Montagsinterview

Joachim Blümer: „Es wird eng in den Solinger Schulen“

Joachim Blümer leitet seit 2001 die Theodor-Heuss-Realschule.
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Joachim Blümer leitet seit 2001 die Theodor-Heuss-Realschule.

Joachim Blümer gibt Aufgaben im Schulleitersprecherrat im Sommer ab.

Das Gespräch führte Simone Theyßen-Speich

Nach zweieinhalb Jahren Pandemie-Durststrecke hat es wieder eine Vollversammlung von Schulleitersprecherrat und allen Schulleitern gegeben. Wo steht der Sprecherrat heute?

Joachim Blümer: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren natürlich online getagt. Das digitale Format war geeignet, um Sachfragen zu beantworten. Aber dabei geht auch einiges verloren. Der Sprecherrat lebt von Stimmungen, einzelnen Sichtweisen, von Schwingungen aus den Schulformen, die man aufnehmen und in Impulse verwandeln muss. Das fällt online sehr schwer. Deshalb haben wir es früh wieder mit Präsenzveranstaltungen versucht. Insgesamt hat sich die Arbeit des Sprecherrats vermehrt angesichts der großen Aufgaben – von Digitalisierung über Schulraummangel bis zur Corona-Bewältigung. Mittlerweile haben wir zehn bis zwölf Sitzungen pro Jahr. Positiv ist auf jeden Fall der gute Dialog mit dem Stadtdienst Schule und mit der Verwaltung insgesamt.

Sie persönlich verlassen den Sprecherrat im Sommer. Wie geht es weiter?

Blümer: Ich vertrete die Solinger Realschulen seit über 20 Jahren im Schulleitersprecherrat. Seit der Pensionierung von Peter Wirtz leite ich diesen gemeinsam mit Petra Ehrenfeld. Ab dem nächsten Schuljahr werden die Realschulen jetzt von Hans-Martin Rahe von der Albert-Schweitzer-Schule vertreten. Das ist schon länger so geplant, da ich mich das letzte Jahr vor meiner Pensionierung ganz auf meine Schulleiter-Aufgaben an der Theodor-Heuss-Schule konzentrieren möchte.


Es gibt aktuell viele wichtige Schulthemen. Wie sehr drängt die Zeit bei all diesen Aufgaben?

Blümer: Vor allen Dingen wird es eng in den Solinger Schulen. Das Thema muss der Schulentwicklungsplan dringend vorantreiben. Bei Schülerjahrgängen hat man keine Zeit, um Dinge langsam anzugehen. Was bei einem Jahrgang verpasst wurde, kann nicht mehr aufgeholt werden. Wir müssen die anstehenden Probleme schneller lösen. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass auch in Schulen jetzt vieles anders ist. Das können wir beweinen, oder jetzt zügig die Segel setzen.

Das gilt auch für den großen Nachholbedarf beim Thema Schulschwimmen. Wie ist da die Lage?

Blümer: Schulsport ist eine Pflichtaufgabe des Schulträgers. Und diese Pflicht muss erfüllt sein, bevor man in die Kür einsteigt. Der Schulleitersprecherrat beschäftigt sich nicht mit dem Thema Arena Bergisch Land, wenn das parallel läuft, ist es ok. Es darf aber nicht zu Lasten des Schulsports gehen. Genauso ist es beim Schulschwimmen. Wir haben jetzt teilweise in den fünften Klassen noch Nichtschwimmer, weil während der Pandemie der Schwimmunterricht in den Grundschulen ausgefallen ist. Für die Nichtschwimmer brauchen wir aber das Variobecken in der Klingenhalle. Wir dürfen keine Verdrängungsdebatte zwischen Schülern, Vereinsschwimmern, Therapie und privaten Schwimmern führen. Wir müssen es schaffen, dass alle Platz finden. Vielleicht muss man den Ratsbeschluss überdenken, das Hallenbad Vogelsang nur für private Schwimmer zu nutzen – zumindest für drei oder vier Jahre. Die Nichtschwimmer-Kinder sind leider nicht diejenigen, die sonntags dort mit ihren Eltern schwimmen gehen. Da wünscht sich der Sprecherrat eine offene Debatte.

Alle Montagsinterviews im Überblick

Welche Lösungen gibt es für die insgesamt wachsenden Schülerzahlen?

Blümer: Das ist ein Thema, das jetzt schnell angegangen werden muss. Der starke Jahrgang der neuen i-Dötzchen kommt ja in vier Jahren in die weiterführenden Schulen. Zudem haben wir bereits mehrere Hundert Kinder aus der Ukraine, alleine die könnten schon eine mittelgroße Schule bilden. In diesem Sommer ist auch die Zahl der Kinder, die nach der sechsten Klasse die Schulform wechseln müssen, mit 42 Schülern sehr groß. Der Austausch zwischen den Schulen hat zwar schnell geklappt und wir konnten allen Familien einen Platz anbieten. Beim Thema „Behaltenskultur“, also die einmal aufgenommenen Kinder in der Schule auch zum Abschluss zu führen, waren wir aber schonmal weiter. Diese Zahl ist deutlich zu hoch.

„Wir haben jetzt teilweise in den fünften Klassen noch Nichtschwimmer, weil während der Pandemie der Schwimmunterricht ausgefallen ist.“

Joachim Blümer

Sie sprachen die Kinder aus der Ukraine an. Wie gut sind die in den Schulen angekommen?

Blümer: Wir an der Theodor-Heuss-Schule haben zwei Vorbereitungsklassen, die sind jahrgangsübergreifend und lediglich nach Sprachkenntnissen differenziert. Nach den Sommerferien wechseln die ersten Kinder in die Regelklassen. Das läuft nach meiner Kenntnis in allen Schulen gut, weil auch alle bei der Aufnahme der Kinder mitmachen.
Vier Willkommensklassen für ukrainische Kinder eingerichtet

Besonders schwierig ist die räumliche Situation an den Förderschulen. Was ist da notwendig?

Blümer: Die Förderschulen wurden über Jahre politisch reduziert. Es war ein Irrglaube, dass die Inklusion die Förderschulen ablöst. Wir brauchen starke Förderschulen, weil sie auch die Kompetenzzentren für die Inklusion an den Regelschulen sind. Die Zahl der Lehrer, die von den Förderschulen an die Regelschulen abgeordnet werden, ist derzeit auf 30 Prozent reduziert, teilweise muss Solingen sogar nach Wuppertal Lehrer schicken, weil die personelle Situation dort noch knapper ist. Damit trifft es die Förderschulen doppelt, räumlich und personell. In der Vollversammlung war das ein großes Frustthema. Wir möchten dazu einen runden Tisch mit Sprecherrat, Stadtdienst Jugend und Stadtdienst Schule einrichten, um mit den vorhandenen Mitteln schnelle Lösungen zu finden. Vielleicht müssen hier die Parameter wünschenswert und umsetzbar neu bewertet werden.

Haben Sie mit Blick auf Ihr Ausscheiden aus dem Sprecherrat einen persönlichen Wunsch?

Blümer: Die politischen Kräfte in Bund, Land und Stadt betonen, dass die gute Bildung unsere Kinder an oberster Stelle zu finden sein muss. Ich wünsche mir, dass diese Aussage für alle an Bildung Beteiligte durch sicht- und spürbaren Wandel begleitet wird. Es reicht nicht aus, die Themen nur zu benennen. Als gebürtiger Duisburger schließe ich mit einem Satz des Fußballers Alfred Preißler „Grau is' im Leben alle Theorie – aber entscheidend is' auf'm Platz.“ Und die Kinder stehen schon auf'm Platz, für sie hat das Spiel längst begonnen.

Persönlich

Zur Person: Joachim Blümer (63) ist seit 2001 Schulleiter der Theodor-Heuss-Schule, fast ebenso lange ist er Vertreter der Realschulen im Schulleitersprecherrat, seit anderthalb Jahren leitet er ihn gemeinsam mit Petra Ehrenfeld.

Sprecherrat: Alexander Lübeck (Gymnasien), Joachim Blümer (Nachfolger Hans-Martin Rahe, Realschulen), Andreas Tempel (Gesamtschulen), Annett Ißleib (Sekundarschule), Michael Becker (Berufskollegs), Petra Ehrenfeld, Sabine Riffi (Grundschulen), Götz Wever (Förderschulen)

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