Ende eines Zeitalters

Solingens letzte Videothek schließt Ende Mai

Seit 40 Jahren ist Konstantinos Georgoulidis in der Branche. Er bedauert, dass sich das Videotheken-Zeitalter dem Ende zuneigt. Foto: Michael Schütz
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Seit 40 Jahren ist Konstantinos Georgoulidis in der Branche. Er bedauert, dass sich das Videotheken-Zeitalter dem Ende zuneigt.

Vor allem die Konkurrenz durch Streamingdienste macht der Branche seit Jahren zu schaffen.

Von Manuel Böhnke

Solingen. An die guten Zeiten der Branche kann sich Konstantinos Georgoulidis noch lebhaft erinnern. Vor seiner Theke standen die Kunden Schlange. Sie warteten darauf, dass jemand einen Film zurückbringt, den sie ausleihen konnten. Der Titel war dabei zweitrangig. Das ist lange her. Bei Mediastar an der Beethovenstraße muss niemand mehr lange darauf warten, bedient zu werden. Seit Jahren kämpft der Verleih mit sinkender Nachfrage. Nun beugen sich Georgoulidis und seine Lebensgefährtin Tatiana Cocea der Entwicklung: Ende Mai schließt Solingens letzte Videothek für immer.

Es ist ein Abschied auf Raten. „Seit der Einführung von Kabelfernsehen ist es immer schwieriger geworden“, erzählt der 65-Jährige. Die Zahl der frei verfügbaren Sender stieg kontinuierlich, die Bedeutung von Videokassetten, später DVDs und Blu-Rays, sank. Seit einigen Jahren sind es vor allem Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime Video, die das Geschäftsmodell von Videotheken zerstören. Von der Couch aus lässt sich die Auswahl für den Filmabend zum Abopreis treffen.

„40 Jahre kann man nicht einfach hinter sich lassen.“

Konstantinos Georgoulidis, Mediastar-Gründer

„Und dann ist da noch Corona“, sagt Konstantinos Georgoulidis. Zwar haben die Menschen während der Pandemie viel Zeit zu Hause verbracht, Mediastar konnte davon jedoch nicht profitieren. Im Gegenteil. Viele Kunden hätten den Weg in die Videothek gescheut, weil sie befürchteten, den ausgeliehenen Film wegen eines Quarantänefalls nicht rechtzeitig zurückbringen zu können. Eine Überziehungsgebühr hätte er in so einer Situation nicht erhoben, betont der gebürtige Grieche. Die Sorgen seiner Kunden konnte er mit dieser Zusage nicht ausräumen.

Wer in den zurückliegenden beiden Jahren den Weg an die Beethovenstraße gefunden hat, wird nicht viele attraktive Neuerscheinungen in den Regalen gesehen haben. „Es wurden wegen Corona nur sehr wenige Filme gedreht“, erklärt Georgoulidis. Oder fertige Blockbuster zurückgehalten. Prominentestes Beispiel: „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“, dessen Veröffentlichung mehrfach verschoben wurde. Auch im Videospiel-Bereich, zeitweise ein lukratives Geschäft für Mediastar, sind zuletzt nur wenige Highlights auf den Markt gekommen.

Vor 40 Jahren ahnte Konstantinos Georgoulidis noch nicht, wie schwierig das Geschäft einmal werden würde. Im Mai 1982 eröffnete er in Düsseldorf-Eller seine erste Videothek. Bis dahin kannte er die Branche nur als Kunde. „Ich habe mir gedacht, das könnte man mal versuchen“, erinnert sich der 65-Jährige.

Die 1980er und 1990er Jahren waren die Hochzeit für Videotheken. Auch Georgoulidis war erfolgreich. 1996 eröffnete er an der Merscheider Straße sein erstes Geschäft in Solingen, fünf Jahre später eines in Wald. 2007 legte er die Standorte an der Beethovenstraße zusammen. Mehr als 9000 Titel sind dort auf rund 300 Quadratmetern zu finden – von Thrillern über Erotik- und Actionfilme bis hin zu Dramen und Komödien.

Wenn Kunden kommen – an gewöhnlichen Wochentagen sind es häufig gerade einmal 20 – haben sie es vor allem auf Neuheiten abgesehen. Anders als früher benötigt der Großteil keine Beratung mehr. „Sie stehen vor dem Regal und gucken sich auf Youtube den Trailer an“, erzählt Georgoulidis schmunzelnd.

Der Abschied fällt dem Wahl-Solinger schwer, daraus macht er keinen Hehl: „40 Jahre kann man nicht einfach hinter sich lassen.“ Seit 2017 ist Tatiana Cocea Eigentümerin der Videothek, er packt an, wenn er gebraucht wird. „Es hat mir immer viel Spaß gemacht, im Geschäft zu stehen und mit den Kunden zu plaudern. Das war ein schöner Zeitvertreib“, sagt der 65-Jährige.

Bis Ende Mai hat er dazu noch Gelegenheit. Der Ausverkauf hat begonnen. Parallel dazu läuft das Ausleihgeschäft in den kommenden drei Wochen weitestgehend normal. Ab Mitte Mai stehen dann auch Neuheiten zum Verkauf.

Mit der Mediastar-Schließung endet das Videotheken-Zeitalter in der Klingenstadt. Cocea und Georgoulidis haben länger durchgehalten als die meisten Kollegen – nicht zuletzt wegen der Marktkonzentration. Mit jeder Videothek, die in der Region geschlossen wurde, fanden neue Kunden den Weg zur Beethovenstraße. Noch immer nehmen einige den Weg aus Düsseldorf auf sich, vermutlich auch aus nostalgischen Gründen.

Doch der aktuelle Stamm genüge nicht, um das Geschäft profitabel zu führen. Vielleicht könnte sich Mediastar in einem kleineren Ladenlokal noch ein paar Jahre über Wasser halten. „Aber noch mal umziehen?“ stellt der 65-Jährige eine Frage, die keiner Antwort bedarf. Eine Zukunft sehe er für die Branche, die ihm so viel Freude bereitet hat, nicht.

Statistik

Einst gab es deutschlandweit mehr als 6000 Videotheken. Die Zahl befindet sich seit Jahren im Sinkflug. 2008 betrug sie laut Angaben des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels in Deutschland noch rund 3000. Die letzte offizielle Angabe stammt aus dem Jahr 2019: Seinerzeit gab es noch etwa 350 aktive Betriebe. Inzwischen dürften es deutlich weniger sein.

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