „Wenn Eltern das nach eingehender Nutzen-Risiko-Aufklärung wünschen, würde ich das auch tun.“

Corona-Infektion verläuft bei Kindern zwischen fünf und elf meist mild

Den sogenannten Off-Label-Use, also Impfstoffdosen für Erwachsene zu verwenden und in geringerer Menge an Kinder zu verimpfen, lehnt Fischbach jedoch ab. An der derzeitigen Diskussion ärgert den Kinder- und Jugendarzt vor allem eines: „Es ist inakzeptabel, dass nun Druck aufgebaut wird, Kinder zu impfen, weil sich die politisch Verantwortlichen an die Impfgegner nicht herantrauen.“ Anders als bei Erwachsenen sei der Krankheitsverlauf bei einer Coronainfektion bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren meist sehr mild.

Das sieht auch Dr. Sonia van Afferden so. „In erster Linie ist es wichtig, dass sich die Erwachsenen impfen lassen“, erklärt die Sprecherin der Solinger Kinder- und Jugendmediziner. Bei den Impfungen der jüngeren Kinder müsse ganz klar sein, dass es einen Nutzen für die Kinder hat. „Da kann es nicht nur um die Pandemie-Bekämpfung gehen.“

Die niedergelassene Medizinerin hat Impfstoff für Kinder bestellt und geht von einer Lieferung ab dem 13. Dezember aus. „Die Stiko-Empfehlung wird sich aber voraussichtlich zunächst auf chronisch kranke Kinder beziehen.“ Das seien nicht so viele. Nach Absprache mit den Eltern seien auch Impfungen bei nicht chronisch erkrankten Kindern denkbar, wenn es etwa um den Schutz von besonders gefährdeten Familienangehörigen geht.

Stiko-Empfehlung

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat bereits eine Impfempfehlung für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren gegeben. Für Kinder zwischen 5 und 11 Jahren will sich die Kommission bis Montag, 13. Dezember, äußern. Der Nutzen einer generellen Impfung für alle Kinder gilt als umstritten.

Standpunkt: Impfen ist Verantwortung

Kommentar von Philipp Müller

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Der Frontalangriff von Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Fischbach ist schon bemerkenswert. Er ist auch Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Da hat seine Analyse, die Politik dürfe jetzt nicht Druck auf die Jüngsten ausüben, weil sie sich nicht an die Impfgegner herantraue, viel Gewicht. Zwar ist die Ansteckungsquote unter Kindern mit dem Corona-Virus sehr hoch. Aber Kinder erleben die Infektion meist nur mit sehr milden Symptomen. Infizierten Erwachsenen – besonders den Ungeimpften – droht dagegen im schlimmsten Fall der qualvolle Tod. Muss die Gesellschaft jetzt also Kinder impfen, damit die ungeschützten Erwachsenen ein geringeres Infektionsrisiko haben? Nicht nur Fischbach sieht das offensichtlich als Irrweg aus der Pandemie. Es sind vor allem die mehr als 50-Jährigen, die mit zunehmendem Alter stärker leiden müssen – auch in dieser Gruppe gibt es immer noch viele Ungeimpfte. Und die Ungeimpften treiben – je nach Studie – die Pandemie zumindest mit 75 Prozent der Fälle an. Sie könnten mal für die Freiheit der Kinder Impfverantwortung übernehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Gefahrguteinsatz: Vier Personen wegen giftiger Dämpfe vorsorglich im Krankenhaus
Gefahrguteinsatz: Vier Personen wegen giftiger Dämpfe vorsorglich im Krankenhaus
Gefahrguteinsatz: Vier Personen wegen giftiger Dämpfe vorsorglich im Krankenhaus
Internationale Ermittlungen gegen Trickbetrüger - Durchsuchungen auch in Solingen
Internationale Ermittlungen gegen Trickbetrüger - Durchsuchungen auch in Solingen
Internationale Ermittlungen gegen Trickbetrüger - Durchsuchungen auch in Solingen
Gymnasium setzt auf entschleunigte Schultage
Gymnasium setzt auf entschleunigte Schultage
Gymnasium setzt auf entschleunigte Schultage
Corona: Weiterer Todesfall - Inzidenz steigt auf 1272,7
Corona: Weiterer Todesfall - Inzidenz steigt auf 1272,7
Corona: Weiterer Todesfall - Inzidenz steigt auf 1272,7

Kommentare