Warnstreikparty und Kundgebung

IG Metall droht mit weiteren Streiks

Rund 400 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer machten auf dem Neumarkt auf ihre Forderungen aufmerksam.
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Rund 400 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer machten auf dem Neumarkt auf ihre Forderungen aufmerksam.

Rund 400 Arbeitnehmer forderten auf dem Neumarkt acht Prozent mehr Lohn.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Viktor Hahns Forderungen sind simpel. „Wir wollen weiterleben wie bisher und nicht ausbaden müssen, was die Politik verbockt hat“, sagte der Mitarbeiter der August Berghaus GmbH & Co. KG. Wie von vielen Betrieben aus der Region war am Mittwoch eine Delegation des Remscheider Unternehmens auf dem Neumarkt vertreten. Dort hatte die IG Metall Remscheid-Solingen zu einer Warnstreikparty und Kundgebung aufgerufen.

Rund 400 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer waren der Einladung gefolgt. Lautstark verliehen sie ihrem Wunsch nach acht Prozent mehr Lohn Ausdruck. Zudem erhöhte die Gewerkschaft in den Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie den Druck auf die Arbeitgeberseite: Bleibt eine zeitnahe Einigung aus, könnte es zu 24-Stunden-Streiks kommen.

Solingen: Das fordert die IG Metall

Wie berichtet, verliefen die bisherigen vier Verhandlungsrunden ergebnislos. Die IG Metall fordert angesichts der Inflation eine achtprozentige Erhöhung der Tarifentgelte. Das bisher einzige Angebot der Gegenseite sieht eine Einmalzahlung in Höhe von 3000 Euro mit einer Laufzeit von 30 Monaten vor.

Noch in der vergangenen Woche verwies Horst Gabriel in einer Mitteilung auf „Kostenexplosionen, Konjunkturflaute und Lieferengpässe“. Für die „Betriebe im wichtigsten Industriezweig des Landes“ bedeute das eine „akute Bedrohungslage“. Vor diesem Hintergrund bezeichnete der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Solingen die ersten Warnstreiks vor kurzem als „nicht nachvollziehbar“.

Die Gewerkschaft sieht das erwartungsgemäß anders. „Das ist die Woche der Entscheidung“, schwor Knut Giesler die Arbeiter auf dem Neumarkt ein. Der Bezirksleiter der IG Metall NRW und Verhandlungsführer ließ die bisherigen Gespräche Revue passieren und blickte nach vorne. Am heutigen Donnerstag finde in Baden-Württemberg die nächste Verhandlung statt. Bleibt eine Einigung aus, seien 24-Stunden-Streiks und Urabstimmungen wahrscheinlich. „Es ist vorbei mit lustig.“

Serdar Üyüklüer bestätigte im Gespräch mit dem ST, dass im Bergischen Land Vorbereitungen für ausgedehnte Streiks laufen. Kommt es nicht zu einem Tarifabschluss, werde man ausgewählte Betriebe in der kommenden Woche für einen Tag lahmlegen.

Warnstreik in Solingen: IG Metall ist zufrieden

Der Geschäftsführer und erste Bevollmächtigte der IG Metall Remscheid-Solingen zeigte sich zufrieden mit der Resonanz bei den Warnstreiks am Mittwoch. In mehr als 40 Firmen der Region ruhte der Betrieb ganz oder teilweise. In Gruppen waren einige auf dem Neumarkt vertreten, etwa MAE aus Erkrath. „Wir sind mit zehn Kolleginnen und Kollegen hier“, erklärte Mitarbeiter Patrick Theisen. Die Stimmung in der Belegschaft sei angesichts der hohen Lebenshaltungskosten angespannt. Die Entgelterhöhung um acht Prozent wäre „sehr, sehr wichtig“.

Dem stimmte Viktor Hahn zu. Er gestand ein, dass die Arbeitgeber mit steigenden Preisen zu kämpfen haben. Die könnten sie jedoch vielfach an Kunden weitergeben. Im Gegensatz zu den Arbeitnehmern, die als Verbraucher am Ende der Kette tiefer in die Tasche greifen müssten.

Darauf machte auch Serdar Üyüklüer aufmerksam. Er verwies auf eine Berechnung, wonach sich eine vierköpfige Familie je nach Entgeltgruppe derzeit gerade so über die Runden komme. Rücklagen zu bilden, sei nicht möglich. „Das kann nicht sein“, betonte der Gewerkschafter.

Passend dazu: Gesellschaft im Krisenmodus: „Es wird Gewinner und Verlierer geben“

Er kritisierte, dass einerseits immer mehr Menschen nicht von ihrem Arbeitseinkommen leben können, während die Zahl „Superreicher“ steige. Er nannte Konzerne wie BMW, die hohe Gewinne einfahren, und Aktiengesellschaften, die ihren Anlegern beachtliche Dividenden ausschütten. „Wir wollen unseren Anteil“, erklärte Üyüklüer. Es gehe darum, zu zeigen, „wer wertschöpfende Tätigkeiten ausführt“: „Unsere Arbeitskraft hat ihren Preis.“ Den wolle man in der laufenden Tarifrunde durchsetzen – notfalls mit weiteren Streiks.

Warnstreikparty und Kundgebung

Am Mittwoch hatte die IG Metall Remscheid-Solingen mehr als 40 Betriebe in der Region zu Warnstreiks aufgerufen. Alle seien der Aufforderung gefolgt, in einigen habe die Produktion stillgestanden, erklärte Serdar Üyüklüer. Er ist der Geschäftsführer und erste Bevollmächtigte der Gewerkschaft. Bei der Warnstreikparty und Kundgebung auf dem Neumarkt waren namhafte Betriebe vertreten, etwa Accuride, Adient, Gedore, Gira, Vaillant, Wilkinson und Zwilling.

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Standpunkt von Manuel Böhnke: Es ist kompliziert

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Die aktuelle Tarifrunde ist so kompliziert wie seit Jahren nicht mehr. Die IG Metall hat gute Argumente auf ihrer Seite. Die Gewerkschaft verweist darauf, dass es seit 2018 keine tabellenwirksame Entgelterhöhung für die Metall- und Elektroindustrie gab. Dass die Inflation inzwischen im zweistelligen Bereich liegt, erhöht den Druck.

Das beweist der Blick auf andere Branchen: So fordert etwa Verdi für den Öffentlichen Dienst ein Plus von 10,5 Prozent. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage für viele Betriebe ungemütlich ist. Nicht alle können die gestiegenen Preise für Energie, Rohstoffe und Vorprodukte an ihre Kunden weitergeben, zudem schwächelt die Nachfrage.

Dass die Arbeitgeber die Lohnkosten vor diesem Hintergrund am liebsten konstant halten würden, ist aus ihrer Sicht verständlich. Angesichts dieser komplizierten Gemengelage einen Kompromiss zu finden, wird nicht einfach. Und doch muss eine schnelle Einigung her, um sich gemeinsam den wartenden Herausforderungen stellen zu können. 

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