Montagsinterview

Integration geflüchteter Menschen: „Wir haben eine ganze Menge geschafft“

Der langjährigen Leiterin des Kommunalen Integrationsdiensts, Anne Wehkamp (links), folgt Caren Tuchel nach. Die Porträts türkischstämmiger Familien im Hintergrund sind zur Feier von 60 Jahren deutsch-türkisches Anwerbeabkommen entstanden. Foto: Christian Beier
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Der langjährigen Leiterin des Kommunalen Integrationsdiensts, Anne Wehkamp (links), folgt Caren Tuchel nach. Die Porträts türkischstämmiger Familien im Hintergrund sind zur Feier von 60 Jahren deutsch-türkisches Anwerbeabkommen entstanden.

Anne Wehkamp und Caren Tuchel von der Stadt Solingen über die Integration geflüchteter Menschen.

Das Gespräch führte Anja Kriskofski

Angela Merkel hat 2015 gesagt „Wir schaffen das“. Was haben wir in Solingen bei der Integration von geflüchteten Menschen geschafft?

Anne Wehkamp: Wir haben eine ganze Menge geschafft. Wir waren in Solingen insofern von Anfang an gut aufgestellt, als auf der Grundlage unseres Integrationskonzepts klar war, wo die Verantwortlichkeiten liegen. Wir haben ein breites Netzwerk von Ehrenamtlichen und viele städtische Mitarbeitende, die tatkräftig geholfen haben. Ganz wichtig war, dass – nach einer herausfordernden Anfangsphase in Turnhallen – weitgehend vermieden werden konnte, dass große Unterbringungseinrichtungen geschaffen werden mussten. Viele Forschungsergebnisse zeigen: Wenn die Menschen dezentral untergebracht sind, haben sie bessere Chancen anzukommen und sich in nachbarschaftliche Strukturen zu integrieren. Dazu gab es stadtteilbezogene Bürgerversammlungen, auf denen der Oberbürgermeister für Fragen zur Verfügung stand und die Solingerinnen und Solinger ihren Sorgen Ausdruck verleihen konnten. Wenn ich das mit anderen Kommunen vergleiche, war eine breite Unterstützung für die Aufnahme von Geflüchteten da.

Welche Aufgaben übernimmt dabei das Kommunale Integrationszentrum?

Wehkamp: Wir stellen auf der einen Seite Übersetzungskräfte über den mobilen Übersetzungsdienst bereit. Wir waren auch immer die Vorbereitungen der Stadtteilkonferenzen einbezogen. Die Ehrenamtlichen, die sich für Geflüchtete einsetzen, werden durch das von uns verwaltete Landesprogramm „KOMM-AN NRW“ unterstützt. Zudem haben wir von Anfang an die Seiteneinstiegsberatung für Schülerinnen und Schüler durchgeführt. In enger Kooperation mit dem Schulamt und den Schulleitungen wurden Lösungen gesucht, wie sie entsprechend gefördert werden konnten und können. Aber man muss sich nichts vormachen. Das wird nicht in jedem Fall so gelaufen sein, wie man sich das wünscht. Da mussten in relativ kurzer Zeit 600 bis 800 Kinder und Jugendliche zusätzlich in den Schulen untergebracht werden, da war es nicht allein mit Zusammenrücken getan. Es mussten zusätzliche Seiteneinsteigerklassen gebildet werden. Das war für alle Beteiligten ein ziemlicher Kraftakt. Wir hatten aber sehr engagierte Schulleitungen, die sich des Themas angenommen haben.

Caren Tuchel: Inzwischen sind wir in der Situation, dass viele Geflüchtete in einer eigenen Wohnung untergebracht sind. Wir haben Menschen, die anerkannt sind und gute Chancen haben, auch eine berufliche Integration zu erlangen. Und dann haben wir diejenigen, die mit Duldung hier sind oder sich noch im Asylverfahren befinden. Da sind wir froh, dass es Landes-Förderprogramme wie „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ mit Sprachkursen und Coaching gibt, hier für die Zielgruppe der 18- bis 27-Jährigen.

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Rund ein Drittel der 3700 Geflüchteten, die seit 2015 nach Solingen gekommen sind, haben eine Arbeitsstelle gefunden und leben nicht mehr von der Grundsicherung. Woran liegt es, dass es bei der Mehrheit bislang nicht gelungen ist?

Tuchel: Ein wichtiger Punkt ist die Kinderbetreuung im Zusammenhang mit Sprachkursen. Da gibt es große Lücken. Die Auflagen sind allerdings so, dass man einen Sprachkurs mit Kinderbetreuung bei den Trägern kaum umsetzen kann. Es ist eine große Schwierigkeit, die jungen Mütter oder auch Väter in den Sprachkurs zu bekommen. Es gibt zwar „Passage-Gruppen“, wo die Kinder für ein paar Stunden betreut werden. Aber das reicht nicht, um einen kompletten Sprachkurs mit vier bis fünf Stunden am Tag zu machen. Und es gibt nicht ausreichend Kindergartenplätze für alle Kinder. An manchen Stellen bedarf es zudem auch einer längeren Zeit der Berufsfindung. Es ist schwer, für junge Menschen einen für sie passenden Beruf zu finden. Für die, die neu zu uns kommen, ist es noch vielfach schwerer. Manche Menschen haben auch noch mit den Folgen der Flucht zu kämpfen. Sie müssen sich erstmal selbst in die Lage versetzen, an eine berufliche Orientierung zu denken, weil vielleicht Dinge passiert sind, die wir uns nicht vorstellen möchten. Gerade viele Hochqualifizierte haben lange Wege der Anerkennung, bis sie in ihrem Beruf arbeiten können, wenn er überhaupt komplett anerkannt wird. Häufiger kommt es zu einer Teilanerkennung, so dass sie sich zusätzlich qualifizieren müssen.

Wie werden die Sprachkurse angenommen?

Wehkamp: Die Sprachkurse für Erwachsene organisieren wir nicht. Das machen die anerkannten Träger. Wir verweisen in der Beratung natürlich darauf, dass sie diese Angebote nutzen können und sollten. Wir bieten hier zum Beispiel Ferienkurse für Kinder und Jugendliche oder Sprachbildungsangebote in den Schulen an. Das wird in der Regel gut angenommen.

Thema Corona: Wie informieren Sie Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen, über Impfangebote?

Tuchel: Wir nutzen den mobilen Übersetzungsdienst, der bei den mobilen Impfangeboten unterstützt. Wir nutzen zweisprachige Flyer der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Über die Kontakte zu den Migrantenselbstorganisationen und zu den Trägern streuen wir Informationen breit. Wenn es um Quarantäne geht, kann bei Telefonaten mit dem Gesundheitsamt auch ein Übersetzer dazu geschaltet werden.

Was hat sich verändert, Frau Wehkamp, im Vergleich zur Ihrem Start als Solinger Integrationsbeauftragte vor 20 Jahren?

Wehkamp: Als ich 2002 angefangen habe, hatte ich als Ausländerbeauftragte eine halbe Stelle im Sozialressort. Mittlerweile sind wir beim Kommunalen Integrationszentrum, das 2012 eingerichtet wurde, 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Übersetzungsdienst arbeiten 200 Ehrenamtliche mit. Es gab eine deutliche Bevölkerungsentwicklung. Stand Dezember 2020 hatten 17 Prozent der in Solingen lebenden Menschen keine deutsche Staatsangehörigkeit. 2005 waren es 12 Prozent. Wichtiger ist aber, dass sich das Selbstverständnis stark geändert hat: Anfangs ging es darum, den Umgang mit Ausländern in der Verwaltung in den Blick zu nehmen. Heute geht es um die Frage, wie wir die Vielfalt in unserer Stadt gestalten. Dazu gehören Themen wie die Prävention gegen Rassismus, Islamfeindlichkeit und Diskriminierung, der Dialog zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens, die Arbeitsmarktintegration, die vorschulische und schulische Bildung, die interkulturelle Öffnung in der Verwaltung und in der Stadtgesellschaft. Wir tun, was wir können, aber es könnte natürlich noch viel mehr sein. Sehr froh sind wir über die guten Kooperationen mit den Wohlfahrtsverbänden und mit dem Zuwanderer- und Integrationsrat.

Frau Tuchel, wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Tuchel: Es geht darum, eine möglichst gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit internationaler Familiengeschichte in der Stadtgesellschaft zu erreichen. Da ist noch Luft nach oben. Wir müssen verhindern, dass rassistische Tendenzen stärker werden und Dialog anbieten. Und es wird auch weiterhin eine Herausforderung sein, Menschen an die deutsche Sprache und an die berufliche Integration heranzuführen, damit sie für sich selbst sorgen und selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind.

Stabwechsel

Anne Wehkamp (63) wurde 2002 Ausländerbeauftragte bei der Stadt Solingen und baute den Stadtdienst Integration mit auf. Die Leitung übernimmt nun Caren Tuchel (54). Sie arbeitet seit 2019 beim Kommunalen Integrationszentrum.

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