Behörden verzeichnen bundesweit mehr Fälle

Solinger Jugendamt bestätigt Trend: Gefährdungen von Kindeswohl nehmen zu

2020 erreichte die Zahl der Kindeswohlgefährdungen einen Höchststand. Auch in Solingen gab es einige erschütternde Fälle. Symbolfoto: cb
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2020 erreichte die Zahl der Kindeswohlgefährdungen einen Höchststand. Auch in Solingen gab es einige erschütternde Fälle.

Die deutschlandweiten Zahlen sind alarmierend.

Von Kristin Dowe

Solingen. 9 Prozent und damit rund 5000 mehr Fälle von Kindeswohlgefährdungen registrierten die Jugendämter nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2019. Mit fast 60 600 Fällen ist dies ein Höchststand seit 2012. Auch in Solingen hätten Kindeswohlgefährdungen im von der Corona-Pandemie geprägten Jahr 2020 tendenziell zugenommen, sagt Mike Wetzel, Leiter der Abteilung Allgemeine Soziale Dienste beim Solinger Jugendamt. Valide Zahlen für die Klingenstadt könne er aus internen Gründen aktuell zwar nicht liefern, dafür aber einige allgemeine Entwicklungen aufzeichnen.

Corona-Pandemie geriet zur Belastungsprobe für Familien

„Die Corona-Pandemie hat Familien an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Von finanzieller Überschuldung, Überforderungssituationen bis hin zu psychischen Erkrankungen tauchten da unterschiedlichste Probleme auf – nicht zuletzt, weil der soziale Halt, den die Schule gegeben hat, weitgehend weggebrochen ist. Insofern hatten wir es 2020 besonders häufig mit Vernachlässigung von Kindern zu tun. Den Familien ist sehr viel abverlangt worden.“

Derweil folge aus einer Kindeswohlgefährdung, die im juristischen Sinne nur durch das Jugendamt festgestellt werden kann und an bestimmte Voraussetzungen geknüpft ist, keineswegs immer eine Inobhutnahme des Kindes. „Das ist immer nur der letzte Ausweg“, betont Wetzel. „Unsere Aufgabe ist es, Familien in einer Krisensituation zu entlasten.“ Eine Maßnahme könnte etwa sein, ein Kleinkind vorübergehend in einer Bereitschaftspflege unterzubringen. Für eine Kindeswohlgefährdung und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen müsse immer eine akute Gefährdungssituation für das Kind bestehen.

Handlungsbedarf sei aber nicht nur bei offensichtlichen Grenzverletzungen wie körperlicher oder sexualisierter Gewalt geboten, sondern die Behörde reagiere frühzeitig auch auf kleinere Warnzeichen. „Wenn Nachbarn uns melden, dass in einem Haushalt dauernd heftig gestritten oder bis 3 Uhr morgens laute Musik gespielt wird, obwohl kleine Kinder in der Familie leben, wäre das für uns ein Anlass, einzuschreiten.“

Positiv sei, dass viele Solinger sensibilisiert dafür seien, wenn sich ein Kind in Gefahr befinden könnte und sich bei verdächtigen Beobachtungen beim Jugendamt oder anderen Anlaufstellen meldeten. Beim Jugendamt sei zudem rund um die Uhr eine Rufbereitschaft installiert, so dass die Behörde in heiklen Situationen jederzeit etwa von der Polizei hinzugezogen werden könne. „Das ist gesetzlich vorgeschrieben“, so Wetzel.

Wenn an einer Inobhutnahme kein Weg vorbeiführt, müssen die Eltern für diesen Schritt eine Genehmigung unterschreiben. Erfolgt dies nicht, muss innerhalb von 48 Stunden das Familiengericht angerufen werden. Personell sei das Solinger Jugendamt insgesamt gut aufgestellt“, versichert Wetzel. „Wir haben die Familien gut im Blick.“

Solinger Fälle

Im Falle einer 28-Jährigen, die im September 2020 in der Hasseldelle fünf ihrer sechs Kinder getötet hatte, kam oft die Frage nach der Rolle des Jugendamtes auf. Eine Kindeswohlgefährdung hatte die Behörde aber nicht feststellen können. Auch einen erschütternden Missbrauchsfall hatte Solingen zu verzeichnen: Ein Vater soll sich über Jahre an seiner Tochter vergangen haben.

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