Bislang keine Einigung in Sicht

Lebenshilfe diskutiert über Standort der Werkstatt für Menschen mit Behinderung

Die Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Susanne Schwalen versuchte, die Skeptiker von der Wuppertaler Straße zu überzeugen. Fotos:
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Die Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Susanne Schwalen versuchte, die Skeptiker von der Wuppertaler Straße zu überzeugen.

Bei der Info-Veranstaltung am Donnerstag wurden emotionale Töne angeschlagen.

Solingen. Der rege Andrang in der Eishalle am Donnerstagabend ließ bereits ahnen, wie sehr den Mitgliedern der Lebenshilfe und den Werkstatt-Beschäftigten das Thema unter den Nägeln brennt: Gut 200 Menschen waren zu der Informationsveranstaltung der Lebenshilfe unter Hygienebedingungen gekommen, um über den künftigen Standort einer neuen Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu diskutieren. Die lebhafte Gesprächsrunde war über Kopfhörer in einfacher Sprache verfolgbar. Durch den Abend führte Dorothee Daun, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Solingen. Im Anschluss hielt die Lebenshilfe eine Mitgliederversammlung ab, in deren Rahmen der Vorstand die Vertrauensfrage stellte.

Hintergrund der aktuellen Kontroverse ist der anhaltende Widerstand in den Reihen der Lebenshilfe sowie bei den Werkstatt-Beschäftigten selbst gegen die Pläne des Vorstands, die neue Werkstatt an der Wuppertaler Straße auf dem ehemaligen Silag-Gelände zu errichten. Der Solinger Unternehmer Siegfried Lapawa hatte der Lebenshilfe das Grundstück angeboten mit der Option, dass er für den Bau verantwortlich zeichnet und ihn später an die Lebenshilfe vermietet. Zuletzt hatte Silag Bedenken gegen das Projekt angemeldet, wenn es dafür aus der Lebenshilfe nicht volle Unterstützung gebe. Bis Oktober, so heißt es, wolle Lapawa sein Angebot an den Verein noch aufrechterhalten.

Sozialdezernent Jan Welzel (CDU), der ein Grußwort an die Besucher richtete, machte die Rolle der Stadt in der Debatte deutlich: Diese habe die Aufgabe, „Baurecht zu schaffen und das Projekt planungsrechtlich zu begleiten“. Die Entscheidung liege aber allein bei der Lebenshilfe. Gleichzeitig warb Welzel dafür, die teils verhärteten Fronten zwischen den Lagern aufzuweichen: „Ich bin optimistisch, dass wir zu einer vernünftigen Lösung kommen. Die anderen wollen niemanden ärgern und haben sich Gedanken gemacht.“

Lebenshilfe: Werkstatt-Beschäftigte sind traurig den Standort in Wald aufgeben zu müssen

Die anderen – das waren etwa Annette Esser und Olaf Bauch vom Landschaftsverband Rheinland, der das Vorhaben mitfinanziert. Ein Neubau sei unumgänglich, machte Esser deutlich und hielt in Bezug auf die heutige Werkstatt an der Freiheitstraße fest: „Die Gebäude dort können wirtschaftlich nicht weiterentwickelt werden.“ Ein Problem sei unter anderem die energetische Situation, die Räumlichkeiten ließen sich im Sommer schlecht kühlen und im Winter nur schwerlich beheizen. Derweil ist für alle Beteiligten unstrittig, dass ein Neubau notwendig ist. Allein an der Frage des künftigen Standorts scheiden sich die Geister. Kritisch sehen Eltern und Beschäftigte teilweise die Hanglage an der Wuppertaler Straße. Olaf Bauch versicherte: „Das Gelände wird parat gemacht.“

Einige Werkstatt-Beschäftigte brachten auf emotionale Weise ihren Wunsch zum Ausdruck, am heutigen Standort an der Freiheitstraße in Wald zu bleiben. „Es verletzt mich, dass ich vom Sozialleben weggerissen werden soll“, sagte eine Dame im Rollstuhl offen. Sie wolle selbstständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arbeitsplatz gelangen und nicht auf einen Fahrdienst angewiesen sein.

Nach dem Wunsch des Lebenshilfe-Vorstands soll die neue Werkstatt in einem Gewerbegebiet in Gräfrath entstehen.

Heidelore Schmachtenberg, langjährige frühere Leiterin der Frühförderung bei der Lebenshilfe, plädierte dafür, die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung stärker zu berücksichtigen. „Inklusion heißt nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen, leben und Freundschaften pflegen.“ Schmachtenberg hatte einen Antrag auf Absetzung des Vorstands gestellt, der aber zu spät einging – nun soll bei der Jahreshauptversammlung der Lebenshilfe am 5. Oktober darüber abgestimmt werden.

Erste Gespräche zwischen der Lebenshilfe und dem LVR für eine neue Werkstatt habe es 2014 gegeben. Prof. Dr. Susanne Schwalen, die Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe, bemühte sich, die wirtschaftlichen Zwänge zu verdeutlichen, in denen sich die Lebenshilfe bei der komplexen Debatte befindet: „Wir haben lange den Südpark verfolgt und mit der Stadtspitze unendlich viele Gespräche geführt. Man hat uns aber unmissverständlich mitgeteilt, dass es nicht infrage kommt, die Eishalle abzureißen. Es ist kein ,Wünsch dir was’“. Die Freiheitstraße habe zudem den Nachteil, dass die Menschen mit Behinderung während der zwei- bis dreijährigen Bauzeit entweder anderweitig untergebracht werden müssen oder der Umbau gar im laufenden Betrieb stattfinden müsse. „Davon bin ich nicht überzeugt.“

Hintergrund

Nach Einschätzung des LVR bietet das Grundstück an der Wuppertaler Straße als Mietmodell die besten Voraussetzungen für einen Neubau. Jedoch wird auch ein mögliches Mietverhältnis bei den Gegnern der Pläne kritisch gesehen, da die Lebenshilfe über ein eigenes Grundstück am Südpark verfügt, auf dem sich aktuell die Eishalle befindet.

Standpunkt: Alle sitzen in einem Boot

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Wer die Diskussion der Lebenshilfe am Donnerstag verfolgt hat, erhielt eine Vorstellung davon, wie viele Interessen hier unter einen Hut zu bringen sind und was für die betroffenen Menschen von dem Standort der neuen Werkstatt abhängt. Bei der zukunftsweisenden Entscheidung geht es nicht nur um die aktuell dort Beschäftigten, sondern auch um die künftigen Generationen, die dort ihren Arbeitsplatz haben werden. Dabei war es beeindruckend zu erleben, wie emotional und selbstbewusst die Beschäftigten ihre Wünsche zum Ausdruck brachten. Deren Bedürfnisse werden aus Sicht der Gegner des Standorts Gräfrath in der Debatte zu wenig gehört. Gleichzeitig sind die vom Vorstand angeführten, wirtschaftlichen Zwänge nicht vollständig von der Hand zu weisen und geeignete Grundstücke in Solingen Mangelware. Was also tun? Diesen Knoten kann die Lebenshilfe nur allein zerschlagen. Derweil sollten sich Mitglieder von Elternbeirat und Vorstand der Tatsache bewusst sein, dass sie trotz ihrer aktuellen Differenzen alle Eltern eines Kindes mit Behinderung sind und sie alle irgendwann für die gleichen Ziele angetreten sind. Sie sitzen in einem Boot.

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