ST vor Ort - die große Stadtteilserie

In den Denkmälern sind die Handwerker nach der Flut im Einsatz

Der Fördervereins-Vorsitzende Reinhard Schrage zeigt im Wipperkotten die jetzt entstandenen Schimmel-Ausblühungen auf der Füllung aus Lehm, Stroh und Weidengeflecht zwischen den Fachwerkbalken. Fotos:
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Der Fördervereins-Vorsitzende Reinhard Schrage zeigt im Wipperkotten die jetzt entstandenen Schimmel-Ausblühungen auf der Füllung aus Lehm, Stroh und Weidengeflecht zwischen den Fachwerkbalken.

Im Balkhauser Kotten und im Wipperkotten gibt es nach dem Hochwasser noch viel zu tun. Die Kotten öffnen erst nächstes Jahr für das Publikum.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. „Strukturieren“ ist für Reinhard Schrage, den Vorsitzenden des Fördervereins Wipperkotten, in diesen Tagen ein Wort, das er häufig benutzt. Kein Wunder, denn die Liste der von ihm und seinem Mitarbeiter- und Helfer-Team zu erledigenden Dinge, ist lang – und wird ständig länger. Zwar ist das Wasser, das in der Nacht zum 15. Juli 2,18 Meter hoch im Wipperkotten stand, längst abgelaufen und auch der Schlamm im und um das historische Gebäude ist dank der vielen, auch spontan zupackenden Menschen beseitigt. Zu tun bleibt dennoch viel.

Die von der Flut zerstörten Zäune zum Weinsberger Bach hin sind provisorisch durch Flatterband ersetzt. Provisorisch sind auch die vielfach kaputten an die Außenwände genagelten Bretter. „Die nassen Gefache mussten schnell raus“, sagt Schrage. „Die Fachfirma für Sanierung historischer Fachwerkgebäude, mit der wir schon mehrfach gut zusammengearbeitet haben, steht uns auch diesmal mit zur Seite.

Er ist spürbar dankbar für diese zuverlässige Kompetenz. Trotzdem wisse er manchmal gar nicht, „was ich alles zuerst denken und zugleich tun soll“ und entdeckt just in diesem Moment die weißen Schimmel-Ausblühungen auf der alten Lehm-Stroh-Weidengeflecht-Füllung zwischen den Fachwerkbalken im Untergeschoß. „Ach du je!“ entfährt es ihm, und er bedauert es einmal mehr, keinen Bautrockner zur Verfügung zu haben. Lediglich durch Lüften und Durchzug kann dafür gesorgt werden, dass sich die Feuchtigkeit aus den Wänden nach und nach verflüchtigt.

Wipper Kotten benötigt kräftige Finanzspritze

Nach wie vor wird im Kotten geräumt, sortiert und entsorgt. Das dauere seine Zeit, weil „man so etwas nicht gut unbedarften Helfern auftragen kann, die sich hier nicht auskennen“, nennt er das nicht lösbare Dilemma des „Zuviel“ an Aufgaben. Und dabei klammert er das zerstörte Wehr derzeit noch aus: „Das gehen wir später an, wir müssen jetzt einen Schritt vor den anderen setzen.“

Zusätzlich sei er derzeit intensiv dabei, Fördermittel und Soforthilfen zu generieren. „Ohne kräftige Finanzspritzen schaffen wir das hier nicht“. Die Kotten-Einnahmen waren durch die Corona-Lockdowns und die dadurch ausgefallenen Feste massiv weniger geworden. Für größere Investitionen sei man aber immer auf Fördergeld und Sponsoren angewiesen gewesen, sagt Schrage, erleichtert darüber, dass die anstehende Wasserrad-Sanierung noch nicht erfolgt war. „Das Geld dafür ist sicher.“

Kuratoriums-Vorsitzende Nicole Molinari und Kai Böntgen, der mit dem Bohrhammer das Fachwerk im Balkhauser Kotten freilegt.

Im Balkhauser Kotten wird in diesen Tagen ebenfalls eifrig gewerkelt. Auch hier sind die Innen-Gefache entfernt worden. Jetzt stehen die Außenwände an: „Wir müssen bis zum zweiten Balken hoch entkernen“, sagt Kuratoriums- Vorsitzende Nicole Molinari, die selbst Bau-Ingenieurin ist. „Nachdem wir zunächst schnell sein mussten mit der Entfernung der feuchten Füllungen zwischen den Balken, um Schimmel-Bildung zu vermeiden, müssen wir jetzt die Geduld aufbringen zu warten, bis das Holz richtig durchgetrocknet ist“, erläutert sie.

Für dieses Ziel arbeiten nach wie vor Bautrockner, zudem sind Fenster und Türen weit aufgerissen. Durchlüften ist das A und O. Mit Blick in die Zukunft und erwartbare neuerliche Überschwemmungen, setzt sie auf dichte Vollziegel in den Gefachen, die Feuchtigkeit aufsaugen plus Lehmputz. „Wir sind im ständigen Austausch mit der Stadt und dem Denkmalschutz, weil wir hier an historischer Stelle ja immer mehrere Aspekte bedenken müssen“, sagt Molinari.

Balkhauser Kotten möchte mit neuem Konzept starten

In dem großen grünen Container neben dem Gebäude befindet sich das, was von den Ausstellungsstücken gerettet und gereinigt werden konnte. Genauso wie es war, wird es nicht wieder eingeräumt werden. „Jetzt, wo wir den Ausräum-Aufwand sowieso betreiben mussten, wollen wir mit einem moderneren Konzept wieder an den Start gehen“.

Der ist für den 16. Januar geplant. Auch bei ihr nehmen gerade Soforthilfe- und Fördergeld-Akquise viel Raum ein. „Wir möchten aber zusätzlich Geld verdienen und sind mit unseren Schneidwaren auf Wochenmärkten“, sagt Nicole Molinari. Zudem hatte sie einen „Schlamm-Messer-Verkauf“ am Kotten organisiert, der genauso erfolgreich war wie das Pendant am Wipperkotten. Ist dort das erneut zerstörte Wehr Anlass für gequälte Blicke, ist es am Balkhauser Kotten das ramponierte Ufer. 200 Erlen sind mit Boden fortgerissen worden und viel Erdreich unterspült.

Stadtteil-Serie

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Ende: Mit der heutigen Folge und dem Stadtteil Höhscheid endet unsere diesjährige Stadtteil-Sommerserie.

Folgen: Alle bisherigen Serienteile – auch über die anderen Stadtteile der vergangenen Wochen – gibt es hier:

www.solinger-tageblatt.de/ vor-ort

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