Montagsinterview

Impf-Diskussion schafft auch Transparenz

Olivier Weh-Gray ist seit 20 Jahren niedergelassener Hausarzt in der Innenstadt und einer von zwei neuen KV-Sprechern. Foto: Michael Schütz
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Olivier Weh-Gray ist seit 20 Jahren niedergelassener Hausarzt in der Innenstadt und einer von zwei neuen KV-Sprechern.

KV-Sprecher Olivier Weh-Gray zur aktuellen Impfsituation und der Rolle der Hausärzte im Kampf gegen das Coronavirus in unserem Montagsinterview.

Als Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein – wie bewerten Sie den Ablauf der Terminvergabe zum Start der Impfaktion?

Olivier Weh-Gray: Mir ist es ganz wichtig, einen positiven Gesamtblick auf das ganze Thema zu werfen. Das darf man sich auch von kleinen Details, die nicht gut funktioniert haben, nicht schlechtreden lassen. Erst Mitte Dezember wurde das Impfzentrum in Solingen eröffnet, jetzt gibt es an sieben Tagen die Woche Impfungen, wir haben Testzentren und viel freiwilliges Engagement auf allen Ebenen. Im Verhältnis zu Flughäfen, die 20 Jahre bis zur Fertigstellung brauchen, läuft das Impfen vor Ort mit Lichtgeschwindigkeit. Aber natürlich haben wir die Probleme bei der ersten Terminvergabe Ende Januar wahrgenommen. Das Callcenter war überlastet, die EDV hat nicht optimal funktioniert. Das war ärgerlich, wurde jetzt aber optimiert.

Und dennoch warten auch in der Gruppe der Über-80-Jährigen noch Menschen auf einen Impftermin.

Weh-Gray: Das Nadelöhr ist die Impfstoffmenge. Die KV schaltet pro Woche nur so viele Termine frei, wie Impfstoff fest zugesagt ist. Und das ist derzeit leider noch nicht allzu viel. Aber ich habe Hoffnung, dass die Impfstoffmenge jetzt doch deutlich ansteigt.

Ist schon absehbar, wann die nächste Gruppe der Über-70-Jährigen Termine ausmachen kann?

Weh-Gray: Ich möchte keinen festen Termin nennen, um keine unerfüllbaren Erwartungen zu wecken. Fakt ist, dass der Stopp von Astrazeneca das Impfen um einige Tage zurückgeworfen hat. Sehr bedauerlich finde ich auch, dass am Tag des Impfstopps alle aufgezogenen Spritzen – in jedem Astrazeneca-Vial sind zwölf Impfdosen – weggeworfen werden mussten. Das waren in den 27 Impfzentren der KV Nordrhein insgesamt weit über hundert Dosen.

Wird bei der nächsten Terminrunde das gleiche Anmeldeverfahren gewählt?

Weh-Gray: Wir haben die technischen Mängel behoben und viele Anregungen aus der Bevölkerung aufgenommen und in das System eingebettet. Beispielsweise wird es jetzt auch möglich sein, mit einer Anmeldung Termine für zwei Personen machen zu können.

Wie ist Ihre persönliche Meinung zum Astrazeneca-Vakzin, dessen Verimpfung am Montag gestoppt und am Donnerstag wieder freigegeben wurde?

Weh-Gray: Die beschriebenen Nebenwirkungen sind im Verhältnis zur Gesamtzahl der Impfungen sehr selten, und die Kausalität ist auch noch nicht bewiesen. Ich halte den Impfstoff für sehr wirksam und sehr sicher. Durch die aktuelle Diskussion haben die Patienten jetzt aber mal hautnah das Prozedere einer Neuzulassung erlebt. Es ist doch gut zu erleben, dass Medizin, Impfstoffe und Medikamente ständig überwacht werden. Experten diskutieren kontrovers, neue Erkenntnisse werden einbezogen, Medizin entwickelt sich ständig weiter. Und nicht jedes Medikament hat bei jedem Patienten die gleiche Wirkung. Medizin ist eben keine „mathematische“ Wissenschaft, in der 1+1=2 ist. So intensiv haben sich Nicht-Mediziner noch nie mit dem Thema beschäftigt. Jetzt kennen alle die Namen der Impfstoffe und den Unterschied zwischen Vektor- und mRNA-Impfstoffen. Diese Transparenz finde ich sehr positiv.

Werden die Menschen den Impfstoff von Astrazeneca jetzt wieder akzeptieren?

Weh-Gray: Patienten werden jetzt vermutlich häufiger die Meinung des Hausarztes zu Rate ziehen, da haben wir jetzt hohen Beratungsbedarf. Dabei werden wir natürlich persönliche Vorbelastungen abfragen. Das eventuell erhöhte Risiko bei der Kombination Frauen/Rauchen/Antibabypille sollte man im Blick behalten. Ich wünsche mir, dass die Patienten die Notwendigkeit des Impfens weiter einsehen werden. Ein gewisses Risiko gibt es bei jedem Impfstoff. Und bei anderen Impfungen, etwa vor anstehenden Fernreisen, sind viele Menschen weitaus weniger kritisch. Bedenken muss man auch, dass Thrombozyten-Funktionsstörungen, die jetzt bei den Betroffenen aufgetreten sind, auch bei der Covid-19-Erkrankung auftreten können.

Wenn die Nachfrage nach Astrazeneca zurückhaltend bleibt, sollte man die Impffolge dann verändern?

Weh-Gray: Die Priorisierung ist politisch gewollt und auch richtig. Mir ist vor allen Dingen ein hohes Impftempo das Wichtigste – wie wir das schaffen, ist zweitrangig.

Welche Rolle werden die Hausärzte im weiteren Verlauf der Impfkampagne spielen?

Weh-Gray: Wir müssen die Hausärzte auf jeden Fall einbeziehen. Das ist der einzige Weg, zukünftig viel zu impfen. Die Hausärzte haben die Strukturen und kennen ihre Patienten. Impfzentren und Arztpraxen müssen parallel laufen, es geht ja darum, mehr Impfangebote zu machen. Aktuell erstellt die KV Nordrhein Listen der Hausärzte und Gynäkologen, die für diese Impfungen zur Verfügung stehen.

Gesundheitsminister Jens Spahn kündigte Impfungen in den Praxen ab Ostern an – zunächst aber nur wenige Dosen. Wie wird der Start?

Weh-Gray: Es kann losgehen, wenn ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht. Die Ärzte stehen parat. Solingen ist insgesamt – nicht zuletzt auch durch Bethanien – gut bei der Bekämpfung der Pandemie aufgestellt.

Persönlich Olivier Weh-Gray

Persönlich: Olivier Weh-Gray (57) ist niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin, Chirotherapie und Akupunktur in Solingen. Seit Februar ist er einer von zwei Sprechern der Kassenärztlichen Vereinigung Solingen.

Doppelspitze: Als Nachfolger von Dr. Stefan Lenz hat die KV Solingen jetzt eine Doppelspitze. Neben Weh-Gray ist der niedergelassene Internist und Kardiologe Dr. Julius Rath ebenfalls Sprecher der Solinger Kassenärztlichen Vereinigung.

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