Solingerin soll ihre fünf Kinder getötet haben

Hasseldelle: Prozess wegen fünffacher Kindstötung beginnt

Ihre Trauer über das tragische Ereignis im September 2020 brachten zahlreiche Solinger mit Blumen und Kerzen zum Ausdruck.
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Ihre Trauer über das tragische Ereignis im September 2020 brachten zahlreiche Solinger mit Blumen und Kerzen zum Ausdruck.

Die Angeklagte aus Solingen soll Kinder einzeln in der Badewanne erstickt oder ertränkt haben.

Von Kristin Dowe

Solingen. Das Landgericht Wuppertal hat am Freitag das Hauptverfahren gegen eine zum Tatzeitpunkt 27-jährige Solingerin eröffnet, die im Verdacht steht, fünf ihrer sechs Kinder im Alter von zwei bis achteinhalb Jahren heimtückisch getötet zu haben. Der Prozess beginnt am Montag, 14. Juni, am Landgericht Wuppertal – vorerst sind elf Termine für die Verhandlung unter Vorsitz von Richter Jochen Kötter angesetzt. Der Fall, der sich im vergangenen Jahr im Solinger Stadtteil Hasseldelle zugetragen hatte, sorgte bundesweit für Entsetzen.

Aus der Pressemitteilung des Landgerichts über die Anklage gehen weitere grausame Details bezüglich des Tathergangs hervor. So soll die Solingerin am Morgen des 3. September 2020 in ihrer Wohnung in der Hasseldelle hohe Dosen verschiedener Medikamente gegen Erbrechen mit sedierender Wirkung in die Frühstücksgetränke ihrer Kinder gemischt haben. Nachdem diese in der Folge eingeschlafen waren, soll die Angeklagte im Badezimmer ihrer Wohnung Wasser eingelassen, Badespielzeug bereitgelegt und ein mobiles Heizgerät im Raum aufgestellt und in Betrieb genommen haben.

Anschließend soll sie die zwei Jungen und drei Mädchen einzeln – beginnend mit dem jüngsten Kind – geweckt, ins Badezimmer gebracht, dort ausgezogen und in der Badewanne „ertränkt oder erstickt haben“, heißt es in der Mitteilung des Landgerichts weiter. Danach soll sie das jeweilige Kind in Handtücher gewickelt und seine Leiche zurück ins Bett gelegt haben. Nach diesem Muster soll die Beschuldigte bei allen fünf Kindern vorgegangen sein – nur ihren ältesten Sohn, zum Zeitpunkt des Geschehens elf Jahre alt, verschonte sie von der Tat. Er wurde inzwischen vom Jugendamt in Obhut genommen und lebt dem Vernehmen nach bei seiner Großmutter. Eine Kindeswohlgefährdung lag nach Angaben des Solinger Jugendamtes im Vorfeld der Tat nicht vor.

Solingen: Angeklagte soll Dämmerzustand der Kinder ausgenutzt haben

Laut Mitteilung soll die Mutter den Dämmerzustand ihrer Kinder bewusst ausgenutzt haben, um eine Gegenwehr zu verhindern. Das Mordmerkmal der Heimtücke gilt als erfüllt, wenn das Opfer bei der Tat arg- und wehrlos ist. In Bezug auf das Motiv sprachen die Ermittler bislang von „emotionaler Überforderung“ der Mutter. Unklar ist, ob die Angeklagte sich zu den Vorwürfen einlassen wird. Bislang hat sie sich nicht geständig gezeigt.

Kurz nach der Tat hatte die sechsfache Mutter noch versucht, sich das Leben zu nehmen, indem sie sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug warf. Den Suizidversuch überlebte sie schwer verletzt. Ihren verbleibenden Sohn schickte sie mit dem Zug auf den Weg zu seiner in Mönchengladbach lebenden Großmutter. Angesichts seines tragischen Schicksals gab es in Solingen und darüber hinaus eine Woge von Mitgefühl und Solidarität – zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sammelten Spenden für den elfjährigen Jungen.

Solinger sammelten Spenden für den elfjährigen Jungen

Gleichzeitig sorgte die Berichterstattung der Boulevardpresse für Unmut. Zahlreiche Beschwerden beim Deutschen Presserat waren die Folge. Einige Medien, darunter das Online-Portal der „Bild“, hatten aus einem Chatprotokoll des Jungen mit dessen Schulfreund zitiert.

Aufgrund des voraussichtlich großen Medieninteresses gibt es für Journalisten ein strenges Akkreditierungsverfahren, der Prozess findet außerdem unter Corona-Schutzbedingungen statt.

Das Tageblatt berichtet nur unter besonderen Umständen über Suizid oder Suizidversuche. Wenn Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, ist die Hotline der Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar: Tel. 0800 11 10 11 1.

Artikel vom 26.2.2021

Kindstötung in der Hasseldelle: Anklage wegen Mordes erhoben

Im Fall der fünffachen Kindstötung in der Hasseldelle im September vergangenen Jahres hat die Staatsanwaltschaft Wuppertal Anklage wegen Mordes gegen die 27-jährige Mutter erhoben.

Solingen. Dies teilt Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt auf ST-Nachfrage mit. „Es ist davon auszugehen, dass die Kinder mit einem Medikament zunächst sediert wurden und ihnen dann ein weicher Gegenstand aufs Gesicht gedrückt wurde, wodurch sie erstickten.“

Die Tatverdächtige soll ihren Kindern zunächst eine hohe Dosis eines frei verkäuflichen Arzneimittels gegen Erbrechen verabreicht haben, was auch zu Müdigkeit führt, so das Ergebnis eines toxikologischen Gutachtens. Ein psychiatrisches Gutachten steht aktuell noch aus. Die Akte werde in den kommenden Tagen an das Landgericht Wuppertal überstellt – wann der Prozess beginnt, ist noch unklar.

Solingen: Elfjähriger Junge überlebte als einziges Kind die Tat

Nach der mutmaßlichen Tat hatte die Solingerin versucht, sich selbst das Leben zu nehmen, indem sie sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen heranfahrenden Zug warf. Zunächst wurde sie deshalb einige Wochen im Justizvollzugskrankenhaus in Fröndenberg behandelt, befindet sich nun aber in Haft in einem Kölner Frauengefängnis. Ein elfjähriger Junge überlebte als einziges Kind die Tat, da er sich zu dem Zeitpunkt in der Schule befand. Das Jugendamt hatte im Vorfeld der Tat keine Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung gesehen.

Die Solingerin hat sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft bislang nur spärlich zu den Vorwürfen geäußert. In einer ersten Vernehmung – es gibt inzwischen einen anderen Verteidiger – stritt sie die Tat ab, es sei angeblich noch eine dritte Person im Raum gewesen, behauptete sie. „Die Reaktion kann auch ein unwillkürlicher Schutzmechanismus gewesen sein“, so Kaune-Gebhardt. „Es steht für uns außer Frage, dass es keine dritte Person gab.“ Angaben zum Motiv machte die Frau bislang nicht.

Solingen: Staatsanwalt sieht Mordmerkmal der Heimtücke als erfüllt an

Die Anklage lautet auf Mord, weil die Staatsanwaltschaft das Mordmerkmal der Heimtücke als erfüllt ansieht. Dies setzt voraus, dass die Opfer zum Tatzeitpunkt arg- und wehrlos waren. „Eine solche Wehrlosigkeit kann ein vermuteter Täter beispielsweise auch durch eine Sedierung herbeiführen.“

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