Entsorgung

Knochenjob Müllwerker: Unterwegs mit Kolonne 7

Das Hochstemmen und Einhängen der Tonnen sieht auf den ersten Blick einfach aus, doch dafür bedarf es einigen Trainings.
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Das Hochstemmen und Einhängen der Tonnen sieht auf den ersten Blick einfach aus, doch dafür bedarf es einigen Trainings.

ST-Autor Moritz Berger begleitet einen Tag die Müllwerker der Technischen Betriebe.

Von Moritz Berger

Solingen. Der Geruch hängt mir noch den ganzen Tag über in der Nase. Die Männer sagen zwar, dass man sich daran gewöhnt. Doch damit sich dieser Zustand einstellt, dauert es wohl etwas länger, als ein paar Stunden mit den Müllwerkern der Technischen Betriebe unterwegs zu sein. Doch um den Geruch soll es gar nicht gehen, denn während die Autofahrer hinter uns drängeln, erledigen die Männer täglich einen Knochenjob.

Es ist ein warmer Tag, die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel herunter, aber sie brennt zu dieser Zeit noch nicht. Ausgestattet mit Warnweste, Sicherheitsschuhen und knalliger Latzhose stoße ich zu jener Kolonne dazu, die sich um den Süden kümmert. An diesem Tag steht für die fünf Müllmänner die „Volltour“ auf dem Programm: das Leeren aller Restmülltonnen auf einer der Stammstrecken. Um die 20 bis 25 Kilometer laufen sie am Tag, dazu kommt das Hochstemmen der gefüllten Tonnen.

„Durch den Job sparen wir uns das Fitnessstudio“, sagt Jonas Rischke. Vor mir steht ein junger Mann, der seine langen Haare zu einem Dutt zusammengebunden hat, was ihm den Spitznamen Tarzan einbrachte. Eigentlich wollte Rischke Heilpädagogik studieren, ist dann aber bei der Müllabfuhr gelandet. „Bei der Arbeit bin ich viel an der frischen Luft und in Bewegung, vor allem aber nimmt man nichts mit nach Hause“, erklärt er mir seine Beweggründe. Man leert die Mülltonnen und kann nach Feierabend einfach abschalten. Außerdem schätzt Rischke die kernigen und offenen Charaktere, mit denen er es bei der Arbeit zu tun hat.

So wird im Team viel herumgefrotzelt, auch sonst ist die Stimmung gut. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Truppe aus Stammleuten besteht, die immer gemeinsam unterwegs sind. „Es ist wichtig, sich auf die Leute verlassen zu können“, sagt mir Enrico Girardi. Er ist der Kolonnenführer und übernimmt meist die Position des „Raussetzers“, also desjenigen, der die Mülltonnen an den Straßenrand holt. Die umgekehrte Aufgabe nimmt der „Reinsetzer“ wahr, während zwei „Kipper“ die Tonnen in die entsprechende Vorrichtung hinten am Fahrzeug einhängen und „reinknallen“, wie es Girardi nennt.

„Man muss immer aufpassen und für andere Verkehrsteilnehmer mitdenken.“

Adam Janke

Dabei ist es gar nicht so leicht, auf Anhieb die Tonne richtig an die Kippvorrichtung zu hängen, wie mir die eigenen Fehlschläge vor Augen führen. Der Arm hebt sich, doch ohne die Mülltonne – eine Szene, die bei Jonas Rischke und Giacomo Nogara am Kipper nicht zu beobachten ist.

Wenn die Männer an einem Kindergarten vorbeikommen, winken sie allerdings erst einmal den Kindern zu, die den Gruß fröhlich erwidern. Bei den Kleinen stünden die Müllwerker mit ihrem großen Fahrzeug hoch im Kurs, erzählt mir Girardi. Er hat sich außerdem angewöhnt, ein paar Hundeleckerlis in der Tasche zu haben. „Wenn wir regelmäßig unsere Strecke fahren, trifft man immer wieder auch dieselben Hunde und ihre Herrchen.“

TBS sammeln 36 000 Tonnen Müll pro Jahr

Sowieso kommen die Männer an diesem Tag immer wieder mit Anwohnerinnen und Anwohnern ins Gespräch, manche reichen ihnen auch kleine Geschenke. Am Vormittag kommt ein älterer Herr aus seinem Haus und reicht Jörg Buchbender ein Sixpack Bier in die Fahrerkabine. Er steuert das große Müllfahrzeug und darf keine Tonne am Straßenrand übersehen. Deshalb bremst Buchbender, der kurz vor der Rente steht, regelmäßig ab, so dass die Müllwerker gekonnt vom Trittbrett auf der Rückseite springen können, um die nächste Tonne zu holen. Und direkt wieder rauf aufs Brett und weiter geht’s. Gerade in den Kurven merke ich, wie gut ich mich festhalten muss.

Immer wieder drängeln Autofahrer hinter dem Müllwagen und überholen uns hektisch. „Da muss man immer aufpassen und für andere Verkehrsteilnehmer mitdenken“, weist mich Adam Janke auf riskante Überholmanöver hin. Die Männer wünschen sich deshalb alle etwas mehr Rücksicht und Geduld, wenn sie bei Wind und Wetter den Restmüll leeren. „Insbesondere bei Nässe kann es schon ungemütlich werden“, berichtet Enrico Girardi.

Diese Erfahrung bleibt mir an diesem Tag jedenfalls erspart. Trotz allem kommt Girardi gerne zur Arbeit, weil sie für ihn Sinn macht. „Ohne uns Müllwerker läuft in diesem Land nicht viel.“ Kurz danach ist der Wagen voll und bevor sie an der Müllverbrennung „abschlagen“, machen die Männer eine wohlverdiente Mittagspause.

Hintergrund

Um die 40 500 Restmülltonnen in Solingen zu leeren, sind bis zu neun Kolonnen am Tag unterwegs. In der Regel besteht die Besatzung aus vier Werkern und einem Fahrer. Die Kolonnen legen am Tag durchschnittlich 50 bis 60 Straßen zurück. Bereits ab 7 Uhr morgens sind die 84 Müllwerker der Technischen Betriebe unterwegs. Derzeit arbeiten bei der Restmüllleerung allerdings keine Frauen.

Lesen Sie auch: Welche Abfälle gehören in die Biotonne?

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