Handicap

Inklusion: Arbeitgeber erfüllen Quote

Der Personalbeauftragte Michael Hoffmann (r.) und Projektmanager Jan Dijkman zeigen den Arbeitsplatz von Semih Caliskan bei der Firma Lüttges. Der 33-Jährige hat eine Gehbehinderung und wollte selbst nicht fotografiert werden.
+
Der Personalbeauftragte Michael Hoffmann (r.) und Projektmanager Jan Dijkman zeigen den Arbeitsplatz von Semih Caliskan bei der Firma Lüttges. Der 33-Jährige hat eine Gehbehinderung und wollte selbst nicht fotografiert werden.

Der Anteil an Menschen mit Behinderung ist in Solingen höher als im bergischen Schnitt. Dennoch ist die Vermittlung schwierig.

Von Kristin Dowe

Solingen. In ihrem Inklusionsbarometer 2022 stellt die Sozialorganisation „Aktion Mensch“ Arbeitgebern in Deutschland ein bescheidenes Zeugnis aus: Rund 60 Prozent der Unternehmen zahlten lieber die gesetzliche Ausgleichsabgabe, als Menschen mit Behinderung einzustellen. So heißt es in dem Bericht, der auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit basiert.

Für die Klingenstadt könne die Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal über diesen Punkt keine konkrete Aussage treffen, bedauert Agentur-Sprecherin Regina Wallau. Zahlen lägen der Agentur aber über die Erfüllung der Pflichtquote in Bezug auf die Gesamtheit der Arbeitsplätze in den jeweiligen Städten vor. Eine Aussage über die Bereitschaft der einzelnen Arbeitgeber, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, lasse sich für die Behörde nicht treffen.

Lesen Sie auch: Integrativer Arbeitsplatz: Der gute Geist der Cobra heißt für alle Dennis

So sind Arbeitgeber nach der gesetzlichen Regelung verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten oder anderweitig anrechnungsfähigen Menschen zu besetzen. Diese Quote wurde 2020 (aktuellere Zahlen liegen der Agentur bislang nicht vor) in Solingen erfüllt. So boten in dem Erhebungszeitraum 289 Arbeitgeber in Solingen insgesamt 31.485 Arbeitsplätze an. Davon waren 1884 Pflichtarbeitsplätze (5,98 Prozent), die mit Menschen mit Behinderung oder gleichgestellten Mitarbeitenden zu besetzen waren. In 304 Fällen gelang dies nicht.

Für ein genaues Bild müsse man die Situation differenziert betrachten, betont Wallau: „Nicht alle Arbeitgeber entscheiden sich aktiv gegen die Einstellung von Menschen mit Behinderung. Es gibt manchmal einfach keinen passenden Bewerber für die Stelle. Dies führt dazu, dass auch Unternehmen, die für Diversität und Inklusion stehen, nicht immer die Verpflichtung vollumfänglich erfüllen können.“

Zudem kommunizierten Bewerber ihren Schwerbehindertenstatus nicht immer gegenüber den Betrieben. Auf der anderen Seite hielten sich „langjährige Vorurteile“ bei den Arbeitgebern – etwa, dass Menschen mit Handicap weniger leistungsfähig seien und einen viel höheren Urlaubsanspruch besäßen.

Gesellschaftliches Umdenken ist nötig

Auch für die Lebenshilfe Solingen, die sich für die Vermittlung von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt einsetzt, gelte es häufig, Berührungsängste seitens der Arbeitgeber abzubauen. Das berichtet Sprecherin Dr. Stefanie Weber: „Es ist in dem Bereich noch ein gesellschaftliches Umdenken erforderlich. Wir möchten Arbeitgeber ermutigen, einem Menschen mit Behinderung einfach mal eine Chance zu geben. Sie haben dabei kaum etwas zu verlieren.“

So unterhält die Lebenshilfe eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung an der Freiheitstraße, die laut Dr. Weber eine wichtige Rolle für die Inklusion spielt. „Viele Beschäftigte fühlen sich in der Werkstatt sehr wohl und sie finden dort Freunde oder auch ihren Lebenspartner. Nicht jeder kann und möchte tatsächlich auf den ersten Arbeitsmarkt. Wer aber den Wunsch danach hegt, den unterstützen wir so gut wie möglich.“ Deshalb besäßen Mitarbeitende ein „lebenslanges Rückkehrrecht“ in die Werkstatt.

Kommunikative Schnittstelle zwischen der Lebenshilfe und der freien Wirtschaft sind zwei Integrationsbeauftragte, die sich um die Vermittlung der Beschäftigten kümmern. Signalisiert ein Betrieb Interesse, steht am Anfang ein mehrwöchiges Praktikum, in der beide Seiten einander näher kennenlernen. Läuft dies beiderseits zufriedenstellend, erfolgt die Übernahme des Mitarbeiters auf einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz, der anteilig von der Lebensmithilfe mitfinanziert wird.

Erst dann nimmt der Mitarbeiter gegebenenfalls eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung bei dem Unternehmen auf. „Wir versuchen, die Mitarbeiter schon in der Werkstatt so gut wie möglich auf ihre Tätigkeit vorzubereiten“, so Dr. Weber. Dabei gelte es auch, einen „Realitätsabgleich“ zu machen, welche Wünsche umsetzbar sind und welche nicht.

Mustergültig funktioniert hat der Sprung in die Festanstellung im Fall von Semih Caliskan. Der 33-Jährige hat eine Gehbehinderung und arbeitet nunmehr seit acht Jahren in der Spritzgussabteilung des Solinger Metall- und Kunststoffverarbeiters Lüttges. In dem Familienunternehmen fühle er sich pudelwohl, sagt er gegenüber dem ST. Bevor es mit dem festen Job klappte, absolvierte der ehemalige Werkstatt-Mitarbeiter diverse Praktika. Andere Menschen mit Handicap will er motivieren, ihre Ziele konsequent zu verfolgen: „Man darf niemals aufgeben.“

Passend dazu: Sie fand ihren Traumberuf trotz Handicap

Hintergrund

Städtedreieck: Im Agenturbezirk lag die Quote für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung 2020 bei 5,4 Prozent von mehr als 154.000 Arbeitsplätzen. Von Juli 2021 bis Juni 2022 konnten 471 schwerbehinderte Menschen ihre Arbeitslosigkeit beenden. 439 davon haben eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgenommen.

Standpunkt von Kristin Dowe: Individuell entscheiden

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Sicherlich wäre es verfehlt, Arbeitgebern pauschal vorzuwerfen, dass sie sich in ihren Unternehmen nicht für Inklusionsziele einsetzen würden. Manchmal mögen betriebliche Zwänge sie davon abhalten, einen Menschen mit Behinderung einzustellen, wenngleich viele Solinger Betriebe diesbezüglich bereits mit gutem Beispiel vorangehen.

Unterm Strich ist aber immer noch viel Überzeugungsarbeit notwendig, um die vielen Mythen zu entlarven, die sich um Menschen mit Behinderung im Berufsleben ranken – sei es die vermeintlich geringere Leistungsfähigkeit oder die angeblich immensen Kosten, die für das Einrichten eines barrierearmen Arbeitsplatzes anfallen. In vielen Fällen sind dafür schon kleinere Maßnahmen ausreichend.

Auf der anderen Seite sollte auf die Betroffenen kein Druck ausgeübt werden, um jeden Preis auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen zu müssen. Für viele bietet die Werkstatt der Lebenshilfe eine sichere Beschäftigungsmöglichkeit. Jede Entscheidung ist legitim und sollte respektiert werden.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Unfall: Eine Person verletzt
Unfall: Eine Person verletzt
Unfall: Eine Person verletzt
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest

Kommentare