Serie: Religionen in Solingen

Die jüdische Gemeinde wird immer größer

Die erste Synagoge in Solingen wurde 1872 eingeweiht. Sie befand sich an der Malteserstraße und wurde 1938 in der Reichspogromnacht von den Nazis in Brand gesetzt und abgerissen. Foto: ST-Archiv
+
Die erste Synagoge in Solingen wurde 1872 eingeweiht. Sie befand sich an der Malteserstraße und wurde 1938 in der Reichspogromnacht von den Nazis in Brand gesetzt und abgerissen.

Die ST-Serie über die größten Religionen beschäftigt sich diesmal mit dem Judentum in Solingen.

Von Anna Lauterjung

In einer neuen ST-Serie stellen wir in loser Folge die wichtigsten Glaubensgemeinschaften vor. Diesmal beantworten wir die wichtigsten Fragen zur jüdischen Gemeinde.

Wie groß ist die Gemeinschaft in Solingen?

Die jüdische Bevölkerung hat immer einen geringen Teil der Solinger ausgemacht. Vor der Schoah lebten ungefähr 260 Juden in der Stadt, aber sie wurden vertrieben oder ermordet.

Mehr als 30 Jahre dauerte es, bis sich die jüdische Kultur in Solingen anfing zu erholen. Aber allein nach dem Mauerfall verzehnfachte sich die Größe der Gemeinschaft, erinnert sich Leonid Goldberg, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal. Heute leben ungefähr 300 Juden in der Stadt. Allerdings sind sie nicht mehr eigenständig, sondern gehören der Wuppertaler Gemeinde an. Um zu beten, besuchen sie die Bergische Synagoge in Barmen.

Woran glauben Juden?

Die Bergische Synagoge ist die erste Synagoge, die von dem israelischen und deutschen Staatschefs eingeweiht wurde.

Das Judentum ist eine der ältesten monotheistischen Religionen der Welt. Das heißt, dass sie nur an einen allmächtigen Gott glauben. Für Juden hat Gott, auch „JHWH“ oder Adonai genannt, die Welt gemäß der Schöpfungsgeschichte erschaffen. In sechs Tagen kreierte er uns und alles, was uns heute umgibt. Am siebten Tag ruhte er, heißt es in der Tora.

Die Tora dient auch als Grundlage für andere Religionen, zum Beispiel für das Christentum oder den Islam. Vieles woran diese heute glauben, lässt sich auf das alte Testament zurückführen.

Was ist die Botschaft des jüdischen Glaubens?

Es ist die Geschichte eines Mannes überliefert, der den Rabbi Schammai nach einer einfachen und schnellen Erklärung der Botschaft der Tora bittet. Schammai schickt ihn weg, da er meint, dass die Frage nicht so einfach zu beantworten ist. Daraufhin fragt der Mann den Rabbi Hillel die gleiche Frage und Hillel antwortet darauf: „Was du nicht magst, das tu auch keinem anderen an. Dies ist die ganze Tora, alles andere ist nur Erläuterung. Geh hin und lerne!“, Talmud, Schabbat 31a. Wenn jeder nach der Tora leben würde, würde es keine zwischenmenschlichen Probleme in der Welt geben, davon ist Leonid Goldberg überzeugt.

Eine weitere wichtige Botschaft des Judentums ist Tikun Olam, die ewige Änderung. Da Gott die Welt absichtlich nicht vollkommen erschaffen hat, sind Juden dazu verpflichtet, bei der Verbesserung der Welt mitzuwirken.

Was sind die drei wichtigsten Feiertage?

Der jüdische Friedhof am Estherweg in Mitte ist der einzige öffentlich sichtbare Überrest der ehemaligen Gemeinde. Jom Kippur, das Versöhnungsfest, ist der höchste Feiertag im jüdischen Glauben. Nach westlicher Zeitrechnung wird es im September oder Oktober gefeiert und ist der Höhepunkt der „Zehn Tage der Umkehr“. Sie beginnen bereits mit dem Neujahrsfest Rosh Ha-Shana, an dem Gott über jeden Menschen richtet. Wer ein schlechtes Urteil erhalten hat, der hat nun zehn Tage, um sich mit Hilfe von Gebeten, Fasten, Wohltätigkeit und Selbstreflexion zu verbessern. An Jom Kippur fasten dann alle Gemeindemitglieder für 25 Stunden und verbringen den Tag in der Synagoge um zu beten.

Der jüdische Friedhof am Estherweg in Mitte ist der einzige öffentlich sichtbare Überrest der ehemaligen Gemeinde.

Das Wochenfest Schawuot erinnere an den Empfang der Zehn Gebote und werde als Geburtstag des Judentums bezeichnet, sagt Leonid Goldberg. 50 Tage nach Pessach, dem Tag der Befreiung der Juden aus Ägypten, sind sie die Nacht in der Synagoge. Dort werden die zehn Gebote und aus dem Buch Ruts vorgelesen, zusammen die Tora studiert, sowie ab und zu gemeinsam gesungen und getanzt.

DIE SERIE

RELIGIONEN In loser Folge werden zwei weitere Religionen aus Solingen vorgestellt: die katholische Kirche und der Islam. Vertreter jedes Glaubens haben die gleichen Fragen beantwortet, um für ein besseres Verständnis untereinander beizutragen.

Samstag, Sabbat, ist der Ruhetag der Juden und der heiligste Tag der Woche. „Er fängt bereits nach Sonnenuntergang am Freitagabend an“, erklärt Goldberg. Freitag wird ein Segen über Wein, auch Kiddush, ausgesprochen, und man isst ein Festmahl. Samstagmorgen betet man dann in der Synagoge und am Abend endet Sabbat mit einem weiteren Gebet.

Es gibt auch Feiertage, die keinen Ursprung in der Tora haben, sondern an geschichtliche Ereignisse erinnern, wie zum Beispiel Chanukka, im November oder Dezember.

Was ist in Solingen das Besondere an der jüdischen Gemeinde?

„In jüdischen Gemeinden ist es häufig so, dass man allein unter zwei Mitgliedern drei verschiedene politsche Meinungen findet“, scherzt Leonid Goldberg. Allerdings hätte man in der Gemeinde in Wuppertal kein Problem mit politischen Auseinandersetzungen. Politik würden die Gemeindemitglieder vor der Tür der Synagoge lassen. Auch ist Wuppertal die erste jüdische Gemeinde mit einen eigenen Wohlfahrtsverband. Als dieser nach der Gründung nach Räumlichkeiten suchte, fanden sie zuerst eine Unterkunft beim Diakonischen Werk in Solingen. Insgesamt sei das Verhältnis zu den anderen Religionen gut.

Lesen Sie auch den ersten Teil unserer Serie: In Solingen leben 43.500 Protestanten

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Solingerin singt am Sonntag bei The Voice of Germany 2021
Solingerin singt am Sonntag bei The Voice of Germany 2021
Solingerin singt am Sonntag bei The Voice of Germany 2021
Neues Rätsel: Kennen Sie diese Gaststätte?
Neues Rätsel: Kennen Sie diese Gaststätte?
Neues Rätsel: Kennen Sie diese Gaststätte?
Corona: Inzidenz bleibt in Solingen über Landesschnitt
Corona: Inzidenz bleibt in Solingen über Landesschnitt
Corona: Inzidenz bleibt in Solingen über Landesschnitt
Neues Warnsystem revolutioniert den Hochwasserschutz in Solingen
Neues Warnsystem revolutioniert den Hochwasserschutz in Solingen
Neues Warnsystem revolutioniert den Hochwasserschutz in Solingen

Kommentare