Wochenkommentar

Querlenker, Querdenker: Wenn die Sorge vor platten Busen größer ist als rationale Argumente

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Die Diskussionen von heute um die G-Frage erinnern ST-Chefredakteur Stefan M. Kob an eine Debatte, die 1976 die Republik spaltete. Aus heutiger Sicht ein bizarrer Glaubenskrieg, aus dem wir allerdings mindestens zwei wichtige Dinge lernen sollten.

3 G, 2 G, 2 G-Plus - die G-Frage spaltet die Nation wie nichts anderes zuvor - auch in Solingen wird heftig diskutiert. Eine andere G-Frage beschäftigte Gemüter, Gesellschaft und sogar Gerichte ebenso dramatisch: die Einführung der Gurt-Pflicht im Jahr 1976. Die irrationale Diskussion von damals erinnert verhängnisvoll an den Streit von heute über das Impfen.  


Fast hysterisch verweigerten Millionen Menschen, sich anzuschnallen. Obwohl die lebensrettende Funktion des Gurts angesichts von über 21.000 Verkehrstoten pro Jahr ein nicht zu leugnender Fakt war, machten Horrorgeschichten die Runde, man könne angeschnallt im Auto ertrinken oder nach einem Crash im Auto verbrennen. Ganz so, als ob es der Gurt wäre, der einen in diesem Fall am Aussteigen aus dem Auto hinderte

Für rationale Argumente waren die Gurtmuffel (heute würden sie sich vermutlich Querlenker nennen) nicht zugänglich. Autofahrer fühlten sich durch das Anlegen des Gurtes gefesselt. Männer fürchteten um ihre Männlichkeit, Frauen um glatte Blusen und platte Busen. Der bizarre Glaubenskrieg spaltete die Republik. Psychologen, die dem Phänomen auf den Grund gehen wollten, wurden bei ihren Befragungen von aufgebrachten Gurtgegnern sogar körperlich attackiert.  

Gurtpflicht: Erst das Bußgeld half - seitdem sind die Todeszahlen rapide gesunken

Werbekampagnen (“,Oben mit‘ ist besser“, „Erst gurten, dann starten“) halfen nichts, auch nicht eine gesetzliche Gurtpflicht, solange sie nicht kontrolliert wurde. Erst mit der Einführung eines Bußgelds von 40 Mark wurde das Tragen des Sicherheitsgurts zu der Selbstverständlichkeit, wie wir sie heute erleben. Mit dem Ergebnis, dass statt 21.000 nur noch knapp ein Zehntel der Verkehrstoten von damals zu beklagen sind - nämlich 2724. Und das bei einer Vervielfachung des Autoverkehrs und einem Zuwachs von 20 Millionen Deutschen. 

Es gibt durchaus Parallelen: Beide - Querdenker und Querlenker - belasten mit ihrer Entscheidung die Allgemeinheit, die für die Kosten von Wiederbelebung und Krankenpflege aufkommen muss. 

Der fundamentale Unterschied:  Während der unangeschnallte Autofahrer beim Flug durch die Windschutzscheibe nur sein eigenes Leben beendet, gefährdet der ungeimpfte Egomane auch das Leben seiner Mitmenschen, die sich mit einer Vorerkrankung selbst mit Impfung nicht zu 100 Prozent vor einem schweren Verlauf schützen können. Ganz zu schweigen, dass wegen lockerer Gurte kein Lockdown verhängt werden musste, der eine ganze Volkswirtschaft in den Ruin zu stürzen droht.  


Kann man aus 1976 lernen? Ja. Denn wir scheinen ein Volk von irrationalen Prinzipienreitern und Realitätsverweigerern zu sein, das nur durch strafbewehrte Gesetze zur Räson zu bringen ist. Beim Geld hört offensichtlich nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Freiheitsliebe auf. 


In den 70ern gab es allerdings noch Politiker, die Kurs halten konnten und nicht schlingernd durch die Landschaft kurvten. Vielleicht fuhren sie bei Krisen manchmal auch auf Sicht, aber sie wischten vorher die beschlagene Scheibe und nahmen Karte und Kompass mit. 


Das würde heute viel helfen. Denn Bundes- und Landespolitik verspielen gerade nach fast zwei Jahren katastrophalen Krisenmanagements den letzten Rest an Glaubwürdigkeit. Erst zerschlägt sie gegen alle städtischen Warnungen und Virologen-Prognosen die teuer aufgebauten Strukturen beim Impfen und Testen - um sie wenige Wochen später wieder mühsam aufbauen zu lassen.  Erst der Verteilungskampf, weil zu wenig Impfstoff vorhanden war, jetzt, weil es zu wenig Impfstellen gibt - Wasser auf die Mühlen der Skeptiker, die der Politik ohnehin schon nichts mehr glauben.  


Top: Zauberhaftes Schloss-Burg-Leuchten noch an den nächsten beiden Wochenenden. 


FlopAbellio-Aus beim “Müngstener“ nach nur neun Jahren. 

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