Inflation

Lebensmittel: Das sagen Kunden über höhere Preise

Marcel Pauli zeigt die elektronischen Preisschilder – meist in Weiß, bei Angeboten in Rot –, die optisch von Papierschildern kaum zu unterscheiden sind.
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Marcel Pauli zeigt die elektronischen Preisschilder – meist in Weiß, bei Angeboten in Rot –, die optisch von Papierschildern kaum zu unterscheiden sind.

Einzelhändler sehen die Teuerungen, die Lieferanten und Hersteller aufrufen, auch kritisch.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Der Liter haltbare Vollmilch, der noch vor einem Jahr beim Discounter 84 Cent gekostet hat, liegt jetzt bei einem Preis von 1,09 Euro. Der Preis für das günstigste Mineralwasser in der 1,5-Liter-PET-Flasche ist um 30 Prozent von 19 auf 25 Cent gestiegen. Für günstiges Toilettenpapier im 10er-Paket muss man vielerorts jetzt mindestens 3,75 Euro zahlen – aber anders als zu Beginn des Corona-Lockdowns ist es zumindest vorrätig. Und es gibt auch ausreichend Mehl, mit 49 Cent pro Kilo Weizenmehl zumindest preisstabil.
Der Selbstversuch: So teuer sind Lebensmittel wirklich geworden

Dass die Preise bei den meisten Lebensmitteln in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich gestiegen sind, merken die Verbraucher täglich an den Supermarkt- und Discounter-Kassen. Und bei vielen Lebensmitteln ist die Teuerungsrate auch höher als die im Durchschnitt angegebenen 15 bis 19 Prozent.

Simone Schmid kauft regelmäßig bei einem Walder Discounter ein. „Früher waren es im Schnitt 450 Euro, jetzt sind es ungefähr 600 Euro, die ich für Lebensmittel für unseren Vier-Personen-Haushalt ausgebe“, rechnet sie vor. Eine App, die ihr pro 400 Euro Einkaufswert im Monat vier Euro Warengutschein verschafft, gibt ihr da einen guten Gesamtüberblick. „Und ich kaufe ja auch noch in anderen Geschäften ein.“

Robert Holz hat früher nicht unbedingt auf Angebote geachtet. „In unserem Zwei-Personen-Haushalt hat das nicht so viel ausgemacht“, erzählt er nach dem Wochen-end-Einkauf am Freitagnachmittag. Das sei heute anders. „Ich versuche, die Angebote in verschiedenen Geschäften auch zu nutzen, bei einer kleinen Rente schlagen die Preise schon zu Buche.“

Auch den Einzelhändlern machen die Preise zu schaffen

Auch für den Einzelhandel selbst sind die aktuellen Preise ein schwieriges Thema. „Wir sehen uns derzeit mit Wellen von Preisforderungen konfrontiert“, erklärt Thomas Bonrath, Pressesprecher der Rewe-Markt GmbH. „Einen Teil können wir nachvollziehen, etwa wegen Rohstoff- und Energiepreisen. Andere jedoch sind in Höhe und Begründung nicht nachvollziehbar – solche lehnen wir strikt ab.“

Es könne nicht sein, dass Kundinnen und Kunden in dieser schwierigen Zeit mehr als unbedingt nötig belastet werden. „Wir weisen unsere Kunden aktiv auf unsere Eigenmarken-Alternativen hin und sehen auch, dass diese in den vergangenen Wochen zulegen. Das bestätigt uns darin, dass immer mehr Menschen sehr genau auf das Geld achten müssen“, so Bonrath.

Elektronische Preisschilder lassen spontane Preiserhöhungen zu

Ärgerlich für Verbraucher ist nicht nur der hohe Preis an sich. „Oft erscheint an der Kasse ein anderer und in der Regel höherer Preis als am Regal steht“, bemängelt eine Kundin, die ungenannt bleiben möchte. Damit der Preis vom Regal auch an der Kasse noch gilt, setzten einige Geschäfte auf elektronische Preisschilder. Die gibt es etwa im neuen Lidl an der Focher Straße, bei Rewe Rahmati in Ohligs und schon länger bei Edeka Pauli im Hofgarten.

Marcel Pauli, dessen Familie den Edeka-Markt im Hofgarten betreibt, hat gute Erfahrung mit den elektronischen Preisschildern gemacht. „Bei unseren etwa 20 000 Artikeln ändern im Schnitt 100 Produkte pro Tag den Preis. Schildchen von Hand zu stecken, wäre da ein großer Aufwand.“ Zudem sei der digitale Preis am Regal auch für den Kunden verlässlich mit dem an der Kasse identisch. Sogenannte Flatterpreise, die wie beim Benzin mehrmals täglich wechseln, gebe es nicht. „In der Regel wird eine Änderung über Nacht vorgenommen.“

Preisänderungen habe es zwar früher auch gegeben, so Marcel Pauli. „Da waren es aber Erhöhungen von drei bis vier Prozent und für den Kunden kaum wahrnehmbar“ – anders als die teilweise zehn bis 20 Prozent heute. Starke Schwankungen gebe es vor allem bei Milchprodukten, Obst und Gemüse.

Wir sind bemüht, nicht alles 1:1 durchzudrücken, was der Hersteller vorgibt.

Marcel Pauli, Edeka

Marcel Pauli sieht aber Unterschiede. Wenn Edeka zentral mit großen Lieferanten verhandelt, würden oft Rohstoffkosten, Energiepreissteigerungen, knapper Frachtraum und hohe Lieferkosten für die Preissteigerungen angeführt. „Edeka ist aber bemüht, nicht alles 1:1 durchzudrücken, was der Hersteller vorgibt, deshalb bleibt manchmal ein Regal leer. Interessanterweise gibt es bei unseren regionalen Partnern, etwa den Bauern in der Region, kaum Preissteigerungen“, so Pauli.

Den Kunden verlässliche Preise zu bieten, ist auch bei Kaufland ein großes Anliegen. „Die Preise werden bei uns systemseitig in die Kassensysteme eingespielt. Als digitalen Service haben wir in allen Filialen Preisprüfer oder Kundenterminals installiert. An den Geräten können die Kunden die Produkte selbst scannen und den Preis überprüfen“, betont Dominik Knobloch aus der Kaufland-Unternehmenskommunikation.

Juristische Lage

Gesetz: Ein Recht, die Ware zu dem Preis zu bekommen, der am Regal oder im Schaufenster steht, haben Kunden nicht. Der Vertrag kommt erst an der Kasse zustande. Juristisch macht der Kunde an der Kasse das Angebot, die Ware zum genannten Preis kaufen zu wollen. Juristisch verbindlich ist hingegen der Preis, den ein Produkt direkt trägt.

Standpunkt von Simone Theyßen-Speich: Kunden bestimmen mit

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Dass eine Inflation von zehn Prozent, höherer Mindestlohn und steigende Energiekosten sich auch in den Preisen für Lebensmittel widerspiegeln, ist nicht verwunderlich. Wenn aber Großkonzerne auf ihre Produkte teilweise 30 bis 50 Prozent aufschlagen, dann kommt der Verdacht auf, dass die momentane Krise genutzt wird, um die eigenen Aktienkurse gleich mit zu verbessern.

Dass Lebensmittelhändler da kritisch hinterfragen und im Zweifel auch mal die Regale mit den entsprechenden Produkten leer lassen, ist richtig. Das sollten wir Kunden – statt zu meckern – als Zeichen eines vernünftigen Kaufmanngebarens honorieren.

Wer halbwegs preisbewusst einkaufen möchte, der muss vergleichen, Angebote im Blick behalten und flexibel sein. Und auch der Blick auf die Herkunft der Waren lohnt sich. Regionale Produkte zu kaufen, die nicht rund um den Globus transportiert werden, ist vernünftig, umweltschonend und preissparend. Das galt immer schon – und jetzt erst recht.

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