Kunst

Karikatur entsteht in einer digital geplanten Welt

Das Tablet ist sein Arbeitsgerät: Karikaturist Marcus Gottfried zeichnet rund 550 tagesaktuelle Witze pro Jahr. Fotos: Christian Beier
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Das Tablet ist sein Arbeitsgerät: Karikaturist Marcus Gottfried zeichnet rund 550 tagesaktuelle Witze pro Jahr.

Marcus Gottfried bereitet seine gezeichneten Witze bis ins Detail vor.

Solingen. Es ist in Zeiten der Corona-Pandemie schon absurd, wenn die Figuren des Solinger Karikaturisten Marcus Gottfried am Tresen, in der Kneipe sitzen. Doch Gottfried lässt sich von einer Corona-Schutzverordnung nicht vorschreiben, auch seine Kneipe zu schließen. „Die Theke ist ein Platz der Kommunikation“, sagt er. Dort falle der Dialog-Witz oft deftig aus. Das wisse jeder. Bis zu 550 tagesaktuelle Witze zeichnet er im Jahr und verschickt sie an Zeitungen – ohne Erfolgsgarantie der Veröffentlichung. Er setze dabei auf den „Lucky Punch“ um Punkt 13 Uhr. Spätestens dann schlagen die E-Mails mit seinen Wortwitzen in bekannter Umgebung in den Redaktionen auf.

Der Glückstreffer will gut vorbereitet sein. Nicht alles platziert er in die Kneipe. Das Sofa, das Ehebett oder Straßenszenen finden sich, natürlich Autoverkehr. Doch anhand der Tresen-Situation macht er deutlich, worauf es ihm in der Vorbereitung ankommt. Er hat in Gräfrath das Cornish Arms aus 70 Blickwinkeln fotografiert. Wo steht der Gast? In welchem Winkel dazu der Wirt? Wie hält dieser das Glas beim Zapfen? Welchen Abstand haben Barhocker?

Aus mehreren Hintergründen kann er auswählen, auf denen dann das Hauptmotiv gezeichnet wird. Vorlage für die Kneipe war das Cornish Arms.

Das alles hat er dann in seine Gottfried-Kneipe übertragen. Und dann folgt viel Arbeit, bevor er dort eine wildgestikulierende Frau fragen lässt: „Warum muss ich immer putzen, kochen und die Wäsche machen? Nur, weil ich eine Frau bin?“

Auf einem Tablet-Computer hat er die Kneipen-Szene in einem Grafikprogramm gezeichnet. So sind viele Vorlagen entstanden. Sie sind die Basis. Eine sucht er davon aus. In der nächsten Zeichenebene malt er die Furie, kann sie kleiner oder größer machen – bis sie perfekt auf dem Barhocker sitzt. Ebene drei ist die Gesprächspartnerin. Fehlt was? Klar, Ebene vier macht einen Cocktail auf dem Tresen aus. Und jetzt? Sprechblasen, natürlich. Endlich kann die zweite Frau antworten: „Du wohnst allein!“

Tatsächlich funktioniert der Witz viel schneller, als er gerade beschrieben wurde. Gottfried erklärt: Das Auge könne dank seiner exakten Vorbereitung blitzschnell die Kneipensituation erkennen. Da lenke nichts Fremdes mehr ab. Die Karikatur, der Solinger nennt sie Cartoon, werde dann von links nach rechts gelesen. Im Idealfall lacht der Leser.

Mit großer Routine zeichnet der Cartoonist Figuren aufs digitale Papier. Füllt Flächen mit Farben. Verrückt ein Bierglas. Malt laufenden Schaum.

Dass das bei Gottfried gut funktioniert, haben zuletzt die Macher der Ausstellung zum „Deutschen Karikaturenpreis“ gewürdigt. Gottfried ist im Schloss Agathenburg bei Hamburg vertreten. Das sei ihm schon wichtig, dort neben der Prominenz der Cartoon-Szene ausgestellt zu werden, gibt er zu. Auch in der „Rückblende“ zum Preis für politische Karikatur war er bereits vertreten und in der Triennale in Greiz. Das helfe ihm schon, sich als Marke in der Branche zu behaupten.

Doch reich machen ihn weder das Renommee noch die Masse seiner Cartoons. Tatsächlich liege das Honorar für eine Veröffentlichung in einer Tageszeitung meist beim Preis, den man für zwei günstige Kisten Bier im Supermarkt bezahlen müsse. Hinzu kämen Auftragsarbeiten von Agenturen.

Er werde auch in einem Cartoon-Buch zur Corona-Pandemie mit fünf Werken vertreten sein. Für den Lebensunterhalt reicht das aber auch nicht. So ist der gelernte Forstwirt und frühere Taxifahrer mittlerweile seit rund zehn Jahren als ausgebildeter Rettungssanitäter beim Roten Kreuz angestellt. Das erfülle ihn persönlich sehr, bekennt er.

Doch die wahre Liebe gehört dem Cartoon. Beim Gespräch mit dem Tageblatt packt er sein Tablet aus. Schnell ist eine Kneipenszene ausgesucht. Mit großer Routine zeichnet er Figuren aufs digitale Papier. Füllt Flächen mit Farben. Verrückt ein Bierglas. Malt laufenden Schaum. Und er erzählt dabei: „In jeder Alltagssituation steckt eine Karikatur.“ Er könne deshalb auch kaum abschalten, wenn er unterwegs sei. Denn um die Hausecke könne schon die Situation lauern, die er zum Witz übertreiben könne.

„Ich habe den Dialog grob im Kopf. Dann muss er einkochen, bis er wirkt.“

Marcus Gottfried, Cartoonist

Der Gag funktioniere dann gut, wenn er und seine Betrachter den gleichen Wissenszusammenhang haben. Das sei zunächst das Bild, etwa die Kneipe, das Ehebett oder das Sofa. Zwei sich vermeintlich unterhaltende Menschen kenne auch jeder. Dann in die Sprechblasen das Unerwartete, das Absurde oder auch nur manchmal Platte zu packen, sei die ganze Kunst. Dabei sei er fast als Anarchist in Sachen Witz unterwegs. Zunächst gelte: Gut ist, was witzig ist. Aber doch gelte es Grenzen einzuhalten.

Nicht immer einfach, gibt er zu. Er habe auch schon Applaus von der falschen Seite, der AfD, erhalten. Das ärgere ihn, wenn seine Pointen missbraucht würden. Daher verzichte er inzwischen manchmal darauf, bestimmte Witze zu zeichnen. Aber „politisch korrekt“ sei er deshalb noch lange nicht, wolle das auch nicht sein. Er bleibe sich da weiter treu, denn seine Arbeitsweise sei: „Ich habe den Dialog grob im Kopf. Dann muss er einkochen, bis er wirkt.“

Geschichte der Karikaturen

Seit dem Mittelalter gibt es gezeichnete Wortwitze. Aber erst nach der Erfindung des Buchdrucks fanden sie den Weg in die Breite der Gesellschaft. Wichtiges Verbreitungsmedium sind bis heute Tageszeitungen. Dort wird gerne mittels eines Cartoons eine aktuelle politische Strömung oder ein Ereignis von der „heiteren Seite“ gezeigt. Mittel ist dabei die Verzerrung der bekannten Wirklichkeit hin zum Absurden und in die Travestie – sowohl im Bild, als auch im Text.

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