Gespräch

Montagsinterview mit Prof. Stefan Diestel: Krise verändert die Arbeitswelt nachhaltig

Prof. Stefan Diestel ist Inhaber des Lehrstuhls für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Uni Wuppertal. Archivfoto: Knut Reiffert
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Prof. Stefan Diestel ist Inhaber des Lehrstuhls für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Uni Wuppertal.

Prof. Stefan Diestel erklärt, welche Herausforderungen auf Arbeitgeber und Beschäftigte zukommen

Das Gespräch führte Manuel Böhnke

Herr Professor Diestel, die Corona-Pandemie müsste doch für die Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie ein Glücksfall sein. Wir erleben momentan fast so etwas wie ein flächendeckendes Realexperiment.
Prof. Stefan Diestel: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind überwiegend problematisch und für große Teile der Bevölkerung weltweit gefährlich im gesundheitlichen und sozioökonomischen Zusammenhang. Insbesondere für Beschäftigte, die viele Belastungen gleichzeitig bewältigen müssen. Korrekt ist allerdings, dass die Krise uns hilft, Faktoren zu identifizieren, um vergleichbare Situationen besser zu verstehen, zu überwinden und daraus zu lernen. Aus psychologischer und soziologischer Sicht hat die Pandemie Problembereiche in unserer Gesellschaft zusätzlich verschärft und hierdurch sichtbarer gemacht. Es bleibt zu hoffen, dass Politikerinnen und Politiker, andere Verantwortungsträger sowie jeder und jede Einzelne in unserer Gesellschaft die richtigen Konsequenzen ziehen.
Mit welchen Belastungen haben Berufstätige in der Pandemie zu kämpfen?
Diestel: Zum einen zeigt sich ein dynamisches Wechselspiel zwischen Homeoffice und Homeschooling. Häufig leiden Familien unter schwerwiegenden Konflikten mit Blick auf Zeit und Ziele. Zum anderen ist die Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und schwer zu erkranken, sehr belastend. Hinzu kommt die Sorge vor Arbeitsplatzverlust sowie sonstigen sozialen und ökonomischen Folgen der Pandemie. Es gibt in dieser Krise viele strukturelle und organisatorische Umstände, aber auch neue Möglichkeiten, mit denen sich Menschen vertraut machen müssen. Das alles erfordert ein hohes Maß an Selbstkontrolle und Willensstärke. Das soll aber nicht heißen, dass es ausschließlich an den Berufstätigen liegt, ob sie die Belastungen bewältigen können. Wie stark unsere Selbstkontrolle strapaziert wird, hängt erheblich von äußeren Umständen ab.
Wie kann man die psychischen Auswirkungen möglichst gering halten?
Diestel: Wichtige Faktoren sind Autonomie und Selbstbestimmung. Menschen müssen über die Situation und die Möglichkeiten, sich und andere zu schützen, aufgeklärt werden. Es braucht das klare Zeichen: Wir können alle daran mitwirken, dass diese Krise überwunden wird. Diese Gewissheit führt zu Selbstvertrauen. Das betrifft auch Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Transparenz insbesondere mit Blick auf Entscheidungsprozesse.

„Das Jetset-Leben eines Beraters ist kostspielig.“

Prof. Stefan Diestel 
Was sind weitere Faktoren?
Diestel: Es braucht in der Gesellschaft genauso wie in Unternehmen Strukturen und Vorkehrungen, die vermitteln: Die Verantwortlichen kümmern sich und überlegen sich genaue Maßnahmen, wie sich diese Krise überwinden lässt. Wer an vorderster Front gegen die Pandemie kämpft, muss in wichtige Entscheidungen eingebunden werden. Nicht zu vernachlässigen ist aber auch finanzielle Unterstützung. Diejenigen, die in der Krise arbeitslos geworden sind und kaum wissen, wie sie sich über Wasser halten sollen, darf man nicht im Stich lassen. Das gilt vor allem für junge Menschen, die wie viele andere für die nächsten Monate wenigstens etwas Planungssicherheit brauchen und leider für die Folgen der Pandemie die Hauptlast tragen werden.
Homeoffice, Beschleunigung der Digitalisierung, wegfallende Dienstreisen. Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Was wird davon nach der Krise bleiben?
Diestel: Die meisten Experten sagen voraus, dass die Bedeutung von Homeoffice und größerer Flexibilität der Arbeit weiter steigen wird. Unternehmen haben gelernt, mit modernen Technologien so umzugehen, dass sie Prozesse effizienter gestalten können. Hier braucht es allerdings noch Konzepte, wie das Arbeiten von zu Hause aus und die Kinderversorgung unter einen Hut zu bekommen sind. Dafür gibt es noch wenige schlüssige Lösungen. Der zweite Punkt ist, dass wegfallende Dienstreisen ein enormes Einsparpotenzial darstellen. Um es salopp zu sagen: Das Jetset-Leben eines Beraters ist kostspielig. Man muss nicht mehr wegen jedes Meetings quer durch Deutschland fahren.
Welche Maßnahmen in Bezug auf Homeoffice werden Unternehmen zukünftig ergreifen? Wird es noch das klassische Büro geben?
Diestel: Unternehmen werden voraussichtlich erkennen, dass hier enorme Einsparpotenziale liegen. Warum braucht es einen festen Arbeitsplatz für jeden Mitarbeiter? Stattdessen könnten sich mehrere Arbeitnehmer einen Schreibtisch teilen. Wenn eine Kollegin im Homeoffice arbeitet, kann die andere vor Ort sein und umgekehrt. Setzt man solche Konzepte konsequent um, braucht es in Zukunft viel weniger Büroflächen. Wichtig ist aus arbeitspsychologischer Perspektive, dass Flexibilität in den Arbeitsabläufen überzeugend und für Beschäftigte nutzbringend vermittelt werden und die Einsparungen direkt oder indirekt den Beschäftigten zugutekommen.
Aus Sicht der Arbeitnehmer: Welche Folgen hat es, wenn Berufs- und Privatleben zunehmend verschmelzen?
Diestel: Das ist ein wichtiger Punkt. Im Homeoffice neigt man dazu, ständig erreichbar zu sein. Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen lernen, Berufliches und Privates voneinander abzugrenzen und klare Zeiträume zu definieren, die nicht dem Job vorbehalten sind. Die Unternehmen sollten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hierbei direkt über Autonomie und materielle Ressourcen unterstützen. Die Firmen könnten das Geld, das sie wegen wegfallender Dienstreisen und Büroflächen einsparen, direkt in die Belegschaft investieren, um ihnen bei diesem Prozess zu helfen.
Auch ein umgekehrter Trend ist festzustellen: Viele junge Unternehmen setzen auf ein privateres Zusammensein am Arbeitsplatz. Es gibt Kicker, Dartscheiben und Afterworkpartys. Müssen sich Arbeitgeber heutzutage so aufstellen, um attraktiv zu bleiben?
Diestel: Nicht der Kicker oder die Afterworkparty sind motivationsförderlich, sondern die auf ethischen Prinzipien basierende Unternehmenskultur. Die Art und Weise, in der Führungskräfte ihre Mitarbeiter motivieren und zu selbstbestimmtem Handeln ermutigen, Freiräume lassen und hierdurch die Kompetenzen und Persönlichkeit fördern. Führungskräfte sind der Herausforderung ausgesetzt, die Leistung der Beschäftigten in Einklang mit den Unternehmenszielen zu bringen. Das gelingt nur, wenn Strategien, Ziele und die sich hieraus ergebenden Aufgaben insgesamt sinnvoll sind und mit den Interessen der Beschäftigten übereinstimmen. Wenn einem das gelingt, kann man einen Kicker aufstellen man kann es aber auch sein lassen.
Wenn es um die Arbeitswelt von morgen geht, ist häufig auch die Arbeitszeit ein Thema. Ist eine klassische 40-Stunden-Woche noch zeitgemäß?
Diestel: Dieser Frage kann man sich kontrovers widmen. Die 40-Stunden-Woche ist kein arbeitswissenschaftlich erdachtes System, sondern geht auf historische Entwicklungen zurück. Vor dem Hintergrund ergibt es Sinn, sich die Frage zu stellen: Wie arbeiten wir am effektivsten? Es geht um einen festen Rhythmus, gute Schlafqualität, Zyklen, in denen wir besonders produktiv sind. Aber auch Pausen und private Umstände wie Kinder oder pflegebedürftige Angehörige sind wichtige Aspekte. Moderne Konzepte, die Flexibilität und Autonomie in der Auswahl der Arbeitszeiten, Ziele und Aufgaben begünstigen, aber eine darauf abgestimmte Unterstützung in der Kinderbetreuung ermöglichen, dürften hier interessante Perspektive bieten.

„Wir alle werden zukünftig viel mehr gefordert sein, eigenständig Entscheidungen zu treffen.“

Prof. Stefan Diestel 
Wie sieht ein Arbeitszeitmodell aus, das diesen individuellen Bedürfnissen der Arbeitnehmer gerecht wird?
Diestel: Das kann man pauschal nicht sagen, es hängt immer vom Tätigkeitsfeld ab. Für manche Berufe ist eine größtmögliche Autonomie die beste Lösung, für wieder andere sind Arbeitsgruppen, die sich bis zu einem gewissen Punkt eigenständig organisieren, ein gangbarer Weg.
Im Bergischen Land gibt es viele Arbeitsplätze in der Industrie. Da ist Homeoffice kein Thema. Wie wird sich diese Arbeit verändern?
Diestel: Ein großes Thema ist natürlich die automatisierte Gestaltung von Produktionsprozessen. Um die zu begleiten, könnten teilautonome Teams sowie agile Prozess- und Projektsteuerung eine Rolle spielen.
Für viele Mitarbeiter ist das eine neue Welt. Wie nimmt man die Belegschaft bei diesem Prozess mit?
Diestel: Man muss sie verschiedene Dinge ausprobieren lassen. Wichtig ist, dass sie eigene Erfahrungen sammeln, mit welchen Methoden sich ihre Aufgaben und Ziele am besten erfüllen lassen. Hierbei liegt es allerdings in der Verantwortung von Führungskräften und Unternehmen, einerseits den Raum zu bieten, jedoch auch andererseits konkrete Lösungen und Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich als praktikabel erweisen.
Welche Fähigkeiten müssen Arbeitnehmer in Zukunft mitbringen?
Diestel: Wir alle werden zukünftig noch viel mehr gefordert sein, eigenständig Entscheidungen zu treffen, uns selber zu kontrollieren und zu steuern. Wir müssen auf veränderte Gegebenheiten reagieren, beispielsweise in Krisensituationen, und uns in verschiedene Themenfelder hineinarbeiten können. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, Dinge kritisch zu hinterfragen. Auch was das eigene Arbeitsverhältnis betrifft.

Zur Person

Seit 2018 leitet Prof. Stefan Diestel den Lehrstuhl für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Bergischen Universität Wuppertal. Zuvor war er unter anderem am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund, der Ruhr-Universität Bochum und der International School of Management in Dortmund tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Selbstkontrollanforderungen und Emotionsarbeit, Burnout sowie Führung, Teamdiversität und sozialer Kontext in Organisationen.

www.uni-wuppertal.de

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