Mein Blick auf die Woche

Kommentar: Deshalb brauchen wir auch in Solingen eine wirkliche Zeitenwende

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
+
stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Ein Silvester mit vielen Sorgen: Dieses Gefühl schwingt in fast allen Gesprächen über den Jahreswechsel mit, hat ST-Chefredakteur Stefan M. Kob beobachtet. Er fasst seine Eindrücke zusammen - und sagt, was ihm Hoffnung bereitet.

Solingen. Glaubt man den Meinungsforschern, dann gucken die Bürgerinnen und Bürger auch in unserer Stadt nicht gerade mit Optimismus aufs neue Jahr, das in der Nacht zum Sonntag beginnt. Die Stimmung konnte nicht einmal der oberste Virologe der Republik, Christian Drosten, heben, indem er die größte Krise der letzten Jahre für beendet erklärte - und das trotz des heraufziehenden neuen Coronasturms, der sich in China zusammenbraut. 

Im vergangenen Jahr hätte die Nachricht vom Ende der Pandemie (zumindest in ihrer angsteinflößendsten Form) wohl noch zu spontanen Jubelfeiern und knallenden Sektkorken geführt. Doch die sich stapelnden weiteren Weltkrisen - allen voran der brutale Krieg in der Ukraine und die Klimakrise - drücken stark auf die Stimmung zum Jahreswechsel. 

Die Sorgen, die sich jeder Solinger macht, sind das eine. Das andere sind die großen Probleme, die die Stadtverantwortlichen auf sich zukommen sehen.  

Allen voran die Finanzkrise. Obwohl sich das Steueraufkommen seit Anfang der 90er Jahre fast verdreifacht hat und die Steuerlast insbesondere für die Unternehmen die höchste unter den großen Industrienationen ist, reicht das Geld vorne und hinten nicht. Die Städte verweisen dafür gerne und oft zu Recht auf Düsseldorf und Berlin. Denn dort werden immer wieder Gesetze verabschiedet wie der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz oder schulische Ganztagsbetreuung. Ausbaden dürfen die wohlfeilen Beschlüsse aber vor allem die Städte, denn bei Umsetzung und Finanzierung sind die Kommunen weitgehend auf sich allein gestellt. H

Und nun kommt alles gleichzeitig: Die Mega-Inflation lässt die Kosten explodieren, die steigenden Zinsen verteuern Kredite, die Energiepreise zerschießen jede Kalkulation, die Baukosten kennen nur eine Richtung: nach oben. Ein Cocktail, der toxisch wird für die Zukunft unserer Städte, die gegen den Abwärtstrend eigentlich mehr statt weniger investieren müssten. 

Der Fachkräftemangel: Die Babyboomer-Generation geht scharenweise in Rente, qualifizierte Fachkräfte sind bereits Mangelware. Vor allem Pflegekräfte und Kinderbetreuer fehlen. Der öffentliche Dienst gerät dabei zunehmend in Konkurrenz zur privaten Wirtschaft, die ebenfalls händeringend Nachwuchs sucht.

Dabei hat der Staat als Arbeitgeber tüchtig Stellen aufgebaut - 12 Prozent mehr in den letzten 15 Jahren. Die Städte müssen dringend strenge Aufgabenkritik betreiben, an welchen Stellen sie noch Personal benötigen und wo nicht. Eine Aufgabe, die wiederum durch den Bund erschwert wird. Die vollmundig in Berlin beschlossene „größte Wohngeldrefom in der Geschichte Deutschlands“ wird ab Montag für dreimal so viel Anträge sorgen. Wie das zu schaffen ist ohne mehr Personal? Das Rathaus ist ratlos. 

Was direkt auf die nächste große Baustelle verweist: die fehlende Digitalisierung, die eine Schneise durch die wuchernde Formular-Bürokratie schlagen könnte. Trotz eines coronabedingten Digitalisierungsschubs kommt Deutschland aber im Vergleich zu fast allen Nachbarländern nur extrem schwerfällig voran. 

Die nächste große Herausforderung hat wieder direkt mit dem Krieg in Europa zu tun: die Flüchtlingskrise. Wir erleben die größte Wanderungsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg, und die Menschen, die zu uns kommen, brauchen nicht nur Schutz, sondern auch Unterkunft, Kleidung, Medikamente, Betreuung, Platz in Kindergärten und Schulklassen. Zuständig für alles, wie soll es anders sein: die Stadt. 

Innenstadt: Die City steht vor dem größten Umbruch der Nachkriegszeit. Der stationäre Einzelhandel ist weiter auf dem Rückzug und löst eine Spirale von Leerständen und Verwahrlosung aus, die sich immer schneller dreht.  Jetzt erwischt es auch das Traditionscafé Kersting, das auf der Kölner Straße für die nächste Hiobsbotschaft sorgt.

Dabei gibt es Einigkeit darüber, wie der Strukturwandel zu bewältigen ist. Die Experten raten zu einem Mix aus Läden, Handwerk, Kunst, Kultur, Gesundheitsangeboten und sozialen Treffpunkten neben der Gastronomie, zu Sitzgelegenheiten auf Plätzen und zu kleinen Parks. In Angriff genommen ist schon einiges. Doch es dauert lange, bis sich die heilende Wirkung entfalten kann. Zu lange? 

Verkehrswende: Die spürbaren Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels fordern ein Umdenken. Dabei kann das elektrisch betriebene Lastenrad nicht das Allheilmittel sein, wie wir künftig unsere Mobilität gewährleisten wollen. Der notwendige Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs erfordert gewaltige Investitionen, und die notwendige Verknüpfung der verschiedenen Verkehrsträger benötigt intelligente Lösungen.

Bisher konzentrieren sich die Bemühungen aber mehr darauf, das Auto zu verteufeln und zu verbannen. Hier vergessen die Verantwortlichen leider allzu oft, dass ein Großteil der Bürger nach wie vor und lange noch auf das Auto angewiesen sein wird. 

Und trotzdem: Die Krisenserie trifft auf einen Staat und eine Wirtschaft, die immer noch in einer starken Verfassung sind. Die Unternehmen zeigen sich überraschend stabil, eine tiefe Rezession scheint abgewendet, die Inflation hat ihren Scheitelpunkt wohl überschritten, die Gasspeicher füllen sich wieder - und damit die Hoffnung, dass das Land einigermaßen stabil durch diese schweren Zeiten kommt. Und wenn es überhaupt zu schaffen ist, dann nur mit Optimismus, Tatkraft, Mut und Entschlossenheit, die Krise als Chance zu begreifen und jetzt beherzt anzupacken. Depressive Tatenlosigkeit, so viel steht fest, wird uns nicht weiterhelfen.

Das neue Jahr kann - und muss - das Jahr des hoffnungsvollen Aufbruchs werden. Das Jahr der wirklichen Zeitenwende.

Jahresrückblick: Die Monate Juli bis September 2022 in Solingen

Für drei Jahre soll ab Freitag, 15. Juli, eine Behelfsbrücke die Siedlungen Haasenmühle und Wippe verbinden.
Am 5. Juli wird die Behelfsbrücke Haasenmühle eingehoben - drei Jahre lang soll sie die Siedlungen Haasenmühle und Wippe verbinden. Das Jahrhunderthochwasser hatte die Brücke schwer beschädigt. © Michael Schütz
Kirsten Olsen-Buchkremer von der Solinger Bädergesellschaft wirbt für einen Besuch im Heidebad: Es böte die Möglichkeit für einen Urlaub vor der Haustüre.
Hitzewellen: Mitte Juli gibt´s Spitzenwerte bis 37 Grad, im August gibt es erneut Hitzewarnungen.  © Tim Oelbermann
Klingenpride im Südpark
Der erste Klingenpride im Südpark am 30. Juli ist ein voller Erfolg: Tausende feiern Vielfalt und Toleranz. © Christian Beier
Friederike Höroldt, Pfarrerin an der Stadtkirche, ist verheiratet mit einem Lehrer und hat zwei schulpflichtige Söhne.
1767 i-Dötzchen starten im August ins Schulleben – so viele wie noch nie. Zwei Grundschulen nehmen bis zu 30 Kinder pro Klasse auf. 16 Schulen haben Willkommensklassen für Kinder aus der Ukraine. © Christian Beier
Jan Delay begeisterte am Samstagabend die Menschen in Solingen.
Ohligs feiert ab: Jan Delay und Disko No. 1 liefern eine grandiose Show, Tausende feiern beim Konzert an der Prinzenstraße. © Andreas Horn
Zahlreiche Polizeibeamte und Rettungskräfte waren am Mittwochabend an der Hasselstraße im Einsatz.
Messerattacke auf offener Straße: Ein Mann (26) soll an der Hasselstraße auf bei einem Streit einen 31-Jährigen eingestochen haben, der seinen schweren Verletzungen erliegt. Die Polizei bildet eine Mordkommission. © Tim Oelbermann
Ohligser Rathaus: Ensemble wechselt den Besitzer
Das Ohligser Rathaus wechselt Eigentümer: Mirko Novakovic übernimmt im August das Gebäude-Ensemble von Jörg Föste. © Christian Beier
Die Eissporthalle ist ein Alleinstellungsmerkmal im Bergischen Land – und wird dies wohl auch bleiben.
Die Eissporthalle ist ein Alleinstellungsmerkmal im Bergischen Land – und wird dies wohl auch bleiben. Solingen will die Eishalle zurückkaufen. Betreiber soll der EC Bergisch Land werden, die Lebenshilfe soll eine Entschädigung erhalten. © Christian Beier
See You spielen seit 19 Uhr bei der Sommerparty Echt.Scharf.Solingen. auf dem Neumarkt
13. August: „Echt.Scharf.Solingen“ feiert Comeback mit Pop, Rock und Blues und lockt Tausende in die City.  © Christian Beier
Nach dem offiziellen Festakt am Samstagabend gab es am Sonntag ein Familien-Programm.
29./30. August: Remscheid und Solingen feiern 125 Jahre Müngstener Brücke. 40.000 Besucher erleben das Brückenfest mit Festakt und Open-Air-Konzert der Symphoniker, Dampfloks und Familien-Programm. © Christian Beier
Philipp Köster (v. l., Kondor Wessels), Andrea Platena und Peter Solhdju (beide HSA-Architektenbüro Berlin), Emilio Bertarelli (Kondor Wessels), OB Tim Kurzbach und Dezernent Andreas Budde führten den traditionellen Spatenstich für das Projekt „Greeen“ durch.
30. August: Spatenstich für 167 neue Wohnungen in Wald. Der Baukonzern Kondor Wessels investiert in Wald 70 Millionen Euro in das Projekt „Greeen“. © Christian Beier
Am Mittwochabend machten viele – wie hier an der Merscheider Straße – ihren Tank noch einmal voll.
Am 30. August machten viele – wie hier an der Merscheider Straße – ihren Tank noch einmal voll: Der Tankrabatt endet. © Tim Oelbermann
Der Zöppkesmarkt ist nach zweijähriger Corona-Pause zurück.
Der Zöppkesmarkt ist nach zweijähriger Corona-Pause zurück: Die Innenstadt ist ab 9. September rappelvoll.  © Christian Beier
Zugausfälle gehören bereits seit Monaten zum Alltag der Pendler und Reisenden im Bergischen Land.
Zugausfälle und Notfahrpläne gehören seit Monaten zum Alltag der Pendler und Reisenden im Bergischen Land. Viele sind spätestens ab dem Herbst sehr genervt. © Christian Beier
Seit Freitagmittag ist Zufahrt auf die Viehbachtalstraße in Ohligs nicht mehr möglich.
16. September: Die Viehbachtalstraße (L 141n) wird gesperrt, weil die Fahrbahn plötzlich abgesackt ist und sich noch weiter senken kann. Die Umleitung sorgt für Staus. © Michael Schütz
Die Kita Klingenbande befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus.
Vorwürfe Mitte September: In der Kita Klingenbande soll eine Erzieherin Kinder körperlich misshandelt haben. Später gibt es auch ähnliche Ermittlungen in der Kita Uhlandstraße. © Christian Beier
Die Fußgängerin wurde bei dem Unfall schwer verletzt.
Durchsuchung Ende September in Solingen: Ein 23-Jähriger hatte einen Bombenalarm an einer Düsseldorfer Schule angedeutet. Bombenentschärfer durchsuchen seine Wohnung in Wald.  © Roland Keusch (Symbol)

Das hat die Menschen in Solingen in dieser Woche auch interessiert:

Dieser Mann hat alle Länder der Welt gesehen

Frust bei Borbet-Mitarbeitern sitzt tief

Gebühren in Solingen: So viel zahlt Familie Mustermann im kommenden Jahr

411 Verfahren: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Subventionsbetrugs

Viele Fotos: Das war der Mumms-Frühschoppen am 24. Dezember

Driving home for christmas: Am Bahnsteig beginnen die Weihnachtsreisen - Reportage vom Hauptbahnhof

 

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Unfall: Eine Person verletzt
Unfall: Eine Person verletzt
Unfall: Eine Person verletzt
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest

Kommentare