Statistik

Jugendschutz: Inobhutnahmen in Solingen steigen

Inobhutnahmen von Kinder und Jugendlichen durch das Jugendamt
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Inobhutnahmen von Kinder und Jugendlichen durch das Jugendamt

Das Solinger Jugendamt musste 2021 häufiger Kinder aus Familien nehmen als in den Vorjahren. In NRW sind die Zahlen hingegen rückläufig.

Von Kristin Dowe

Solingen. Die Zahl der Inobhutnahmen durch das Jugendamt ist in den vergangenen drei Jahren in Solingen kontinuierlich gestiegen. Wie die Angaben des Statistischen Landesamtes IT NRW zeigen, musste das Jugendamt in der Klingenstadt im vergangenen Jahr in 171 Fällen einschreiten und Kinder aus Familien herausnehmen. Im Vorjahr 2020 kam dies nur in 131 und 2019 in 120 Fällen vor.

Die Solinger Zahlen stehen dem Landestrend entgegen, dem zufolge die Zahl der Inobhutnahmen im selben Zeitraum in Nordrhein-Westfalen stetig sank und 2021 bei 12 193 Fällen lag. Auch zeigen die Zahlen von IT NRW Gründe für die Maßnahme auf: Beim Großteil der Inobhutnahmen in Solingen – im vergangenen Jahr in 85 Fällen – wurde der Schritt aus Sicht des Jugendamtes aufgrund der Überforderung eines Elternteils notwendig. An zweiter Stelle, mit jeweils 13 Fällen, waren 2021 Vernachlässigung des Kindes sowie Beziehungsprobleme der Eltern die Gründe für Inobhutnahmen in Solingen – gefolgt von unbegleiteter Einreise Geflüchteter aus dem Ausland mit acht Fällen.

Größtenteils (in 107 Fällen) erfolgte 2021 eine Inobhutnahme auf Initiative des Solinger Jugendamtes, das eine Gefährdungslage für ein Kind sah – in 64 Fällen erfolgte die Maßnahme gar auf Wunsch des betroffenen Kindes oder Jugendlichen selbst.

Mehr Inobhutnahmen in Solingen: Das könnten die Gründe sein

Eine klare Ursache, warum die Fallzahlen in Solingen im Vergleich zum Landestrend gestiegen sind, vermag Rathaussprecherin Sabine Rische auf ST-Nachfrage nicht zu benennen. „Schaut man sich die Daten der einzelnen Städte an, zeigt sich, dass ein interkommunaler Vergleich sehr schwierig ist, da die Gründe von Zu- und Abnahme sehr verschieden sind. Man muss das jeweils individuell betrachten“, so Rische. So habe beispielsweise die Stadt Duisburg einen enormen Anstieg von fast 300 Fällen zu verzeichnen. Dies sei in der Ruhrgebietsstadt vor allem auf eine enorme Zunahme unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge zurückzuführen. In Solingen sank die Zahl in dieser Gruppe von lediglich neun Fällen in 2020 auf acht im vergangenen Jahr.

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Auch in einem anderen Punkt seien die Zahlen in Relation zu sehen, betont Rische: „Es handelt sich um eine Leistungsstatistik. Das heißt, gezählt wird die Anzahl der Inobhutnahmen, nicht die Zahl der betroffenen Personen.“ Wird also ein Kind wiederholt in Obhut genommen, fließe jede neue Situation ein und erhöhe damit die Gesamtzahl der Inobhutnahmen. So seien bei den Solinger Zahlen aus 2021 nur wenige Kinder und Jugendliche für mehr als 30 Inobhutnahmen verantwortlich.

„Es geht um sogenannte Systemsprenger“, macht Rische deutlich. Lasse man diese Fälle in der Betrachtung außen vor, steige die Zahl der Inobhutnahmen nur leicht um 3 bis 4 Prozent. Zudem könne die Corona-Pandemie die Entwicklung verschärft haben. „Allgemeine Überforderung ist bei Kindern, Jugendlichen und Eltern zu beobachten gewesen.“ Insgesamt seien die vorliegenden Zahlen für eine Großstadt mit der Struktur von Solingen „normal“.

Inobhutnahmen durch das Jugendamt: Stadt erwartet weitere Fälle durch unbegleitete Flüchtlinge

Mit einem weiteren Anstieg der Inobhutnahmen in diesem Jahr rechne die Stadt Solingen vor allem bedingt durch die verstärkte Einreise unbegleiteter Jugendlicher aus der Ukraine. Eine Prognose lasse sich darüber aber nicht stellen.

Derweil hatten in den vergangenen Jahren in Solingen einige tragische Schicksale von Kindern die Öffentlichkeit erschüttert: Im September 2021 hatte eine zum Tatzeitpunkt 28-jährige Mutter aus der Siedlung Hasseldelle wohl bedingt durch emotionale Überforderung, fünf ihrer sechs Kinder erstickt oder in der Badewanne ertränkt. Auch sorgte 2018 der Fall eines dreijährigen Mädchens für Fassungslosigkeit, das an den Folgen der Misshandlung durch den 18-jährigen Lebensgefährten der Mutter starb. Dieser hatte das Kleinkind unter anderem unter der Dusche mit heißem Wasser verbrüht.

Mit schweren Fällen von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung beschäftigt sich regelmäßig die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land mit Sitz in Remscheid. Oft werde dann reflexhaft der Ruf nach dem Jugendamt laut, beobachtet Leiterin Birgit Köppe-Gaisendrees. „Hinweisen auf eine Gefährdungslage gehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern durchaus nach. Ein Problem sehe ich eher in der oft dünnen Besetzung und einer hohen personellen Fluktuation in den Behörden.“ Zudem sähen sich die Jugendämter bei Inobhutnahmen häufig mit hohen rechtlichen Hürden konfrontiert. Umso wichtiger sei es, den Mitarbeitenden etwa durch Fortbildungen mehr Handlungssicherheit für ihre verantwortungsvollen Entscheidungen zu geben, so Köppe-Gaisendrees. „Das ist nicht überall Standard.“

Beratungsstellen

Beratung bei bieten u. a. Diakonie, Caritas, oder der Kinderschutzbund Solingen (Tel. 1 83 93) . Die Fachstelle Kinderschutz des Jugendamtes ist unter Tel. 290-23 45 erreichbar. Zum Thema sexueller Missbrauch berät die Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt (FABS) beim Verein „Frauen helfen Frauen“. Tel: 58 61 18.

Standpunkt von Kristin Dowe: Jugendämter stärken

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

„Wo war denn da das Jugendamt?“ Wann immer ein erschütternder Fall von körperlicher oder sexualisierter Gewalt gegen Kinder an die Öffentlichkeit dringt, ist diese Reaktion einiger Menschen so sicher wie das Amen in der Kirche. Zweifellos ist es notwendig, den Behörden kritisch auf die Finger zu schauen, und bundesweit gab es schon so manches Beispiel von gravierendem institutionellem Versagen beim Schutz von Kindern.

Dennoch lässt sich den Jugendämtern nicht pauschal der schwarze Peter zuschieben, wenn Kinder Übergriffen ausgesetzt sind. Die Möglichkeit einer Inobhutnahme besteht etwa nur, wenn klare rechtliche Voraussetzungen erfüllt sind und akute Gefahr für ein Kind besteht.

Umso wichtiger ist es, dass die Jugendämter personell ausreichend ausgestattet sind und die Mitarbeitenden regelmäßig fortgebildet werden. Gleichzeitig müssen wir alle noch stärker für das Problem sensibilisiert werden. Und bei Verdachtsfällen frühzeitig handeln.

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