Nach dem Hochwasser

Solingen krempelt die Ärmel hoch

Guido Birkenbeul zeigt, wie hoch das Wasser der Wupper am Wipperkotten stand.
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Guido Birkenbeul zeigt, wie hoch das Wasser der Wupper am Wipperkotten stand.

Mehr als 650 Einsätze, 1000 Hilfsangebote.

Von Philipp Müller, Melissa Wienzek, Manuel Böhnke

Solingen. Bis zum Freitagabend war die Hofschaft Wippe zwei Tage lang nicht erreichbar. Warum, das erklärt Guido Birkenbeul vom Förderverein der Schleiferei Wipperkotten, indem er seinen Arm weit über den Kopf erhebt: 2,30 Meter stand die Wupper dort in der Nacht zum Donnerstag hoch. Unermüdlich fährt Björn Maßmann Schubkarre um Schubkarre Schlamm fort. Der Vereinsvorsitzende Reinhard Schrage sorgt sich um die Sedimente, die sich wie zäher Zement um die Welle des Wasserrads gelegt haben. Am liebsten wäre ihm, jemand käme mit einem Schlammsauger – doch anrufen kann er niemanden, denn Handyempfang gibt es kaum. Etwa zehn Vereinsmitglieder retten, was noch zu retten ist.

In den vom Hochwasser betroffenen Gebieten glichen sich die Bilder am Wochenende. Große Zerstörung – und große Solidarität. „Die Hilfsbereitschaft der Solingerinnen und Solinger ist großartig“, sagte Stephanie Gassner von der städtischen Koordinierungsstelle für Hochwasserhilfe. Mehr als 1000 Hilfsangebote gingen bis Sonntagmittag beim Koordinierungstelefon ein. Unter anderem meldeten sich Landschaftsgärtner, die die Feuerwehr einsetzen konnte.

Viele Anrufer boten Sachspenden an. Dafür gebe es derzeit eher eine geringe Nachfrage (siehe unten). Vielmehr brauche es praktische Hilfe. Drei Mitarbeiter der Koordinierungsstelle waren deshalb Samstag und Sonntag in den Einsatzgebieten unterwegs, um den Bedarf zu ermitteln.

„Die Hilfe ist überwältigend.“

Florian Unkel, Alte Schlossfabrik

Auch Feuerwehr, Technisches Hilfswerk (THW), Technische Betriebe, Stadtwerke und der Stadtdienst Ordnung sind im Dauereinsatz. Bis Samstagabend waren in Solingen rund 650 Einsätze zu verzeichnen. Freitag und Samstag lagen die Schwerpunkte in Unterburg, Rüden und Friedrichsaue, Wipperaue, Haasenmühle und auf dem Campingplatz Glüder. Rund 190 Kräfte von Feuerwehr, THW und den anderen Beteiligten waren am Wochenende im Einsatz.

Die große Solidarität kann Florian Unkel von der Alten Schlossfabrik bestätigen: „Die Hilfe ist überwältigend.“ Am Freitag und Samstag halfen jeweils 50 Leute beim Ausräumen und Entschlammen, gestern waren es 200. „Auch Firmen wie Elektriker oder Garten- und Landschaftsbauer sind hier.“ Man sei schon sehr weit. Allerdings werde die Beseitigung des Schadens, den Unkel auf eine halbe Million Euro nur für die Eventlocation schätzt, noch Monate dauern.

In den Wipperkotten ist ein Dutzend Freiwilliger zum Helfen gekommen. Viola Rodenkirchen-Rehmann koordinierte sie. Mit Hochwasser hätten sie gerechnet. Aber nicht so. „Normalerweise“ stehe das Wasser etwa kniehoch am Kotten, wenn die Wupper Hochwasser führe. Doch diesmal waren es mehr als zwei Meter. Betroffen davon ist der Museumsbereich in der unteren Etage. Fleißige Hände haben Ausstellungsgegenstände in den kleinen Vorgarten gebracht. Auch das Wupperwehr ist in Mitleidenschaft gezogen.

Der Kotten liegt in der Hofschaft Wippe. Der Weinsberger Bach fließt dort quer durch das Grundstück von Moritz Buchmüller. Und das Bachbett ist jetzt mehr als doppelt so groß, auf rund 30 Metern wurde durch die Flut die Böschung abgetragen und landete auf dem Gelände des Kottens und der darüber liegenden Straße. Die Überlaufbecken des Bachs sind verschlammt und überspült worden. Freitagmorgen sei unerwartet Hilfe aus Hilden gekommen. Am Vormittag sei jemand mit seinem Bagger angefahren und habe die Straße von Bäumen befreit und Schlamm weggeschaufelt.

„Aufgeben ist nicht.“

Claudia Böhm, Kiosk und Minigolf unter der Müngstener Brücke

Aus Wülfrath hatte sich Stefan Vreemann mit seinem Frontlader auf den Weg in den Müngstener Brückenpark gemacht. Mehr als 50 Helfer befreiten dort Kiosk und Minigolfanlage der Familie Böhm von einer zentimeterdicken Schlammschicht, am Sonntag ging es weiter. „Das ist unbeschreiblich“, sagte Claudia Böhm angesichts der großen Unterstützung. Noch ist viel zu tun, die Familie möchte den Traditionsbetrieb aber wieder eröffnen: „Aufgeben ist nicht.“

Gerührt und dankbar zeigte sich am Wochenende Silvia Liedgens auf dem Campingplatz Glüder. Ihre Familie betreibt die Anlage an der Wupper. Am Freitag hatten die Liedgens auch über das Solinger Tageblatt um Hilfe und vor allem schweres Gerät gebeten. Besitzer von Baggern und Radladern kamen spontan. „Mit dieser Hilfsbereitschaft hätten wir niemals gerechnet“, sagt Bastian Liedgens. Rund drei Dutzend Helfer säubern den Platz, der eine Trümmerwüste ist. Etwa 15 Wohnwagen hat die Wupper weggespült.

Unter den Helfern war auch Stefan Wolff, der selbst Camper ist und am Balkhauser Weg wohnt. Für ihn war sein Einsatz eine Selbstverständlichkeit: „Wir Camper halten zusammen.“ So sah das auch Lutz Müller, der eine Schubkarre mit Gehwegplatten zu den noch stehenden Campingwagen fuhr. Sie sollen Vorzelte sichern. Müller stammt aus Solingen und konnte am Mittwoch sein Wohnmobil noch rechtzeitig vom Platz fahren.

Am Samstag räumten THW und Feuerwehr zerstörte Wohnwagen und Vorbauten fort, die die Wupper zusammengeschoben hatte. Unermüdlich arbeiteten auch Kreissägen und zerlegten die Reste von Bäumen und Sträuchern.

Bellen war wieder im Tierheim zu hören. Das Gebäude in Glüder blieb nahezu unbeschädigt. In der Hochwassernacht mussten die Tiere dennoch kurzfristig umgesiedelt werden und kamen in anderen Tierheimen und bei Helfern unter. Am Wochenende kehrten die ersten zurück. Angesichts des Glücks, dass die Einrichtung hatte, sagte Leiterin Andrea Kleimt: „Was für ein Wunder.“ | Standpunkt

Weitere Informationen

Sperrungen: Einstweilig gesperrt bleibt die Brücke Haasenmühle. Sie muss in den kommenden Tagen von den Technischen Betrieben gereinigt und kontrolliert werden. Weitere Einschränkungen: Die Wipperauer Straße ist ab der Kreuzung Opladener Straße einseitig gesperrt. Gleiches gilt für die Leichlinger Straße Richtung Haasenmühle und Wipperaue.

Sachspenden: Noch können Sachspenden wie Möbel nicht abgerufen werden, erklärt die Stadt. Deshalb bittet die Verwaltung Solinger, die am Koordinierungstelefon entsprechende Angebote gemacht haben, um Geduld. Im Laufe der Woche nehme man Kontakt zu Hilfsorganisationen auf, „ob eine Zwischenlagerung von Sachspenden möglich und sinnvoll ist“.

Standpunkt: Schaden ist immens

Von Andreas Tews

andreas.tews@solinger-tageblatt.de

Die Eindrücke von den unter Wasser stehenden Häusern an der Wupper und den Ufern von Eschbach und anderer Gewässer haben uns schockiert. Jetzt hat die Zeit des Aufräumens begonnen. Und durch die Schutthaufen und abtransportierten Inventare wird der ganze Schaden erst richtig deutlich. Mindestens ebenso schockierend wie die Eindrücke der Wassermassen ist die damit verbundene Erkenntnis, dass innerhalb von 24 Stunden vieles zerstört wurde, was sich die Betroffenen oft ein Leben lang aufgebaut haben. Der Schaden ist so immens, dass die Menschen, deren Häuser, Firmen und Geschäfte unter Wasser standen, sich noch kaum vorstellen können, wie es weitergehen soll. Die Flutwelle hat nicht nur materiellen, sondern auch seelischen Schaden verursacht. Schon bald wird aber die Zeit des Wiederaufbaus beginnen. Dabei brauchen die Menschen, die jetzt quasi vor dem Nichts stehen, alle erdenkliche Hilfe. Diese erhalten sie von vielen Freiwilligen jetzt beim Aufräumen. Die praktische und finanzielle Unterstützung darf aber in den kommenden Wochen nicht nachlassen.

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