City 2030

Innenstadt braucht jetzt die 3-K-Strategie

Die Innenstadt wird 2030 anders aussehen, das ist die Idee des Konzepts zur Neuausrichtung der City.
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Die Innenstadt wird 2030 anders aussehen, das ist die Idee des Konzepts zur Neuausrichtung der City.

Das Tageblatt-Projekt „City 2030, was 2021 geht“ hat die City-Zukunft beleuchtet – Händler erklären ihre Sicht.

Von Philipp Müller

Solingen. Das Konzept City 2030 sei für ihn eine Vision, die mehr Menschen in die Innenstadt bringen soll. Das sagte der bekannte Solinger Händler Ralf Kohns im Rahmen des Tageblatt-Projekts „City 2030, was schon 2021 geht“.

Ralf Kohns

Kohns sieht dabei diese Handlungsfelder: Mehr, auch preiswerten Wohnraum brauche es. Neue Formen der Arbeit müsse die City bieten. Und – natürlich blickt er auch auf den Einzelhandel – das werde helfen, den Einzelhandel zu stützen. Das gelinge aber nur, wenn man auf dem Weg auch alle Solinger mitnehme.

Das Solinger Tagblatt hatte dazu in einem dreistündigen Online-Ticker „City 2030 nimmt Fahrt auf“ (siehe unten) Video-Interviews veröffentlicht. Darin kamen Händler sowie Vertreter der Verwaltung und Verbände zu Wort. Sie sprachen über ihre Sicht auf die City 2030 und was sie von dem Konzept erwarten.

Noch einmal Grundsätzliches vorweg: Das Konzept City 2030 ist eine 125 Seiten dicke Handlungsanweisung, wie das gelingen kann. Es wurde zunächst von drei Gutachterbüros in groben Zügen erstellt. Fleisch an die Gräten gab es durch zahlreiche Workshops und Treffen mit den direkt betroffenen Einwohnern und Immobilienbesitzern der Innenstadt selbst. Schließlich beriet die Politik City 2030 und verabschiedete es am Ende als ein „Integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept City 2030“ im Jahr 2019.

Doch zunächst geschah wenig. Denn die Umsetzung ist an Zuschüsse des Landes NRW gebunden. Doch von Januar an fließen zunächst 1,3 Millionen Euro in die City. Die Gläserne Werkstatt wird ihren Betrieb in 2021 aufnehmen. Auch dafür gibt es aus einem anderen Fördertopf rund 2 Millionen Euro, die von der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft in der City eingesetzt werden.

Stadt stellt ihr Innenstadt-Programm für 2021 vor

In einem Video-Interview mit dem Tageblatt hatte Stadtdirektor Hartmut Hoferichter zudem angekündigt, erste Pilotprojekte für zwei Maßnahmen auf den Weg bringen zu wollen. Die Stadt will selbst von Hoferichter als „Schlüssel-Immobilien“ bezeichnete Gebäude kaufen, im Sinne der Ideen von City 2030 umbauen und so marktfähig machen.

Hartmut Hoferichter

Anschließend sollen die Immobilien auch verkauft werden. Das zweite Pilotprojekt setzt die Idee einer „Umwandlungspauschale“ um. Damit sollen Erdgeschosse, vorwiegend an der Hauptstraße, umgebaut werden. Die Möglichkeiten reichen dabei von der kleinen Manufaktur über Gemeinschaftsräume bis zu Appartements für Kurzzeitmieter.

„Es darf sich nicht alles auf den Handel konzentrieren, um die Menschen für die Innenstadt wieder zu begeistern.“
Ralf Kohns fordert 3-K-Strategie

Doch das alles mache nur Sinn, wenn hinter dem Konzept auch eine Philosophie stehe, hatte Ralf Kohns von Expert Schultes im ST-Interview erklärt. Denn es habe sich grundlegend etwas geändert. Früher konnte die City mit 80 Prozent Handel und dem reinen Einkaufserlebnis punkten. Doch jetzt brauche es die 3-K-Strategie. Kohns bezieht sich dabei auf den Wiener Zukunftsforscher Andreas Reiter. Er untersucht die Bedeutung und künftige Ausgestaltungen von urbanen Zentren. Die drei K stehen dabei für Kommunikation, Konsum und Kultur.

Konsum: Reiter formuliert das generell so: Shopping, also der Konsum, sei nur noch ein „Puzzle-Steinchen im städtischen Erlebnis-Set“.

Kultur: Für eine neue Aufenthaltsqualität brauche es „hybride, multifunktionale Konzepte, junges Leben statt Living Museum“.

Kommunikation: Die Zweifach-Dimension aus Handel und Innenstadt sei überholt. Reiter verlangt „universitäre Einrichtungen, Spin Offs, Schulen“. Zudem setzt der Zukunftsforscher darauf: „Smarte Manufakturen werden in alte Gemäuer hereingeholt“.

„Wir brauchen tolle Investoren für neues Wohnen an der Hauptstraße.“
Waldemar Gluch fordert Umdenken

Im Ansatz sei Solingen auf einem guten Weg, versichert Ralf Kohns. Mit der Bücherei und dem Theater und Konzerthaus sei die Kultur vertreten. Sie könne – richtig gestärkt – für Kommunikation sorgen.

Die drei K findet man in der Tiefe des Konzepts City 2030 grundsätzlich auch an vielen Stellen wieder.

Waldemar Gluch

Doch es gilt jetzt auch, ganz dicke Bretter zu bohren. Denn die Ansätze müssten gezielt ausgebaut werden, rät Waldemar Gluch, der neue Vorsitzende des Initiativkreises Solingen. Dazu sei es die Voraussetzung, die Konzentration und Verkleinerung der Einkaufsflächen aus dem Konzept zu verwirklichen. Schon jetzt werde die untere Hauptstraße nicht mehr als Einkaufsfläche benutzt. „Wir müssen dort tolle Investoren haben, die die Idee aufgreifen, dass die Innenstadt als Wohnort hoch interessant ist.“

Der Unternehmensberater Jan Höttges, Gluchs Vorgänger im Initiativkreis, in dem alle Solinger Werbegemeinschaften der Händler und das Rathaus vertreten sind, mahnte in einem früheren ST-Interview, für die City fehle der große Wurf. Tatsächlich ist der eher nur in der Tiefe der 125 Seiten zu erkennen – aber vorhanden, doch Fragen bleiben offen.

„Es wird uns gelingen, die City neu zu beleben.“
Carsten Becker setzt auf Dynamik

Aktueller Beleg: Die neuen Mitglieder des Planungsausschusses des Stadtrats wollen sich City 2030 nochmals im Detail erklären lassen. Der Vorsitzende des Ausschusses ist Carsten Becker (CDU).

Carsten Becker

Er ist jedoch voller Zuversicht und sagte im Video-Interview: „Wir haben schon so viele Akteure eingebunden, dass es uns gelingen wird, die Innenstadt neu zu beleben.“ Doch zugleich weiß er auch, dass noch viele Baustellen begleitet werden müssen.

Innenstadt braucht ein neues Verkehrskonzept für die Zukunft,

2021 wird ein neues Verkehrskonzept Thema in der Politik sein. Hierbei zeigt sich, dass ein langer Streit darum entbrennen wird, entweder mehr kostenloses Parken anzubieten oder Autos zugunsten von ÖPNV und Radfahrern auszubremsen. Letzteres Ziel hatte die neue Fraktionsvorsitzende Juliane Hilbricht im Tageblatt-Gespräch als Marschroute verkündet.

Ralf Reichwein

Autofreundlicher soll es aber nach Meinung von Haus & Grund zugehen. Das Konzept ist auch notwendig, weil die Sparkasse in wenigen Wochen mit dem Neubau ihrer Hauptstelle am Neumarkt beginnen will. Auf die Fläche an der Kölner Straße sollen später Wohngebäude folgen.

Am Mühlenplatz wird ab dem 11. Januar wieder weitergebaut

Nächstes Problem ist die Zukunft der Einkaufszentren.

Hofgarten: Dort zeigt sich aktuell durch neue Lücken, dass das Center nur eine Chance hat, wenn auch der Rest der City wieder funktioniert.

Bachtorzentrum: Eine zeitnahe Wiederbelebung ist gar nicht in Sicht.

Clemens-Galerien: Dort ziehen zwar Zug um Zug neue Mieter ein. Doch zuletzt stockte der Umbau des Mühlenplatzes. Architekt Andreas Seidensticker kündigte allerdings an, dass ab dem 11. Januar wieder die Baumaschinen anrollen sollen. Unklar bleibt dagegen die Zukunft des ehemaligen Kaufhofs und des gerade geschlossen P & C. Überraschend schmallippig hatte sich Projektentwickler Jochen Stahl zuletzt nur entlocken lassen, dass sich im Januar er und die Investoren im Hintergrund zur Zukunft der Idee seniorengerechter Wohnungen als Neubau-Komplex äußern wollen.

„Der Umzug in die Clemens-Galerien war alternativlos.“
Michael Borgmann will Tempo

Für Michael Borgmann, der mit dem Umzug seines Sportgeschäfts von der Hauptstraße in die Clemens-Galerien die Konzentration des Handels vorwegnahm, ist jetzt Tempo gefragt.

Michael Borgmann

Der Umzug sei alternativlos gewesen. Jetzt müsse aber eine Strategie her, dem traditionellen Handel zu mehr Online-Geschäft zu verhelfen. Da seien die IHK und der Einzelhandel im Verbund mit der Wirtschaftsförderung gefragt.

Die Stadtentwicklung setzt dabei auf das neue Innenstadt-Marketing, das im Januar seine Arbeit aufnimmt. Miriam Macdonald erklärte im Interview mit dem ST, dass die beiden Experten vom Büro Höcker Project Managers aus Köln schnell mit allen Akteuren der City in konstruktive Gespräche kommen sollen. Dabei wird es auch um den Wunsch von Juwelier Ralf Reichwein gehen.

Miriam Macdonald

Er hatte im Gespräch deutlich gemacht, dass die gemeinsame Kommunikation der Innenstadthändler professionelle Strukturen brauche. Aus dem Blick darf das Konzept auch nicht den Gedanken von Goldschmiedemeister Berthold Hloschek verlieren, der sagte, dass der kleine Handel nur mit Kompetenz und Fachpersonal überlebensfähig sei.

Dass das kein Selbstläufer wird, ist Stadtdirektor Hoferichter klar. Mehr Tempo verspricht er deshalb auch. Schon im kommenden Jahr sollen neue Förderanträge gestellt werden. Insgesamt werden etwa 38 Millionen Euro benötigt. Mit dem Land sei man sich dabei grundsätzlich einig.

Solinger Tageblatt und City 2030

Am 18. Dezember veröffentlichte das Solinger Tageblatt acht Video-Interviews zur Zukunft der City.

Berthold Hloschek

Dabei war das Ziel, die Aufbruchstimmung in der Stadt einzufangen und Problemstellen zu benennen. Gesprächspartner waren Miriam Macdonald, Stadtentwicklung, die Händler Michael Borgmann und Ralf Kohns, der Juwelier Ralf Reichwein, der Goldschmiedemeister Berthold Hloschek, Waldemar Gluch für den Initiativkreis Solingen, Carsten Becker vom Stadtplanungsausschuss und Stadtdirektor Hartmut Hoferichter. Ihre Einschätzungen zur Innenstadt gibt es um viele Texte zum Konzept und dessen Geschichte ergänzt zum Nachlesen und Anschauen.

Alle Videos und Interviews finden Sie auch auf unserem YouTube-Kanal.

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