Gedenken an die Pogromnacht

Stadt kauft Bunker - Jüdisches Leben soll in Solingen sichtbarer werden

Die Stadt hat den Bunker an der Malteserstraße gekauft. Dort stand die 1938 von den Nazis niedergebrannte Synagoge. Im Bunker sollen nach Angaben von OB Tim Kurzbach „die Schönheit der Synagoge“ und jüdisches Leben in Solingen sicht- und erfahrbar gemacht werden. Foto: Christian Beier
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Die Stadt hat den Bunker an der Malteserstraße gekauft. Dort stand die 1938 von den Nazis niedergebrannte Synagoge. Im Bunker sollen nach Angaben von OB Tim Kurzbach „die Schönheit der Synagoge“ und jüdisches Leben in Solingen sicht- und erfahrbar gemacht werden.

Stadt hat Bunker an der Malteserstraße gekauft – dort brannten 1938 Nazis die Synagoge nieder.

Von Philipp Müller

Solingen. Es brauche mehr als nur den jährlichen Gedenktag an die Pogromnacht von 1938, erklärte Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) auf einem Teil des Schulhofs des Gymnasiums Schwertstraße an der Malteserstraße. Bei eben diesem jährlichen Gedenken wies Kurzbach auf den Bunker hin, den die Stadt Solingen vom Bund gekauft habe. Er wurde an dem Ort von den Nazis errichtet, an dem in der Nacht zum 10. November die Synagoge von den Nazis niedergebrannt worden war. Der Bunker soll nach einer Umgestaltung zeigen, „welch schönes Gebäude die Synagoge war“ und das jüdische Leben in Solingen erfahrbar machen.

Mit einer Mischung aus Rassenwahn, blindem Hass, hoher Gewaltbereitschaft und viel Alkohol machten sich in der Nacht vom 9. und 10. November 1938 Mitglieder der Nazi-Partei NSDAP und der halbmilitärischen Organisation SA auf, die jüdische Bevölkerung in Solingen zu verprügeln, ihre Geschäfte und Wohnungen zu plündern, zu verwüsten und als traurigen Höhepunkt die Synagoge an der Malteserstraße in Brand zu stecken – niemand löschte. Außerdem erschoss der Nazi-Mob den Journalisten und Kommunisten Max Leven vor den Augen seiner Familie. Daran erinnerte gestern die Stadt Solingen.

Zu Beginn des Gedenkens mahnte der Direktor des Gymnasiums Schwertstraße, Ulrich Nachtkamp, nicht nur auf die Geschichte zu blicken. Die Bedrohung der jüdischen Mitbürger finde auch im „Hier und Jetzt“ statt. Das griff OB Kurzbach auf. Er erinnerte an die verbrannte Israel-Flagge vor dem Rathaus. Auch in Solingen werde die Bedrohung spürbarer. Daher brauche es klare Zeichen und entschiedenes Handeln gegen Antisemitismus. Der umgestaltete Bunker werde die Botschaft vermitteln: „Sprecht über die Schönheit des jüdischen Lebens.“

Schüler und Lehrer gedenken der Progromnacht mit einem Mahngang zum Fronhof

Leonid Goldberg, der Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde, berichtete angesichts fehlgeschlagener Attentate auf Synagogen und der vielen Übergriffe auf Juden in Deutschland von einer sich stark verbreitenden Angst in den jüdischen Gemeinden. Daher danke er Kurzbach und der Stadt Solingen für ihr jahrelanges Engagement. „Es gibt in Deutschland keine Stadt, die so handelt wie Solingen.“ Chaim Kornblum, der Rabbiner der jüdischen Kultusgemeinde, ehrte zum Abschluss die Opfer mit einem Gebet.

Im Anschluss gab es einen Mahngang zum Fronhof und zur dortigen Stadtkirche, wo das Gedenken fortgesetzt wurde. In der Stadtkirche war eine Ausstellung des Humboldtgymnasiums zu sehen. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich mit der Biografie von Bella Tabak beschäftigt und diese in Kunstinstallationen einfließen lassen. Sie erlebte als Siebenjährige die Pogromnacht vom November 1938. Die Familie überlebte die Zeit der Verfolgung durch die Nazis nach einer Odyssee durch Belgien, Frankreich und die Schweiz. 1947 wanderten sie in die USA aus.

Am 5. November 1944 wurden vier Soldaten ermordet. eine Gedenktafel am Knotenpunkt der Haumannstraße und Potsdamer Straße erinnert nun an sie.

Die Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises, Dr. Ilka Werner, erklärte bei dem vom Jugendstadtrat mitorganisierten Gedenken in der Stadtkirche daran, dass es unsere demokratische Ordnung ist, in der wir „in Freiheit und friedlich“ leben. Die gelte es, aktiv zu wahren.

Am frühen Abend fand noch ein Rundgang entlang der Stolpersteine in Ohligs statt. Der Historiker Armin Schulte und die Vorsitzende des Vereins des Max-Leven-Zentrums, Daniela Tobias, erinnerten an die endgültige Vertreibung der jüdischen Kaufleute aus Ohligs, die seit Ende des 19. Jahrhunderts den Aufbau der Stadt vorangetrieben hatten.

Infos im Internet

Ausstellung: Unter Leitung von Lehrerin Christina Vohland ist die Gemeinschaftsarbeit des Kunstkurses Q2 des Humboldtgymnasiums im Frühjahr 2021 auf Basis der Biografie „Golden America – A memoir“ von Bella Tabak entstanden. Holzwürfel mit 40 Zentimetern Kantenlänge fangen traumatische Erinnerungen, Ängste und Hoffnungen der in Solingen geborenen Jüdin als kleine Mahnmale ein: t1p.de/bellatabak.

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