Interview

Warum läuft die Gläserne Werkstatt so schleppend an? 

Zum Interview traf das ST Carsten Zimmermann (l.) und Andreas Budde in den Räumen der Gläsernen Werkstatt.
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Zum Interview traf das ST Carsten Zimmermann (l.) und Andreas Budde in den Räumen der Gläsernen Werkstatt.

Zum unauffälligen Start der Gläsernen Werkstatt äußern sich Dezernent Andreas Budde und Geschäftsführer Carsten Zimmermann.

Das Interview führten Philipp Müller und Andreas Tews

Ende Oktober 2022 ging die Gläserne Werkstatt an den Start. Wie viele Besucher gab es bislang und wie zufrieden sind Sie beide als Geschäftsführer der für die Gläserne Werkstatt zuständigen Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) mit den Besucherzahlen?
Carsten Zimmermann: In den ersten drei Monaten hat das Team rund 1200 Gäste gezählt. Zugegeben, da ist noch Luft nach oben. Dennoch war das Team zufrieden, denn es hat mit vielen Menschen gesprochen, Ideen und Vorstellungen aufgenommen. Das wird nun ausgewertet und für die weitere Planung genutzt. Die Rückmeldungen vor Ort waren durchweg positiv. In der „Experimentierphase“ hat das Team übrigens kaum die Werbetrommel gerührt. Das wird sich zukünftig ändern.
Andreas Budde: Ganz wichtig ist, wir sind an den Start gegangen. Das hätten wir gerne früher getan, doch leider hat sich alles verzögert, wegen Corona und Problemen in der Bauphase, die gelöst werden konnten. Der Zeitpunkt war vielleicht nicht ideal, im Winter und in der Weihnachtszeit. Jetzt blicken wir auf das Frühjahr und starten durch.
Welche Angebote wurden in der neuen Einrichtung besonders gut angenommen, welche nicht, und weiß man, warum die Besucher kommen?
Zimmermann: Besonders gut angenommen wurde tatsächlich der Repariertreff. Die Menschen sind froh, eine weitere Anlaufstelle zu haben, um Geräte wieder nutzbar zu machen und sie nicht einfach zu entsorgen. Zukünftig kann das natürlich nur eines unter sehr verschiedenen Veranstaltungsfor-maten sein, und wir werden auch viele neue Ideen umsetzen.
Budde: In den letzten Wochen kamen viele Menschen einfach rein, weil sie neugierig waren und wissen wollten, was hier geschieht. Manche kannten die Gläserne Werkstatt noch gar nicht, manche hatten noch keine Vorstellung davon, was hier passiert. Und viele waren interessiert daran, hier zukünftig Veranstaltungen zu besuchen.
Ein längerfristiges Programm ab Februar liegt noch nicht vor, woran liegt das?
Zimmermann: Bei der Eröffnung haben wir angekündigt, dass die Gläserne Werkstatt mit einer Experimentierphase startet, also vieles einfach mal ausprobiert wird. Sie ist nun vorbei. Wir werten die Erfahrungen aus und schärfen nach. So werden aktuell vor allem die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der wirtschaftliche Geschäftsbetrieb starten kann. Und das Programm wächst. Vor allem zeigt sich, dass die Gläserne Werkstatt als Veranstaltungsort schon jetzt einen guten Namen hat. Im Februar sind wir ausgebucht.
Aufbauend auf den Erfahrungen in der Experimentierphase wird nun festgelegt, welche Veranstaltungen Geld kosten und wie viel, was man sich aber auch leisten können muss, um eine Idee zu transportieren oder Publikum besonders anzusprechen. Vom Kochevent mit Güde über die Sitzung der Bezirksvertretung Mitte bis hin zu Fachtagungen und Foren – da passiert in der nächsten Zeit ganz viel.
Neben dem in Kürze startenden Geschäftsbetrieb liegt uns eine Idee besonders am Herzen: Im April startet der erste „Markttag“ in der Gläsernen Werkstatt, parallel zum Markt in Mitte. Das Format findet zunächst einmal im Monat statt. An diesem Markttag sind alle Kuben geöffnet. Es bietet zudem Gelegenheit, dass sich die Unternehmen und Initiativen in der Gläsernen Werkstatt in einem fixen, attraktiven Zeitfenster mit besonderen Aktionen präsentieren.
Budde: Und noch ein wesentlicher Anker kommt hinzu: Nach den Osterferien öffnet „Smart City“ in der Gläsernen Werkstatt. Zeitgleich starten wir den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb und die Website geht online. Das ist noch einmal ein wesentlicher Meilenstein, den wir gerne mit einer großen Veranstaltung feiern mochten.
Oberbürgermeister Tim Kurzbach und viele Vertreterinnen und Vertreter des Rathauses setzen große Stücke auf die Werkstatt als Motor für den City-Umbau 2030. Kann die Werkstatt das überhaupt leisten?
Budde: Ja, die Gläserne Werkstatt hat das Potenzial. Sie steht für ein neues Denken und für neue Wege, auch für einen attraktiven Veranstaltungsort, aber ebenso für den Stolz auf das, was in unserer Stadt und in der Region geleistet wird und in vielen Fällen auch Tradition hat. Damit schafft sie die Chance, dass die Menschen sich wieder mit „ihrer“ Stadt identifizieren und motiviert sind, sich für ihre Zukunft einzusetzen. Stadtentwicklung ist eben nicht nur Aufgabe von Politik und Verwaltung, sondern auch von Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Zimmermann: Darüber hinaus ist die Gläserne Werkstatt auch Begegnungsstätte für Menschen, vor allem für die, die sich für ein gutes, nachhaltiges Leben interessieren und engagieren. Die Gläserne Werkstatt steht im Austausch mit anderen Innenstadt-Akteuren wie Stadtentwicklungsplanung, Innenstadtmanagement, Initiativkreis, Werbe- und Interessenring und weitere Aktiven.
Am Ende hat der Bau der Gläsernen Werkstatt mit Förder- und Eigenmitteln rund drei Millionen Euro gekostet, vereinfacht gefragt: Ist das nicht sehr viel Geld für „Kochen ohne Knochen“ und den Repariertreff?
Budde: Das ist eine Frage, die zu sehr vereinfacht. Es passiert doch viel mehr als nur die genannten Veranstaltungen. Zu den Zahlen: lm Zuge der Förderung durch EU und das Land NRW wurden für die Gläserne Werkstatt rund 1,7 Millionen Euro abgerufen. Die Förderung betrug ca. 1.55 Millionen, also 90 Prozent, der Rest floss aus Eigenmitteln. Mit Fördermitteln wurde die Gläserne Werkstatt an den Start gebracht. Dabei mussten auch – wie derzeit leider überall unvermeidbar – Baupreissteigerungen berücksichtigt werden, außerdem wurden Personalkosten, Miete und Nebenkosten während des Förderzeitraums aus diesem Topf finanziert. Die Sanierung der Immobilie wurde nicht gefördert, sie lag in der Zuständigkeit der Eigentümer.
Es sind 20 Schaukästen, Kuben genannt, für Interessenten angeschafft worden. Wo liegen noch die Schwierigkeiten?
Zimmermann: Da sind wir auf einem sehr guten Weg. Schon vor der Eröffnung haben wir erste Kubennutzer präsentiert. Zum Verständnis: 13 Kuben werden zukünftig für unternehmerische Interessen genutzt, vier dienen der Information und Präsentation zu Nachhaltigkeitsthemen, zwei wird die Gläserne Werkstatt flexibel im Rahmen von Aktionen und Veranstaltungen nutzen, zudem den „Prototypen“, an dem die Funktionalitäten zunächst getestet wurden. Konkret werden derzeit zehn Kuben bespielt, die weiteren werden zeitnah besetzt.
Budde: Das ist eine wichtige Erkenntnis aus der Experimentierphase: Die Unternehmen müssen ihren Personaleinsatz in der Gläsernen Werkstatt sorgsam planen. Deshalb schaffen wir eine Alternative. Die Unternehmen präsentieren sich in den Kuben, müssen aber nicht immer vor Ort sein. Ihre Produkte verkaufen sie über den Shop und im Rahmen von zeitlich überschaubaren Sonderaktionen, etwa beim Markt.
Geplantes Herzstück der Gläsernen Werkstatt, auch, um ihr mehr Frequenz zu geben, ist genau dieser Shop mit Stahlwaren. Dessen Öffnung hatten Sie für Januar angekündigt. Stirbt diese Idee nicht den leisen Tod?
Zimmermann: Nein, auf keinen Fall. Ganz im Gegenteil: Wir freuen uns, den Shop bald eröffnen zu können. Dort wird man kaufen können, was etwa in Kuben ausgestellt ist, darunter selbstverständlich auch Stahl- und Schneidwaren. Darüber hinaus wird es aber auch Produkte externer Anbieter geben, wenn sie zur Idee der Gläsernen Werkstatt passen. Damit der Verkauf starten kann, müssen wichtige Voraussetzungen geklärt sein. Ganz zentral: Der wirtschaftliche Betrieb muss laufen, die Gläserne Werkstatt muss in der Lage sein, abzurechnen, zu kassieren, Waren in Kommission zu nehmen, entsprechende Vereinbarung zu treffen. Daran wird intensiv gearbeitet.
Wie schnell braucht es dann eine andere Betriebsstruktur, damit Mittel der Stadtentwicklungsgesellschaft nicht dort gebunden sind?
Budde: Wir entwickeln Ideen zum Aufbau einer Trägerstruktur und prüfen sehr genau, was umsetzbar und geeignet ist, die Zukunft der Gläsernen Werkstatt zu sichern. Der Start des wirtschaftlichen Betriebs ist ein entscheidender Wendepunkt: Damit wird die Gläserne Werkstatt in die Lage versetzt, aus eigener Kraft einen Beitrag zu ihrer Finanzierung zu leisten. Sie kann Einnahmen generieren, verkaufen, vermieten oder bezahlte Veranstaltungen anbieten. Bis 2027 steckt die Zweckbindung den Rahmen, und hier haben wir erkannt, dass die Tücke im Detail steckt. Ein möglicher neuer Träger müsste der SEG das gesamte mit Fördermitteln angeschaffte Equipment der Gläsernen Werkstatt abkaufen. Diesen Träger muss man finden. Vor diesem Hintergrund scheint es zurzeit eher realistisch, dass die SEG die Trägerin der Gläsernen Werkstatt bleibt, solange die Zweckbindung greift.
Wie hoch ist aktuell das Budget für den Betrieb, wo muss es künftig liegen?
Zimmermann: Der Wirtschaftsplan der SEG sieht vor, dass sie die Gläserne Werkstatt bis zum Ende der Zweckbindung finanziell unterstützen kann. lm Jahr 2023 können bis zu 440 000 Euro fließen, vor allem für fixe Kosten, etwa Miete, Personal-, Betriebs- und Nebenkosten, daneben auch für ein Veranstaltungsbudget. Finanziert wird damit etwa auch das Personal, das das Team der Gläsernen Werkstatt zukünftig unterstützt, zum Beispiel am Empfang.
Budde: Es ist vorgesehen, dass die Gläserne Werkstatt in jedem Jahr höhere eigene Einnahmen erzielt, damit im Gegenzug die Unterstützung der SEG geringer werden kann. Ziel ist die „schwarze Null“ am Ende der Zweckbindung. Dann soll sich die Gläserne Werkstatt finanziell selbst tragen.
Gibt es bereits Akteure, die sich eine wirtschaftliche Beteiligung an der Gläsernen Werkstatt vorstellen können, und wer sind diese?
Budde: Ja, es gibt Interessenten, die sich ein Engagement für die Gläserne Werkstatt vorstellen könnten. Doch solche Gespräche laufen in dieser Phase zunächst hinter verschlossenen Türen und sind vertraulich.
Hat die Gläserne Werkstatt trotz des holprigen Starts noch eine Chance?
Zimmermann: Holprig? Wir haben da eine andere Sicht. Die Gläserne Werkstatt gibt es seit vier Monaten. Und in dieser kurzen Zeit hat sich schon viel entwickelt. Wie schon gesagt: Die Gläserne Werkstatt entwickelt sich in Stufen. In der Förderphase haben wir sie an den Start gebracht. Seit Ende Oktober haben wir experimentiert, die Ergebnisse aus der Analyse fließen nun in die weitere Planung. Das betrifft alle Elemente die Werkstätten, die Kuben, den Shop, die Veranstaltungen. Wir erreichen jetzt die nächste wichtige Stufe und starten den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb, der neue Möglichkeiten eröffnet. Und die werden wir nutzen.
Budde: Wir sind sicher: Die Gläserne Werkstatt wird ihre Strahlkraft entwickeln. Immer aber bleibt sie ein Prozess und ein Experiment. Sie wird sich immer weiter entwickeln, konkretisieren und neue Ideen aufnehmen. Fertig sein wird sie nie.

Zu den Personen

Andreas Budde ist städtischer Beigeordneter für das Ressort Planung, Bauen, Verkehr und Umwelt.

Carsten Zimmermann ist neben Budde Co-Geschäftsführer der kommunalen Stadtentwicklungsgesellschaft.

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