Interview

Kunst fordert Bereitschaft zum Austausch

Gisela Elbracht-Iglhaut leitet das Kunstmuseum. Derzeit steckt sie in den letzten Vorbereitungen für die 75. Bergische Kunstausstellung, die Montag eröffnet wird. Foto: Christian Beier
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Gisela Elbracht-Iglhaut leitet das Kunstmuseum. Derzeit steckt sie in den letzten Vorbereitungen für die 75. Bergische Kunstausstellung, die Montag eröffnet wird.

Gisela Elbracht-Iglhaut, Leiterin des Kunstmuseums, zur 75. Internationalen Bergischen Kunstausstellung.

Das Gespräch führte Philipp Müller.

Am Montag wird die 75. Bergische Kunstausstellung eröffnet, jedoch ohne große Beteiligung des Publikums. Warum?

Gisela Elbracht-Iglhaut: Die Eröffnung der Bergischen Kunstausstellung ist normalerweise ein Ereignis, zu dem wir bis zu 300 Gäste begrüßen. Nach der offiziellen Preisübergabe kommen viele junge Menschen ins Museum, um die Ausstellung zu besuchen, aber auch um zu feiern. Es gibt Bier und Wein und die Stimmung ist jedes Jahr gut und ausgelassen. Man steht zusammen, und die junge Kunstszene aus Düsseldorf und Köln trifft sich bei uns. Das können wir in diesem Jahr leider so noch nicht wieder durchführen. Auch wenn wir uns den Normalzustand wieder herbeisehnen, die Pandemie ist noch nicht vorbei.

Sie sind selbst seit Jahren Mitglied der Jury für die Auswahl der Kunstschaffenden in der „Bergischen“. Was macht die 75. Ausgabe besonders?

Elbracht-Iglhaut: Die Malerei ist wieder da – und sie ist stark. Die vorgestellten Positionen überzeugen mit kraftvollen Bildsprachen. Corona ist natürlich ein Thema, aber es beherrscht die Ausstellung nicht. Wir haben wieder eine ausgewogene und hochgradig spannende Mischung zeitgenössischer Kunst zusammengestellt, die Jury war auch mit neuen und hochkarätigen Fachleuten besetzt, die sich insbesondere auf dem Gebiet der Gegenwartskunst sehr gut auskennen. Das Ergebnis wird das Publikum wieder begeistern, da bin ich sicher.

Mit Pascal Sender wird am Montag ein Künstler mit dem Internationalen Bergischen Kunstpreis ausgezeichnet, der digitale Techniken verwendet. Ist das die Zukunft der Kunst?

Elbracht-Iglhaut: Ich denke, die digitale Technik ist eine Richtung der Kunst und war mit Banz & Bowinkel ja auch schon in der Bergischen vertreten. Im Hofgarten in Düsseldorf findet gerade die Biennale für „Augmented Reality“ statt. Der Schweizer Pascal Sender beherrscht den Einsatz dieser „erweiterten Realität“ perfekt, begreift sich selbst aber als Maler. Die Kunst der Zukunft hat nicht nur eine Richtung, sondern zeichnet sich aus durch eine Vielfalt der Stile und Bildsprachen. Die virtuelle Welt ist aber eine Erweiterung.

Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird von der National-Bank gestiftet. Wie wichtig sind Sponsoren für die Kunstausstellung?

Elbracht-Iglhaut: Die Sponsoren sind unerlässlich für die Ausstellung und unser Haus. Dank Dr. Thomas A. Lange von der National-Bank AG zählt der Bergische Kunstpreis zu den höchstdotierten Kunstpreisen in Deutschland. Die Qualität der eingereichten Bewerbungen ist entsprechend hoch.

Wie breit ist da die Unterstützung aus der Solinger Stadtgesellschaft?

Elbracht-Iglhaut: Die Bergische ist die besucherstärkste Ausstellung des Hauses und wird von Solingerinnen und Solingern jeden Alters besucht. Die Stadt-Sparkasse hat die Anzahl der Publikumspreise auf drei und die Dotierung auf 3000 Euro erhöht. Der Rückhalt für diese Ausstellung ist sehr hoch. Das zeichnet die Solinger Stadtgesellschaft aus, denn die Unterstützung der Gegenwartskunst, die gerne mal sperrig und nicht gefällig ist, setzt Offenheit unabdingbar voraus. Die Solinger Firmen im Art-Sponsoring und unsere Ehrenamtler stehen seit Gründung des Hauses für bürgerliches Engagement und freuen sich jedes Jahr gespannt auf die Bergische Kunstausstellung.

Warum engagiert sich das Kunstmuseum stark für die junge, zeitgenössische Kunst?

Elbracht-Iglhaut: Eben auch aus diesem Grunde: Zeitgenössische Kunst fördert die Bereitschaft für Neues und Unbekanntes, sie setzt sich mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen auseinander, fordert unsere Bereitschaft nachzudenken, sich auseinanderzusetzen und miteinander zu diskutieren. Diese Dinge sind in unserer Zeit wichtiger als jemals zuvor. Darüber hinaus geben wir jungen Künstlerinnen und Künstlern die Chance, sich auf dem Kunstmarkt zu etablieren. Die Bergische zieht auch viele Galeristen und Museumsleute nach Solingen, die hier Talente entdecken.

Es ist die 75. Bergische Kunststellung: Was verbindet die Ausgabe von 1947 mit der von 2021?

Elbracht-Iglhaut: Die „Bergische“ wurde von Solinger Künstlern wie Ernst Walsken und Wolfgang Meng gegründet, um nach der Zeit der Naziherrschaft der Kunst ein Forum in Frieden und Freiheit zu geben. Gott sei Dank haben wir dieses Privileg bis heute und wir sollten alles tun, um diese Freiheit der Kunst zu verteidigen.

Und was trennt sie oder unterscheidet sie?

Elbracht-Iglhaut: Noch immer reflektiert die Gegenwartskunst die Zeit, in der wir leben. Die hat sich entscheidend geändert. Dazu kommen die schon erwähnten neuen Techniken, wie Video oder digitale Formen der Kunst.

Sie betonen immer wieder, wie wichtig die Freiheit der Kunst als Ausdruck demokratischen Fortschritts ist. Braucht Solingen dazu ein eigenes Kunstmuseum?

Elbracht-Iglhaut: Zum einen betreuen wir die städtische Kunstsammlung, die bis 2023 digital erfasst sein wird. Dazu zählt das umfangreiche Werk von Georg Meistermann, einer der einflussreichsten und bedeutendsten Künstler der Nachkriegszeit. Insgesamt zählen rund 10 000 Gemälde, Grafiken und Skulpturen regionaler und überregionaler Künstlerinnen und Künstler dazu. Mit der Internationalen Bergischen Kunstausstellung zeigen wir eine überregional bedeutende Ausstellung, die zum Aushängeschild der Solinger Kulturlandschaft zählt. Die Künstler, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Solingen ein Kunstmuseum erhält, zeigen ihre Jahresschau und ziehen auf lokaler Ebene zahlreiche Menschen in das Haus. Die Museumspädagogik ist mit 4000 Kindern und Jugendlichen eine der erfolgreichsten unserer Region.

1947 gab es so etwas wie eine Aufbruchsstimmung nach der Unterdrückung der Kunst durch das Nazi-Regime. Zu welchen Ufern strebt die Kunst heute?

Elbracht-Iglhaut: Die Kunst bezieht neue Techniken ein, befasst sich zudem mit aktuellen Themen wie Klimawandel, Migration, Diversität oder Genderfragen. Die Kunst verlässt die Museumsmauern, erreicht viele Bevölkerungsschichten, ist partizipativ und offener und elementar wichtiger als jemals zuvor.

Hintergrund

Zur Person: Gisela Elbracht-Iglhaut (56) studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum. Die Wuppertalerin war von 1989 bis 1996 im Von der Heydt-Museum als freie Mitarbeiterin tätig. 1996 wechselte sie an das Solinger Kunstmuseum und wurde 2001 stellvertretende Leiterin des Hauses. Seit 2019 ist sie Direktorin des Museums und Geschäftsführerin der Kunstmuseum Solingen Betriebsgesellschaft mbH. Sie veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur zeitgenössischen Kunst, darunter auch Kataloge zur „Bergischen“. Gisela Elbracht-Iglhaut lebt in Wuppertal und ist verheiratet.

Ausstellung: Die „Bergische“ wird am Montag intern eröffnet. Zu besuchen ist sie vom 21. September bis 31. Oktober, dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Öffentliche Führungen durch die Ausstellung sind jeden Sonntag um 11.15 und um 14 Uhr. Der Eintritt kostet 9 Euro, Gruppenführungen bis 25 Personen: 60 Euro.

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