Prävention in Corona-Zeiten

Hersteller liefert Regenponchos statt Schutzkittel

Noch reichen die Vorräte: Gabriele Theis von der St. Lukas Klinik mit einigen Mundschutz-Packungen. Foto: Michael Schütz
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Noch reichen die Vorräte: Gabriele Theis von der St. Lukas Klinik mit einigen Mundschutz-Packungen.

Preise für Masken und Kittel bis zu 15-fach gestiegen. Größerer Mangel zeichnet sich aber noch nicht ab.

  • Kliniken sind aktuell ausgerüstet, sprechen aber von Lieferengpässen.
  • Einfacher Mundschutz kostet statt 4 Cent jetzt 90 Cent, Preis für FFP2-Masken hat sich vervierfacht.
  • Verbrauch ist enorm hoch: In vier Tagen benötigt das Klinikum so viele FFP-Masken wie sonst in einem ganzen Jahr.

Von Kristin Dowe

Solingen. Die Ärzte und das pflegerische Personal haben wohl ein besonders hohes Risiko, sich an ihrem Arbeitsplatz mit Sars- CoV-2 anzustecken. Eine wichtige Rolle für den Infektionsschutz spielt deshalb eine gute Schutzausrüstung, bestehend etwa aus Atemschutzmasken, Kitteln, Hauben, Desinfektionsmittel und sonstiger Schutzkleidung. Die Preise für diese Utensilien sind am Markt zurzeit allerdings enorm hoch, beklagen die Solinger Kliniken unisono. Zudem haben die Häuser teilweise mit Lieferengpässen zu kämpfen.

„Ein einfacher Mund- und Nasenschutz kostete vor der Coronazeit 4 Cent. Jetzt liegt der Preis bereits bei 90 Cent“, berichtet Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt an der Lungenklinik Bethanien. Ebenfalls rasant gestiegen seien die Preise der sogenannten FFP2-Masken, die allein für den medizinischen Gebrauch bestimmt sind. Lag deren Preis vor Corona bei unter einem Euro, zahle man jetzt bis 9 Euro pro Stück, so Randerath weiter. „Die hohen Kosten stellen schon eine große Belastung für uns dar. Mit dem Zuschlag der Bundesregierung allein können wir das nicht auffangen.“ Dieser beträgt pro Corona-Patient 50 Euro pro Tag.

Wichtige Behandlungen sollten nicht aufgeschoben werden

Im Großen und Ganzen sei die Materialsituation in der Lungenklinik Bethanien zufriedenstellend, kann Randerath beruhigen – die Vorräte reichten für zwei bis vier Wochen, wenn die Zahl der Bettenbelegung nicht plötzlich in die Höhe schnellen sollte. Der Weltmarkt sei im Hinblick auf das medizinische Material äußerst angespannt. „Gerade China und die USA fordern viel ab und die Lieferketten sind nicht mehr sicher.“ So lasse eine Lieferung in Coronazeiten lange auf sich warten.

Die Kapazitäten der Lungenklinik werden bereits stark beansprucht: Aktuell befinden sich elf Corona-Patienten auf der Intensiv- und mit Fluktuation stets zwölf bis 15 Patienten auf der Infektionsstation. „Das ist keine kleine Zahl“, so Randerath. Dennoch könnten alle anderen Patienten noch weiterbehandelt werden. „Die Behandlung anderer Erkrankungen wie beispielsweise eines Tumors sollte man auf keinen Fall wegen Corona auf die lange Bank schieben“, appelliert Randerath an die Patienten.

Statt Schutzkitteln wurden Regenponchos geliefert

Auch Hochtouren arbeite auch der Einkauf der St. Lukas Klinik, sagt Cerstin Tschirner, Sprecherin der Kplus-Gruppe: „Schutzmasken und chirurgischer Mundschutz sind auf dem Markt lieferbar, auch wenn die Preise um das zehn- bis 15-fache gestiegen sind.“ Mangelware seien dagegen spezielle Schutzkittel, die bei der Versorgung infizierter Patienten vorgeschrieben seien. „Nicht alles, was als Schutzkittel deklariert und angeliefert wird, erfüllt auch tatsächlich den Qualitätsstandard“, so Tschirner. „Da wurden auch schon Regenponchos – als Schutzkittel deklariert – geliefert. Die wurden natürlich zurückgeschickt.“

Das Städtische Klinikum profitiere bei der der Materialbeschaffung derweil von einer umfassenden Vorsorge, sagt dessen Kaufmännischer Geschäftsführer Matthias Dargel. „Die Versorgung mit Schutzmaterial ist für den aktuellen Bedarf vollkommen ausreichend und für einen möglicherweise erhöhten Bedarf im Verlauf der Pandemie über den Katastrophenschutz der Stadt abgesichert.“ Das Klinikum habe die Lagerbestände aufgestockt und sei für die kommenden Wochen ausgerüstet. Schwierig sei zwischenzeitlich die Versorgung mit Schutzmasken gewesen, so Dargel. „Der jährliche Verbrauch der FFP-Masken lag bis Januar 2020 bei 600 Stück. Derzeit verbrauchen wir doppelt so viele FFP-Masken in nur einer Woche!“

SICHERHEITSAUFLAGEN

PERSONAL Für das medizinische Personal gibt es in allen Solinger Kliniken strenge Sicherheitsvorschriften. Das Städtische Klinikum dürfen die Mitarbeiter etwa nur noch mit einem Mitarbeiterausweis über eine gesonderte Schleuse betreten. In der Zentralen Notaufnahme (ZNA) wurde der infektiöse vom nichtinfektiösen Bereich streng getrennt.

Um Sicherheitsausrüstung zu schützen, hatte die St. Lukas-Klinik bereits vor einiger Zeit Maßnahmen ergriffen: Lukas-Klinik schließt Desinfektionsmittel ein

STANDPUNKT: Kostendruck belastet Kliniken

Ein Kommentar von Kristin Dowe

Die Nachfrage

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

bestimmt das Angebot. Selten war diese marktwirtschaftliche Grundregel so eindrucksvoll zu beobachten wie während der Corona-Krise, in der sich die großen Industrienationen einen Wettstreit um Atemschutzmasken und sonstige Schutzausrüstung liefern. Der Kostendruck infolge der extrem hohen Materialpreise ist für die Kliniken ein zusätzlicher Belastungsfaktor, deren Mitarbeiter ohnehin am Limit arbeiten und jeden Tag mit der Angst umgehen müssen, sich selbst mit Covid-19 zu infizieren. Dramatisch ist die Materialsituation in Solingen glücklicherweise noch nicht – auch dank guter Vorsorge. So hat das Städtische Klinikum etwa bereits vor Monaten im Verbund mit der großen Krankenhaus-Einkaufsgemeinschaft die Lagerbestände erhöht. Gerade jetzt sollten Bürger sich solidarisch zeigen und Utensilien wie Mundschutz und Desinfektionsmittel denen überlassen, die sie gerade am nötigsten brauchen: Risikopatienten und dem medizinischen Fachpersonal in den Praxen und Kliniken.

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