Interview der Woche

Kinderklinik-Chefarzt: Auch für Kinder birgt Corona Risiken

Dr. Volker Soditt ist seit 2004 Chefarzt der Kinderklinik im Städtischen Klinikum. Foto: Christian Beier
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Dr. Volker Soditt ist seit 2004 Chefarzt der Kinderklinik im Städtischen Klinikum.

Kinderklinik-Chefarzt Dr. Volker Soditt betont die Wichtigkeit von Impfungen.

Von Anja Kriskofski

Der Corona-Impfstoff von Biontech könnte schon im Sommer auch für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen werden. Sollten Eltern ihre Kinder dann möglichst schnell impfen lassen?

Dr. Volker Soditt: Einerseits ist das günstig, weil man dann als ganze Familie nicht mehr diesen Quarantäne-Bestimmungen unterliegt. Im Moment kann folgendes passieren, wenn sie wegfahren: Die Eltern sind geimpft und nicht quarantänepflichtig, wenn sie zurückkommen. Die Kinder aber schon. Das wird eine Diskrepanz geben. Ich hätte kein Problem damit, 12- bis 15-Jährige zu impfen, obwohl diese relativ selten schwere Verläufe gehabt haben. Es gibt nur wenige, die intensivpflichtig geworden sind und noch weniger, die schwere Komplikationen hatten. Doch wir hatten auch 16-Jährige mit Riechstörungen oder Problemen mit der Leistungsfähigkeit, also ein sogenanntes Long-Covid-Syndrom. Einige wenige haben auch PIMS gehabt, das pädiatrische Inflammationssyndrom. Dafür würde es sich schon lohnen, die Kinder zu impfen. Ein dritter Punkt ist sicherlich, dass es dem Gemeinwohl nutzt. Wenn wir uns die Statistiken angucken, sehen wir bei den 5- bis 14-Jährigen relativ hohe Infektionszahlen, die in dieser Phase deutlich höher sind als letztes Jahr. Da kann man mit Impfungen etwas erreichen.

Genau deswegen gibt es auch Vorbehalte gegen die Impfung von Kindern: Weil diese selbst nur sehr selten schwer an Covid-19 erkranken, geht es mehr darum, Erwachsene zu schützen. Können Sie solche Vorbehalte von Eltern nachvollziehen?

Soditt: Ja, das kann ich. Je weniger gefährlich die Krankheit wird, desto mehr muss man sich diese Frage stellen. In dieser Altersgruppe ist sie nicht so gefährlich. Aber es gibt Risiken wie PIMS und das Long-Covid-Syndrom, was für sich schon ein Grund für die Impfung darstellen kann. Und dann ist die Frage: Wenn es nicht der persönliche Nutzen ist, sondern der für die Umgebung, ist das in anderen Ländern durchaus ein Impfgrund. Es gibt solche Impfprogramme in benachbarten Ländern. Dort wird geimpft aus der Überlegung heraus, dass man die Gesamtheit schützen will. Wir haben Impfempfehlungen, denen man folgen kann oder nicht.

Viele Eltern sehen die Impfung auch mit Unbehagen, weil Biontech ein neuartiger Impfstoff ist. Wie sieht es mit der Sicherheit aus?

Soditt: Die Studien für 12- bis 15-Jährige, die in Israel gelaufen sind, zeigen keine erhöhte Gefährdung gegenüber den bekannten Risiken bei Erwachsenen. Dort lautet die Empfehlung, diese Altersgruppe zu impfen. Man wird mit allergischen Reaktionen rechnen müssen, bei besonders dafür prädisponierten Personen. Ansonsten sind keine schwereren Impfreaktionen bekannt.

Welche Kinder sollten geimpft werden?

Soditt: Kinder, die Erkrankungen der Atemwege haben, schwere Lungenerkrankungen, Herzerkrankungen, Kinder mit anderen systemischen Erkrankungen oder Muskelerkrankungen sollten auf jeden Fall geimpft werden. Für die Unterbrechung der Infektionsweitergabe ist es gut, wenn möglichst viele geimpft werden.

„Bei jeder Impfung macht man eine Nutzen-Risiko- Abwägung .“

Kinderklinik-Chefarzt Dr. Volker Soditt

Haben Sie Kinder mit Covid-19 in Ihrer Kinderklinik behandelt?

Soditt: Ja. Da wir alle Kinder auf Corona abstreichen, hatten wir immer wieder welche dabei, die corona-positiv waren. Rund 20 im vergangenen Jahr. In keinem Fall hätten wir das vorher aufgrund der Symptomatik vermutet. Es waren mehr oder weniger Zufallsbefunde, und die Kinder waren auch nicht in der klassischen Weise erkrankt. Manche haben sich mit Durchfall präsentiert. Der erste Covid-Patient, den wir hatten, hatte einen Krampfanfall, wahrscheinlich weil er Elektrolytverschiebungen durch den Durchfall hatte. Was wir gesehen haben, war völlig untypisch. Wir haben auch mehrere Fälle von PIMS behandelt. Bei allen haben wir danach geguckt, ob sie eine Covid-Infektion hatten, aber wir konnten bei keinem eine aktive nachweisen. Mit einer Ausnahme: Wir hatten ein Kind mit hohem Fieber und akutem Krankheitsbild, das wir verlegt haben und bei dem als Ergebnis das PIMS-Syndrom herauskam. Da konnte man den Zusammenhang durch eine vorangegangene Covid-Infektion und die Antikörper zweifelsfrei belegen. Entzündungssyndrome dieser Art sehen wir sonst vielleicht einmal in zwei Jahren. Jetzt waren es drei Fälle in einem Jahr. Das ist eine überzufällige Häufung.

Welche möglichen Langzeit-Folgen hat eine Corona-Infektion für Kinder und Jugendliche?

Soditt: Wir haben einzelne Fälle gesehen, wo Patienten Riechstörungen und Leistungsminderung gehabt haben, die über längere Zeit angehalten hat. Das, was man bei Erwachsenen Long-Covid-Syndrom nennt. Soweit ich das überblicken kann, ist das wieder besser geworden. Ich habe einen jungen Mann in Erinnerung, der ein Sport-Abitur machen wollte und dafür die fünf Kilometer in einer bestimmten Zeit laufen sollte. Das war ihm nicht mehr möglich. Er war erschöpft, wenn er die Treppe hochgegangen ist. Beim PIMS-Syndrom kommt es Wochen nach der Erkrankung zu einer hochfieberhaften Episode, teilweise mit Ergüssen in den Gelenken oder in den Bauchraum. Mit den üblichen antibiotischen Therapien kommt man da nicht weiter. Das ganze Entzündungssystem ist aktiviert, und die Therapie besteht darin, dass man es mit Cortison dämpft.

Hat sich die Einstellung gegenüber Impfungen im Vergleich zu früher gewandelt?

Soditt: Impfskepsis gab es schon immer. Bei der Masernimpfung haben wir es nie geschafft, die Kinder konsequent durchzuimpfen. Da gab es die Skepsis, dass die Impfung Krankheiten auslöst. Eine Zeit lang glaubte man, sie würde Autismus auslösen. Das sind aber alles nicht belegte Vorwürfe. Das Interessante ist: Es braucht nur jemand ein solches Gerücht in die Welt zu setzen, und dann noch sagen, ein Arzt habe das gesagt. Dann reicht das als Bestätigung aus, dass etwas an dem Gerücht dran ist. Wenn aber das Robert-Koch-Institut sagt, der Impfstoff ist sicher, wird das nicht geglaubt. Das ist eine Imbalance. Bei jeder Impfung macht man eine Nutzen-Risiko-Abwägung. Die muss immer so aussehen, dass die Impfung mit ihren Nebenwirkungen deutlich seltener und weniger schlimm ist, als das Risiko zu erkranken. Und das trifft für die Impfstoffe, die wir haben, auch zu. Wir wissen, dass Masern in seltenen Fällen eine tödliche Erkrankung machen, die Subakute sklerosierende Panenzephalitis, SSPE. Diejenigen, die das kriegen, haben einen furchtbaren Verlauf. Die Krankheit ist nicht heilbar und endet immer mit dem Tod. Masern-Impfkomplikationen sind in der Regel deutlich weniger gefährlich und auch nicht sehr häufig.

Für Masern wurde 2020 eine Impfpflicht eingeführt, weil zu viele nicht geimpft waren. Gibt es trotzdem noch Eltern, die eine Impfung ablehnen?

Soditt: Ich habe keine kennengelernt. Das liegt aber auch daran, dass ich in meiner Privatambulanz sage: Wenn Sie sich nicht durchimpfen lassen wollen, sind Sie bei mir an der falschen Stelle. In meinen Augen sind Impfungen eine der größten Errungenschaften der Medizin. Wir sehen die Erkrankungen nicht, gegen die wir im Moment impfen. Impfverweigerer heute können sich darauf verlassen, dass in weiten Teilen eine Herdenimmunität besteht. Das funktioniert aber nur, weil die vielen anderen sich impfen lassen.

Zur Person

Dr. Volker Soditt ist seit 2002 am Städtischen Klinikum tätig. 2004 wurde er Chefarzt der Kinderklinik. Der 64-Jährige geht Ende Juni in den Ruhestand. Soditt ist in Mettmann geboren und in Wülfrath aufgewachsen. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

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