Familienzeit

Kinder mit FASD fühlen sich immer „falsch“

Jennifer Kastner (l.) und Simone Kabus beraten Betroffene und ihre Familien in dem neuen FASD-Zentrum.
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Jennifer Kastner (l.) und Simone Kabus beraten Betroffene und ihre Familien in dem neuen FASD-Zentrum.

Die Caritas hat eine Beratungsstelle für Betroffene der Krankheit FASD, der Fetalen Alkohol-Spektrumstörung, in Solingen und Wuppertal eröffnet

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Etwa 1,5 Prozent der Menschen leiden mehr oder weniger stark unter der Behinderung, in Solingen also etwa 2400 Menschen. Trotzdem ist die Krankheit FASD, die Fetale Alkohol-Spektrumstörung, kaum bekannt. Hervorgerufen wird sie durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft.

Um Betroffenen helfen zu können, hat die Caritas Wuppertal/Solingen jetzt ein FASD-Beratungszentrum an der Hünefeldstraße 52a in Wuppertal eröffnet. „Die Beratung richtet sich an betroffene Kinder und Jugendliche, aber auch an Erwachsene aus Solingen und Wuppertal, die unter FASD leiden“, betont Gabriele Kirchner, Caritas-Fachbereichsleitung für Beratung und Begleitung.

Welch gravierende Auswirkungen die Erkrankung hat, zeigen die Zahlen. 80 Prozent der Kinder, bei denen FASD diagnostiziert ist, werden in ihren ersten Lebensjahren in Obhut genommen. 23 Prozent der Kinder in Pflegefamilien haben FASD. „Wenn ein Kind adoptiert wird oder in eine Pflegefamilie kommt, ist den neuen Eltern oft nicht bewusst, dass eine Schädigung durch Alkoholkonsum der Mutter vorliegt. Familien kommen dann schnell an ihre Grenzen“, so Gabriele Kirchner.

Die Spektrumstörung hat vier Merkmale:

  • Wachstumsstörungen, oft sind die betroffenen Kinder eher klein
  • Faziale Auffälligkeiten im Gesicht wie kurze Lidspalten, schmale Oberlippe und verstrichenes Philtrum (Einbuchtung in der Oberlippe)
  • Störung des Zentralen Nervensystems
  • bestätigte Sucht der Mutter während der Schwangerschaft

Nicht immer müssten alle vier Merkmale erfüllt sein. So gebe es auch ein Partielles FASD, bei dem beispielsweise keine Wachstumsstörung vorliegt, aber das zentrale Nervensystem geschädigt ist. „Um die Diagnose dann eindeutig treffen zu können, muss eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Alkoholkonsum vorliegen“, so Kirchner. Wenn auch die optischen Auffälligkeiten im Gesicht nicht ausgeprägt sind, spricht man von der ARND-Variante, einer alkoholbedingten entwicklungsneurologischen Störung. Dann muss für die oft sehr schwierige Diagnose der Alkoholkonsum bestätigt sein.

Ursache für die Behinderung ist, dass der Alkohol die sich teilenden Zellen des Embryos schädigt. Da sich die Zellen des zentralen Nervensystems permanent teilen, sind Hirnschäden eine Folge. Das heiße nicht, dass die Kinder und Jugendlichen nicht über eine „normale“ Intelligenz verfügen können. „Sie können ihre Intelligenz aber nicht nutzen, weil das Gehirn gestört ist“, erklärt Gabriele Kirchner.

Typische FASD-Symptome sind Störungen von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis. „Die Kinder vergessen schlicht, was sie machen wollten oder sollten.“ Deshalb improvisieren sie viel, was dann wiederum von der Umwelt als Lügen verstanden wird. Oft schaffen sie es nicht, aus Erfahrungen zu lernen, auch wenn Verhalten sanktioniert wird, machen sie es kurz darauf wieder. Auch das Verstärkungslernen greift bei ihnen nicht.

Die Folge ist, dass Menschen mit FASD zu einem hohen Anteil die Schule abbrechen, eine brüchige berufliche Biografie haben oder straffällig werden. Dadurch verstärken sich die schlechten Eigenschaften weiter. Viele entwickeln auch Depressionen, weil sie ständig fühlen „ich mache alles falsch“.

Das Team der Caritas hat eine umfangreiche Bedarfsanalyse gemacht und daraus das Konzept für das Beratungszentrum entwickelt. „Für Erwachsene gibt es deutschlandweit nur vier solcher Diagnosestellen“, so Kirchner. Im Team beraten Simone Kabus, die schon die Selbsthilfegruppe FASD in Solingen aufgebaut hat, Sozialarbeiterin Jennifer Kastner sowie seit dem 1. Januar eine weitere Kinderschutzkraft.

„Wir wollen Träger und Einrichtungen für die Behinderung sensibilisieren, stehen auch in Kontakt mit Schwangerschaftsberatungen, um die Krankheit präventiv zu vermeiden.“ Zudem sollen Fortbildungen für Fachkräfte angeboten werden und Beratungen für Adoptiv- und Pflegeeltern. Über Geld aus Stiftungen, Spenden und Eigenmitteln ist das Angebot zunächst für fünf Jahre gesichert.

Beratungsstelle

Kosten: Das Angebot ist für Betroffene kostenlos.

Kontakt: Jennifer Kastner ist erreichbar unter Tel. (01 63) 88 43 733, Simone Kabus unter Tel. (01 63) 88 43 742

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