Wuppertaler Straße im Gespräch

Solingen: Lebenshilfe sucht Standort für Werkstatt

Noch befinden sich auf dem weiträumigen Gelände an der Wuppertaler Straße in Gräfrath die alten Gebäude der Silag Handel AG. Nun zieht die Lebenshilfe in Erwägung, dort ihre Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu errichten.
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Noch befinden sich auf dem weiträumigen Gelände an der Wuppertaler Straße in Gräfrath die alten Gebäude der Silag Handel AG. Nun zieht die Lebenshilfe in Erwägung, dort ihre Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu errichten.

Der Unternehmer Siegfried Lapawa ist als Projektentwickler für Grundstück an der Wuppertaler Straße im Gespräch.

Solingen. Am Schaukasten der von der Lebenshilfe Solingen betriebenen Werkstatt für Menschen mit Behinderung an der Freiheitstraße in Wald kleben Zettel mit klaren Botschaften, die offenbar Beschäftigte dort angebracht haben. „Das ist unsere Werkstatt – wir bleiben hier!“ und „Abgeschoben an den Stadtrand“ ist dort zu lesen. Hintergrund sind Überlegungen der Lebenshilfe, die sanierungsbedürftige Werkstatt nicht, wie ursprünglich geplant, am jetzigen Standort der Eishalle am Südpark zu errichten, sondern an der Wuppertaler Straße – genauer – auf dem ehemaligen Silag-Gelände in Gräfrath und damit am Stadtrand von Solingen. Die Pläne sorgen in Kreisen der Lebenshilfe für Verunsicherung.

„Das hat mit Inklusion nichts zu tun.“

Alexander Hann, Betriebsrat der Lebenshilfe

Als Investor für das Projekt ist der Solinger Unternehmer Siegfried Lapawa im Gespräch, der die Aufgabe hätte, die Werkstatt an der Wuppertaler Straße zu bauen und „die Immobilie unter anderem zukünftig in eine Stiftung zu überführen“, bestätigt Professor Dr. Susanne Schwalen, die Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe, in einer Stellungnahme. Konkret hätten der Vereinsvorstand und der Verwaltungsrat der Werkstätten der Lebenshilfe gemeinsam beschlossen, mit Lapawa in Verhandlungen zu treten, „um die Umsetzbarkeit und Finanzierung zu klären“.

Der ursprünglich anvisierte Standort auf dem Grundstück am Südpark (Birkerstraße) sei jedoch nicht vom Tisch– es gebe dazu weiterhin Gespräche mit der Stadt. Parallel wolle die Lebenshilfe eine Machbarkeitsstudie für den bisher genutzten Standort an der Freiheitsstraße in Auftrag geben, berichtet Schwalen mit Verweis auf den kleinteiligen Entscheidungsprozess: „Da zahlreiche Voraussetzungen im Hinblick auf die Standorte zu untersuchen sind, ist die Prüfung der Optionen noch nicht abgeschlossen. Es werden im Mai Gespräche mit Beteiligten aus den Werkstätten geführt werden, um diese über die Vor- und Nachteile sowie die Hürden einer Umsetzbarkeit einer neuen Werkstatt an den unterschiedlichen Standorten vollumfänglich zu informieren.“

Sehen den potenziellen Werkstatt-Standort Wuppertaler Straße kritisch: Nicole Friedrich (v. l.), Peter Heinen und Norbert Junge vom Elternbeirat mit Petra Hochhaus und Alexander Hann vom Betriebsrat.

Siegfried Lapawa bestätigte gegenüber dem Tageblatt die „ergebnisoffenen Verhandlungen“ mit der Lebenshilfe – aktuell laufe für das 58 000 Quadratmeter große, frühere Silag-Gelände ebenfalls eine Untersuchung. „Logistisch ist das ein günstiger Standort, da die A 46 von dort aus in fünf Minuten erreichbar wäre.“

Dies wird in Teilen der Lebenshilfe jedoch ganz anders gesehen. Insbesondere die periphere Lage des Grundstücks sorgen beim Elternbeirat der Werkstatt sowie beim Betriebsrat für scharfe Kritik. „Da ist doch nichts! Ich finde es nicht in Ordnung, Menschen mit Behinderung so an den Stadtrand zu drängen“, macht Alexander Hann vom Betriebsrat der Lebenshilfe deutlich. „Das hat nichts mit Inklusion zu tun.“ In die schwierige Gemengelage fällt auch die Kündigung des langjährigen Geschäftsführers der Lebenshilfe, Andreas Engeln, der die Zusammenarbeit beendet hatte. In einem Schreiben an die Belegschaft, das dem Tageblatt vorliegt, nannte Engeln als Gründe dafür die künftige „strategische Ausrichtung sowie die Art des Umgangs miteinander“.

Bislang unbestätigte Gerüchte, dass der Unternehmer Lapawa für die Lebenshilfe nicht nur die Rolle des Vermieters und Projektentwicklers innehätte, sondern dem gemeinnützigen Unternehmen auch Aufträge erteilen würde, sorgt für zusätzliche Skepsis. „Da würde man sich in eine mehrfache Abhängigkeit begeben.“, so Alexander Hann. Zudem habe sich eine frühere Zusammenarbeit der Lebenshilfe mit der Silag AG als „nicht fruchtbar“ erwiesen.

Die Mitglieder des Elternbeirats ergänzen, dass es am Standort Freiheitstraße nahe des Walder Ortskerns gewachsene Strukturen mit guter Nahversorgung gebe. Viele Beschäftigte hätten sich in der Nähe der Werkstatt angesiedelt, die für sie fußläufig zu erreichen sei. Wenn es auf Gräfrath hinauslaufe, müssten viele lange Wege zu ihrem Arbeitsplatz in Kauf nehmen, heißt es.

Insbesondere sei es aber die undurchsichtige Informationslage, die für Unmut sorge, betont die Betriebsratsvorsitzende Petra Hochhaus. „Der Betriebsrat müsste von Anfang an in alle Überlegungen mit einbezogen werden.“ Zwar sei ein Gespräch mit dem Vorstand für den 6. Mai anberaumt, es bestehe aber der Eindruck, dass die Pläne aufseiten des Vorstands tatsächlich schon deutlich weiter fortgeschritten seien. „Wir möchten endlich auf den aktuellen Stand gebracht werden.“

Hintergrund

Auch OB Tim Kurzbach (SPD) betonte in einem Brief an den Elternbeirat, dass er den richtigen Standort für die Werkstatt in der Innenstadt, „am besten in Verbindung mit dem Erhalt einer Eishalle“ sehe. Die Stadtspitze stehe den Verantwortlichen bei dem Projekt beratend zur Seite.

Standpunkt: Alle mit ins Boot holen

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Kristin Dowe

Zwar betont der Vorstand der Lebenshilfe zurzeit mit Nachdruck, dass die Würfel bei der Suche nach einem Standort für den dringend notwendigen Neubau einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung keineswegs schon gefallen seien. Dies konnte aber nicht verhindern, dass bei der Einrichtung in den vergangenen Tagen die Gerüchteküche nur so brodelte. Derweil dürfte auch die Stadt bei den Planungen ein Wörtchen mitzureden haben, der bekanntlich am Erhalt einer Eissporthalle in Solingen gelegen ist. Für einige Stimmen beim Elternbeirat und beim Betriebsrat widerspricht das Vorhaben, die Werkstatt in einer relativ randständigen Lage von Solingen anstatt – wie immer angestrebt – in der Mitte der Stadtgesellschaft zu errichten, dem Inklusionsgedanken. Ob die ablehnende Haltung auch für die Beschäftigten repräsentativ ist, muss sich zeigen. Die allgemeine Verunsicherung sollte der Vorstand aber ernstnehmen und den Entscheidungsprozess für alle Beteiligten von nun an so transparent wie möglich gestalten. Allen voran müssen die Beschäftigten frühzeitig mit ins Boot geholt werden. Denn um sie und ihre Bedürfnisse geht es ja schließlich.

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