Mitgliedern fehlt der Austausch

Leiter der Selbsthilfegruppen auch in schweren Zeiten erreichbar

Viele Selbsthilfegruppen konnten sich bereits seit März nicht mehr treffen. Deshalb wurden Alternativen gesucht, um sich auch in dieser Zeit gegenseitig zu unterstützen. Symbolfoto: Leon Hohmann
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Viele Selbsthilfegruppen konnten sich bereits seit März nicht mehr treffen. Deshalb wurden Alternativen gesucht, um sich auch in dieser Zeit gegenseitig zu unterstützen.

Soziale Kontakte sind zurzeit ein seltenes Gut.

Von Moritz Jonas

Solingen. Dabei sind sie so wichtig, vor allem für Menschen, die in Selbsthilfegruppen angemeldet sind. Ihnen fehlt der gemeinsame Austausch ganz besonders. Daher versuchen viele Leiter von Solinger Selbsthilfegruppen, auch jetzt für die Mitglieder da zu sein.

So auch Anelise Gilles. Sie leitet eine Selbsthilfegruppe für Angehörige, die ihren Partner zu Hause pflegen. Sie habe versucht, ihre Mitglieder in dieser Zeit vor allem im Alltag zu unterstützen, und ist zum Beispiel für sie einkaufen gegangen. „Aber wenn ich gemerkt habe, dass die Leute Redebedebedarf hatten, habe ich mich auf den Balkon gestellt und wir haben uns durch die Tür hindurch unterhalten“.

Viele griffen aber auch einfach nur auf das Telefon zurück. So wie Barbara Bontemps. Sie führt eine Gruppe für Menschen, die an einer Histaminintoleranz leiden. „Um die Weihnachtszeit herum habe ich mit einigen Mitgliedern ein bis zwei Stunden telefoniert und somit viele aus dem Loch geholt“. Denn viele würden sich mit ihrem Problem außerhalb der Gruppe nicht ernstgenommen fühlen, sagt sie. In Zukunft plane sie zudem, Videokonferenzen für ihre Mitglieder zu organisieren, um die Nähe etwas mehr zu wahren.

„Selbsthilfe funktioniert nur innerhalb der Gruppe.“
Christina Erbel, Elternkreis

Doch nicht alle Gruppen wollen oder können auf Videochats zurückgreifen. „Videokonferenzen halte ich in unserem Fall für wenig sinnvoll“, sagt Reinhard Melcher, der seit acht Jahren die Regionalgruppe der Parkinson Selbsthilfe in Solingen leitet. Denn die meisten Teilnehmer seien bereits in einem gehobenen Alter und würden einfach nicht das Equipment dafür besitzen.

Ein anderes Problem mit Videokonferenzen sieht Christiane Erbel, Mitbegründerin des Elternkreises Solingen. Diese Gruppe unterstützt Eltern von Kindern mit einer Doppeldiagnose – Kinder, die an einem Suchtproblem sowie einer psychischen Erkrankung leiden. „Für uns ist es schwierig, die Treffen per Konferenz abzuhalten, da die Kinder natürlich auch zu Hause sind und dann nicht so offen und frei über die Sorgen der Eltern gesprochen werden kann“. Außerdem vertritt Erbel die klare Meinung, die Selbsthilfe funktioniere nur richtig innerhalb der Gruppe und nicht mehr oder weniger alleine vor dem Bildschirm. Es sei eben nicht das Gleiche, wie ein persönliches Treffen.

Solingen: Der Kontakt über Computer und Telefon hilft nur bedingt

Ähnliches stellt Armin Koch fest. Er leitet unter anderem eine Gruppe für Menschen, die in Sorge sind, depressiv zu werden. „Es war schon auffällig, dass die Teilnehmer sich nicht so stark wie üblich geäußert haben“, sagt Koch über die geführten Telefonate.

Gisela Kleem-Droß, Leiterin des Ortsverbandes der Deutschen Tinnitus Liga, erklärt, dass sich bei einigen ihrer Teilnehmer sogar eine Verschlechterung ihres Krankheitsbildes eingestellt habe. Als Grund dafür sieht sie unter anderem die momentane psychische Belastung durch die Corona-Pandemie.

In erster Line fehlen allen Gruppen die persönlichen Treffen. Stellvertretend dafür steht die Aussage von Stephan Hoffmann, er ist Leiter einer Gruppe für an Morbus Bechterew Erkrankte. Das ist eine chronische, entzündliche Rückenerkrankung. „Wir würden gerne mal wieder unsere gemeinsamen Gymnastikstunden abhalten, die für viele von uns so wichtig sind, und zwar nicht nur gesundheitlich.“

Es gibt dennoch Gruppen, die durchaus positiv auf die vergangenen Monate zurückblicken können. Gisela van de Geyen-Hieronimus, Mitglied bei der Initiative Alkoholkranker Menschen Solingen: „Wir in unserer Gruppe sind überwiegend langjährige trockene Alkoholiker und trotz der aktuellen Situation – für viele ist es zurzeit so verlockend, Alkohol zu trinken – haben wir keine Rückfälle zu vermelden“.

Cornelia Jürgens, Leiterin vom Selbsthilfebüro der Stadt, berichtet: „Wir stehen natürlich auch jetzt im ständigen Austausch mit den Gruppenleitern und versuchen, zu helfen.“

Gruppentreffen sind unter Auflagen erlaubt

Wegen der hohen Bedeutung für viele Menschen hat sich die Stadt Solingen dazu entschlossen, Treffen innerhalb der Gruppen zunächst bis zum 14. Februar zu erlauben. Wichtig dabei ist, dass die Präsenzveranstaltungen nur abgehalten werden, wenn sämtliche Hygienemaßnahmen auch eingehalten werden können. „Ich halte diese Interpretation der Stadt Solingen als sehr respektvoll und wertschätzend gegenüber der Selbsthilfe, die Abschätzung und Entscheidung über die Notwendigkeit unserer Treffen in unserer eigenen Ermächtigung zu belassen“, sagt Christiane Erbel vom Elternkreis. Vielen fehlt es aber dennoch an geeigneten Räumen.

Immer mehr Solinger Suchtkranke suchen Hilfe: Das Blaue Kreuz hilft auch in der Pandemie.

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