Interventionsteam

Kirchenkreis greift bei Missbrauch früh ein

Solingens Superintendentin Dr. Ilka Werner.
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Solingens Superintendentin Dr. Ilka Werner.

Evangelische Gemeinden setzen seit 2019 auf ein Interventionsteam.

Von Philipp Müller

Solingen. Sexueller Missbrauch ist nicht nur in der katholischen Kirche ein Thema. Der Evangelische Kirchenkreis Solingen hat bereits seit 2019 ein Interventionsteam installiert. Die Superintendentin des Kirchenkreises, Dr. Ilka Werner, zog jetzt gemeinsam mit Vertretern aus den Gemeinden beim ersten Jahrestreffen der Verantwortlichen in der Evangelischen Kirche in Solingen für die Prävention gegen sexuellen Missbrauch Bilanz: „Ich danke allen, die sich dafür einsetzen, dass unser Schutzkonzept funktioniert und unsere Kirche wirklich zum Schutzraum wird.“

Einer der Hauptverantwortlichen für die Umsetzung des Schutzkonzeptes sei Vlad Chiorean, berichtet Pfarrer Thomas Förster, Pressesprecher des Kirchenkreises. „Der Mitarbeiter der Evangelischen Beratungsstelle im Diakonischen Werk ist eine von zwei Vertrauenspersonen, die der Kreissynodalvorstand zum Koordinator und ersten Ansprechpartner bei möglichen Vorfällen gewählt hat.“

Bereits 2019 habe der Kirchenkreis sein Schutzkonzept in Kraft gesetzt. Es soll Kinder, Jugendliche und Erwachsene schützen. „Schutzort Kirche“ hätten die Verantwortlichen diese Initiative getauft, sagt Förster. „Eine Kultur des Hinsehens und des Ansprechens soll etabliert werden“, sei das gemeinsame Ziel.

„Wir sind in der Umsetzung des Konzepts weit gekommen“, betont Vlad Chiorean. Das Vorgehen funktioniere so: Sobald im Kirchenkreis, in Gemeinden, Kindergärten, in der Jugendarbeit oder im Diakonischen Werk eine Grenzverletzung gemeldet wird, soll bei den Vertrauenspersonen das Telefon klingeln. Dann werde das Interventionsteam aktiv. Das Team nehme sofort Kontakt zu externen Fachleuten auf, schreibe einen Bericht, wende sich an die Meldestelle der Landeskirche und veranlasse, wenn nötig, personelle oder juristische Schritte, so Chiorean.

„Täter sollen in unserer Kirche kein Milieu vorfinden, in dem sie sich ungestört fühlen.“

Dr. Ilka Werner, Superintendentin

Bisher sei das Team seit 2019 dreimal in unterschiedlicher Besetzung zusammengekommen, berichtet Dr. Werner auf Tageblatt-Nachfrage. Aber Fälle, die zu einer Anzeige führten, habe es nicht gegeben. Das System „Schutzraum Kirche“ sei auch so gedacht, dass bereits bei kleineren Verdachtsfällen das Verfahren anlaufe, um frühzeitig mögliche spätere Verfehlungen auszubremsen.

In den vergangenen drei Jahren habe sich dies gezeigt, sagt Fachmann Chiorean: „Das neue System funktioniert.“ Darauf wolle sich der Kirchenkreis aber nicht ausruhen, sagt Thomas Förster: „Die Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen passen das Schutzkonzept ihren eigenen Bedingungen vor Ort an.“

Jeder kirchlich Mitarbeitende – ob ehrenamtlich oder hauptamtlich – solle früher oder später an so einer Schulung teilnehmen. „Natürlich auch die Leitungen von Gemeinden, Einrichtungen und Kirchenkreis“, ergänzt Förster. Erste Schulungsrunden habe es bereits gegeben.

Beim Jahrestreffen mit Erfahrungsaustausch betonte Superintendentin Ilka Werner den Sinn für den „Schutzort Kirche“ in Bezug auf die Abschreckung möglicher Täter: „Täter sollen in unserer Kirche kein Milieu vorfinden, in dem sie sich ungestört fühlen.“

Standpunkt von Björn Boch: Die Zeit drängt

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Zum ersten Mal überhaupt sind seit diesem Jahr weniger als 50 Prozent der Deutschen Mitglied in einer der beiden großen Kirchen. Der historische Tiefstand bei der evangelischen wie bei der katholischen Kirche hat sicherlich viele Ursachen – auch sie leiden darunter, dass Bindung verloren geht. Das bereitet vielen Vereinen ebenso Probleme.

Im Fall der Kirchen spielen aber auch Missbrauchsskandale, insbesondere bei den Katholiken, eine große Rolle. Natürlich gibt es Missbrauch in vielen Institutionen und Kontexten. In einer Kirche ist die moralische Diskrepanz zwischen vermeintlicher Überzeugung und Tat beim schrecklichen Verbrechen Missbrauch aber besonders hoch.

Es ist gut, dass der Evangelische Kirchenkreis wertvolle Erfahrungen mit seinem Frühwarnsystem sammelt. Kirche kann nur moralisch integer überleben. Dass sie dafür nicht mehr viel Zeit hat, zeigen die langen Wartezeiten für Kirchenaustrittstermine auch in der Klingenstadt.

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