Stadt hisst Friedensflagge am Rathaus

Krieg in der Ukraine: Solinger treffen sich zum Gebet

Der evangelische Pfarrer Bernd Reinzhagen und Vertreter der katholischen Gemeinde hatten zum Friedensgebet eingeladen. Foto: Michael Schütz
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Der evangelische Pfarrer Bernd Reinzhagen und Vertreter der katholischen Gemeinde hatten zum Friedensgebet eingeladen.

Die IHK zweifelt an der Versorgungssicherheit für das Bergische Land.

Von Manuel Böhnke, Philipp Müller und Simone Theyßen-Speich

Solingen. Angst, Ohnmacht und der Wunsch, sich gegenseitig beizustehen – diese Gefühle waren es, die am Abend mehr als 100 Besucher in die Walder Kirche kommen ließen. Die evangelische Gemeinde Wald und die katholische Gemeinde St. Sebastian hatten zum ökumenischen Friedensgebet eingeladen. „Was tut es gut, dass Sie alle da sind“, begrüßte Superintendentin Dr. Ilka Werner die Anwesenden. Pfarrer Bernd Reinzhagen holte die Zuhörer ab mit seinen Gedanken zum „Krieg 3.0, dem Krieg der Waffen und der Worte“, der aktuell den Frieden bedroht. „Heute Morgen sind wir in einem anderen Europa aufgewacht.“

Die Stadt ließ als Zeichen der Solidarität die Flagge des Bündnisses ,Majors for Peace‘ (Bürgermeister für den Frieden) vor dem Rathaus hissen. „Not, Leid, Angst und Tod werden über das Land gebracht. Allen Betroffenen gehört mein tiefes Mitgefühl, ebenso wie den knapp 600 Solingerinnen und Solingern mit ukrainischen Wurzeln, die in der Klingenstadt ihre Heimat gefunden haben. In denke an sie, an ihre Verwandten und an ihre Landsleute. Und ich nehme sie in meine Gebete auf“, so Oberbürgermeister Tim Kurzbach. Die Ukraine habe sich zu Europa und zum Westen bekannt, diese müssten nun an der Seite der Ukrainer stehen. „Es wird viel humanitäre Hilfe nötig werden, wenn es nicht gelingt, den Konflikt schnell zu beenden. Wir müssen bereit sein, unseren Beitrag zu leisten.“

Die Bergische IHK befürchtet „kurzfristig drastisch steigende Energiepreise“ – mit Blick auf russisches Erdgas, das mehr als 50 Prozent des deutschen Verbrauchs ausmache, bestehen „Zweifel an der Versorgungssicherheit, insbesondere vor dem Hintergrund der Ausstiegsszenarien bei fossilen Energieträgern“. Laut Schätzungen der IHK liege das Handelsvolumen mit Russland bei vier bis fünf Prozent, etwa doppelt so hoch wie der NRW-Durchschnitt. Dies sei auf die allgemein höhere Exportquote der Betriebe in Remscheid, Solingen und Wuppertal zurückzuführen. Seit 2014 sei das Handelsvolumen mit Russland rückläufig. Nichtsdestotrotz erklärt die IHK: „Einzelne Firmen werden stärker betroffen sein, insbesondere auch durch die kommenden Sanktionen.“ Das Handelsvolumen mit der Ukraine sei deutlich geringer. Es gebe aber Zulieferleistungen für die Automotive-Industrie, da sei mit Lieferausfällen zu rechnen.

Rückgang der Wirtschaftstätigkeit um 0,5 Prozent erwartet

Prof. Dr. Paul J.J. Welfens, Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Wuppertal, sieht „eine Katastrophe für die Menschen in der Ukraine“. Zu den Verlierern gehörten die Auto-, Chemie- und Maschinenbau-Industrie, für die Russland über viele Jahre ein wichtiger Absatzmarkt war. Die Wirtschaft im Städtedreieck dürfte ebenso wie Deutschland insgesamt mit einem Rückgang der Wirtschaftstätigkeit um 0,5 Prozent durch den Krieg betroffen sein.

Jürgen Hardt bekennt, dass man „der rohen Gewalt Russlands auch ein Stück ohnmächtig“ gegenüberstehe. Der Bundestagsabgeordnete für Solingen und Remscheid sowie außenpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion erklärt: „Unser Versuch, mit Russlands Präsident Putin eine gemeinsame Politik für Sicherheit und Wohlstand zu gestalten, ist gescheitert.“ Auch wenn die Russland-Politik am Scheideweg stehe, gehe es jetzt darum, die freiheitlichen Völker und Staaten im östlichen Europa durch die Nato und die EU vor weiteren Übergriffen zu schützen. „Deutschland muss dabei Motor sein.“

Der SPD-Landtagsabgeordnete Josef Neumann, stellvertretender Vorsitzender der Parlamentariergruppe NRW-Polen-Mittelosteuropa, sagt: „Putins Angriff ist eine verbrecherische Kriegshandlung, die jeglichen menschlichen und völkerrechtlichen Grundlagen zuwiderläuft.“ Seine Gedanken seien bei den Menschen, „die um ihre Existenz und ihr Leben bangen“. Er stehe in Verbindung mit Freunden in der Ukraine, Russland, Polen, Ungarn und im Baltikum.

Standpunkt: Gegenseitig Halt geben

Von Simone Theyßen-Speich

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Der Wunsch, mit seinen Gedanken an so einem Abend nicht allein zu sein, das Nicht-Fassen-Können dessen, was man den ganzen Tag über in den Nachrichten erfahren hat, und die Angst davor, was ein Krieg in Europa für die Menschen in der Ukraine, aber auch für uns bedeuten kann - diese Gedanken hatten wohl alle, die am Donnerstagabend zum Friedensgebet in die Walder Kirche gekommen waren. Und es war wohl auch das Bedürfnis, etwas zu tun, irgendetwas der Ohnmacht entgegenzusetzen. Bis zuletzt habe man nicht glauben können, dass es tatsächlich so weit kommt, sagten einige. Andere erinnerten sich in leisen Gesprächen vor der Kirche an den Krieg in Ex-Jugoslawien oder an die Golfkriege – auch damals habe man sich in der Kirche getroffen, habe die Gemeinschaft gesucht. Gespräche, miteinander reden, das sei doch so wichtig. Pfarrer Bernd Reinzhagen zitierte Helmut Schmidt „Lieber einhundert Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen.“ Diesen Funken Hoffnung, dass Verhandlungen und Gespräche doch noch das Schlimmste verhindern können, wollten die Besucher in Wald nicht verlieren.

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