Coronavirus

Inzidenz bei Ungeimpften steigt in Solingen stärker

Montag startet im Impfzentrum im ehemaligen Peek & Cloppenburg der erweiterte Impfbetrieb mit und ohne Termin. Foto: Knut Reiffert
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Montag startet im Impfzentrum im ehemaligen Peek & Cloppenburg der erweiterte Impfbetrieb mit und ohne Termin.

Stadt setzt auf mehr Impfungen, weniger Kontakte und 2G plus, um die vierte Welle zu brechen.

Von Philipp Müller

Solingen. Die Nachrichtenlage wirkt nicht nur alarmierend in Bezug auf Corona, sie ist es auch: Die Inzidenz der mit dem Virus infizierten Solinger erreicht bisher nicht gekannte Höhen. Die erste Schule ruft wegen der Ausbrüche den Notstand aus. Dagegen nimmt die Zahl der Erstimpfungen nicht so spürbar zu, wie es sein müsste. Dass der Impfschutz aber Wirkung zeigt, belegt diese Nachricht: Die Statistikstelle der Stadt Solingen meldet auf ST-Anfrage, dass sich die Inzidenzkurven von ungeimpften und geimpften Solingern, die einen positiven Test auf eine Sars-CoV-2-Infektion haben, voneinander abgekoppelt haben.

Zum Stichtag 15. November – neuere Zahlen sind noch nicht ausgewertet – lag die Inzidenz der Ungeimpften bei 410 Fällen auf 100 000 Solinger gerechnet, die Inzidenz vollständig Geimpfter bei 154. Statistikstelle und Gesundheitsamt kommen zu dem Ergebnis, „dass die Inzidenz der nicht vollständig Geimpften knapp dreimal so hoch ist wie die der vollständig Geimpften“.

Die Impfungen haben außerdem positive Auswirkungen auf die Belegung im Städtischen Klinikum und in der Lungenfachklinik Bethanien. Den Impfschutz untermauert auch Gesundheitsdezernent Jan Welzel (CDU). Er verweist auf diese Fallzahlen: Am 23. Dezember 2020 kamen auf 577 Infektionsfälle 73 Patienten in Krankenhäusern. Am 20. April, dem bisherigen Höhepunkt mit 669 Fällen, lagen 42 Solinger auf Krankenstationen. Am Donnerstag, 25. November, lagen bei 778 Infektionen 27 Solingerinnen und Solinger in den Kliniken – davon 9 ungeimpft, 9 geimpft und 9 unklare Fälle. Für die gesamte erste Novemberhälfte lag das Verhältnis bei 24 Ungeimpften zu 10 Geimpften.

Inzidenz insgesamt, ohne und mit vollständigem Impfschutz

Zum Verlauf der Zahl der infizierten Geimpften teilt Rathaussprecher Thomas Kraft mit: „Dies ist zwar ebenfalls ein deutlicher Anstieg im letzten Monat, das Wachstum ist aber nicht exponentiell wie in der Gruppe der nicht vollständig Geimpften.“

Für eine Erklärung der unterschiedlichen Verläufe der Inzidenz verweisen die Fachleute der Stadt auf einen von Virologen gerade bundesweit benannten Zusammenhang: „Danach sind 9 von 10 Infektionen auf Ungeimpfte zurückzuführen, die sich entweder selbst oder eben andere anstecken.“ Der Grund ist einfach und auf Solingen anwendbar: Geimpfte und ungeimpfte Solinger leben nicht getrennt voneinander, sondern haben in der Familie, am Arbeitsplatz, in den Schulen, Kitas, Bus oder Bahn und in der Freizeit viele gemeinsame Kontaktmöglichkeiten. Die Erhebungsbasis für die Aussage, Ungeimpfte treiben die Pandemie stärker voran, sind dabei die Kontaktverfolgungen durch die bundesweit ermittelten Daten der Gesundheitsämter. Das führt zu drei Fragen:

Wie ist die Lage der Geimpften bei den Infektionen zu beurteilen?

Das Rathaus teilt – zum Stichtag 15. November – Zahlen zu den Impfdurchbrüchen mit. Das sind mit einem PCR-Test festgestellte Infektionen mit dem Coronavirus trotz Impfung: „Zu diesem Stichtag liegt die Quote bei 44,1 Prozent – was so viel heißt, dass bald jede zweite Infektion auf einen Impfdurchbruch zurückgeht.“ Doch dabei muss man die Zahlen in Relation zur Größe der Gruppen geimpfter und ungeimpfter Solinger setzen, die die Statistikstelle so beziffert: In der ersten Novemberhälfte 2021 steckten sich von 51 487 nicht vollständig Geimpften 325 Personen an, das macht 0,62 Prozent. In der Gruppe der vollständig Geimpften, 111 261 werden da angesetzt, waren es 303, also 0,27 Prozent aller Geimpften.

Welche Wirkung haben Impfungen auf den Krankheitsverlauf?

Nach Auskunft der Statistikstelle kommen vollständig Geimpfte nach einer Erkrankung meist deshalb in die Kliniken, weil in der „ganz überwiegenden Zahl der Fälle starke Vorerkrankungen und hohes Alter zusammengetroffen sind, die sich negativ auf die Wirksamkeit der Impfung auswirken“. Ganz unabhängig vom Pandemieverlauf führe das zur Aussage: Die Betroffenen sind dadurch grundsätzlich deutlich anfälliger, auch trotz vollständiger Impfung.

Doch lässt die Impfwirkung auch unter den Solingern nach, weshalb jetzt nicht nur zu Erst- und Zweitimpfungen, sondern zur dritten Spritze, der Boosterimpfung, aufgerufen wird. Zum Monatswechsel Juli auf August lag der Schutz der Geimpften vor einer Infektion mit anschließender Erkrankung unter den Solingern noch bei 84,9 Prozent. Mitte November liegt der Schutz nur noch bei 56,9 Prozent. Im August schützte die Impfung zu 88,8 Prozent vor einer Einweisung ins Krankenhaus. Mitte November waren es noch 80,7 Prozent.

Welche Schlussfolgerungen zieht die Stadt Solingen?

Die Pandemie verläuft bei den Geimpften trotz nachlassender Impfwirkung deutlich milder. Am Ende münden diese Zahlen zu von Fachämtern und dem Dezernenten formulierten Bitten und Empfehlungen an die Solinger Bevölkerung: Jede neue Impfung, die die Impfquote Solingens erhöht, ist wertvoll. Schnelles Boostern schwächt die Impfdurchbrüche ab. Und: Je öfter 2G-Plus – geimpft oder genesen und trotzdem getestet –, umgesetzt wird, desto besser.

Nach einer Überlastung am Freitagmittag sind nun wieder Terminbuchungen für Impfungen möglich – über die Solingen-App oder direkt hier: solingen.impf-buchung.de

Krankenhäuser

Durch den Impfschutz ist die Lage in Bethanien, der St. Lukas Klinik und dem Städtischen Klinikum zwar am Anschlag, von einer Überlastung ist – Stand Freitag – aber noch nicht die Rede. Die Situation auf Intensivstationen sei im Herbst immer angespannt, sagt Prof. Thomas Standl, Medizinischer Geschäftsführer des Klinikums. Seine Kernaussage: Niemand muss abgewiesen werden, eine Triage – also die Entscheidung, wer noch behandelt werden kann und wer nicht – ist in Solingen bisher nicht notwendig. Standl betont auch: „Wir werden keinen Ungeimpften abweisen, der als Notfall ins Klinikum angeliefert wird.“ I Ausführlicher Bericht folgt

Standpunkt: Impfen zeigt Wirkung

Kommentar von Philipp Müller

philipp.mueller@ solinger-tageblatt.de

Nachrichten überschlagen sich fast minütlich, so wie die Corona-Pandemie Fahrt aufnimmt. Grund zur Panik? Nein. Grund zur Sorge? Bestimmt. Grund zur Vorsorge? Unbedingt. Denn die Zahlen aus Solingen belegen: Die Gruppe, die zweimal geimpft ist und sich die Booster-Impfung holt, wird besser durch die kommenden Wochen kommen. Dazu muss man nur einmal die Zahlen betrachten: 325 Fälle auf 50 000 ungeimpfte Solinger gibt es Mitte November, 303 auf 111 000 Geimpfte. Wie sähe es aus, wären die ungeschützt? Umgerechnet 750 Fälle wie bei den Ungeimpften? Wohl noch mehr, denn der Impfschutz senkt das Ansteckungsrisiko deutlich. Das Szenario ist kaum greifbar zu schätzen. Aber was die lokalen Zahlen belegen: Wer sich nicht durchs Impfen schützt, bringt sich und andere in größere Gefahr.

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