Russland-Ukraine-Krieg

Hohe Kraftstoffpreise belasten Wirtschaft und Verbraucher

Noch vor wenigen Wochen waren Preise von mehr als 2,30 Euro für einen Liter Diesel nahezu unvorstellbar. Foto: Christian Beier
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Noch vor wenigen Wochen waren Preise von mehr als 2,30 Euro für einen Liter Diesel nahezu unvorstellbar.

Die derzeitige Situation könne existenzbedrohend sein. Hoffnung liegt auf politische Maßnahmen.

Von Kristin Dowe, Björn Boch und Manuel Böhnke

Solingen. Seit Monaten kennen die Spritpreise nur eine Richtung. Der russische Angriff auf die Ukraine hat die Situation weiter zugespitzt. Die Kosten für einen Liter Diesel und Benzin liegen bei weit mehr als 2 Euro. Die Folgen sind deutlich spürbar. „In den besonders betroffenen Branchen ist die Lage dramatisch“, sagt Thomas Wängler. Beispielhaft führt der für Standortpolitik, Verkehr und Öffentlichkeitsarbeit zuständige Geschäftsführer der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK) das Transportgewerbe, Taxi- und Busbetriebe sowie Pflegedienste an.

Russland-Ukraine-Krieg: Sanktionen treffen die Unternehmen hart

„Die Situation kann existenzbedrohend sein“, betont Wängler. Sollten die Preise weiter steigen, müsse man über steuerliche Entlastungen nachdenken. Das gelte vor allem für Diesel. „Das wäre eine gute Möglichkeit, zeitlich befristet für Entlastung zu sorgen“, führt er aus. Zudem könnte man eine Erhöhung der Pendlerpauschale in Erwägung ziehen. Die Stromsteuer biete zudem eine Möglichkeit, auf die allgemein gestiegenen Energiepreise zu reagieren.

Situation trifft Taxigewerbe hart

Die Situation trifft das Taxigewerbe zur Unzeit. Längst hat sich die Branche noch nicht von den Folgen der Pandemie erholt. Laut Ertan Cati, Geschäftsführer der Taxi-Zentrale, liegt der Umsatz im Vergleich zum Vor-Krisen-Niveau bei rund 70 Prozent, im Nachtgeschäft seien es lediglich 40. An den Fixkosten habe Kraftstoff einen Anteil von rund 15 Prozent. Mit kurzfristigen Preiserhöhungen auf die Entwicklung zu reagieren, ist aufgrund des in der Stadt gültigen Tarifs nicht möglich. Deshalb sei Spritsparen angesagt. „Unsere Empfehlung ist, dass ein frei gewordenes Fahrzeug den nächstmöglichen Taxistand anfährt“, führt Cati aus.

Wir können nur hoffen, dass die Situation nicht andauert.

Ulrike Straßburg, Geschäftsführerin Pflegeteam Straßburg

Eine deutliche Veränderung im Portemonnaie spürt Ulrike Straßburg, die einen Pflegedienst in Wald betreibt. Die 45 Mitarbeitenden des Unternehmens sind ständig unterwegs zu Pflegebedürftigen und somit aufs Auto angewiesen. „Wir können nur hoffen, dass die Situation nicht andauert. Ändern können wir sie jedenfalls nicht.“

Einkommensschwache Menschen werden stark belastet

Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks des Evangelischen Kirchenkreises, befürchtet, dass die hohen Benzin- und Energiekosten besonders einkommensschwache Menschen belasten, insbesondere Geringverdiener mit Wohngeldbezug: „Oft sitzen diese Familien dann noch in einer schlecht isolierten Wohnung mit einer veralteten Heizungsanlage, was die Kosten dann noch mal zusätzlich steigert. Bei dieser Gruppe schlägt die aktuelle Preisentwicklung besonders hart zu Buche.“

Ein sinnvoller Ansatz sei der vom Bund geplante Heizkostenzuschuss (ab 135 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt), für die Betroffenen aber kaum auskömmlich. „Das reicht einfach nicht aus. Geringverdiener können sich aufgrund der hohen Spritpreise kaum noch die Fahrt zur Arbeit leisten, da sie meist alte Autos mit höherem Verbrauch fahren.“ Sie rechne mit erhöhtem Beratungsbedarf ab Mitte des Jahres, wenn die Betroffenen wohl hohe Nachzahlungen zu erwarten hätten.

Ähnliche Probleme sieht Dr. Christoph Humburg, Direktor des Caritasverbandes Wuppertal/Solingen: Menschen mit schwachen Einkommen geben bereits jetzt bis zu 50 Prozent ihres Nettoeinkommens für Wohn- und Nebenkosten aus. Durch die Corona-Krise hat sich die Armutsgrenze massiv verschoben und die Ukraine-Krise verschärft die Situation nun weiter.“ Denn anders als die Preise für Gas und Öl stiegen die Einkommen der Arbeitnehmer nicht. Auch er rechne deshalb perspektivisch mit einem „Run auf unsere Beratungsangebote“.

Handwerk

Auch seine Branche spüre die Auswirkungen der hohen Kraftstoffpreise, bestätigt Kreishandwerksmeister Arnd Krüger. Die Mehrheit der Unternehmen gebe die gestiegenen Kosten noch nicht weiter. „Wir möchten die Kunden, die während der Corona-Krise treu zu uns gehalten haben, nicht zusätzlich belasten.“ Sollte sich die Lage perspektivisch nicht entspannen, seien die Betriebe jedoch gezwungen, ihre Anfahrtspauschalen anzupassen.

Lesen Sie auch: Das plant die Stadt für geflüchtete Kinder und Frauen.

Standpunkt: Nicht mit der Gießkanne

Ein Kommentar von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres hat das Tageblatt an dieser Stelle über die Auswirkungen der gestiegenen Kraftstoffpreise berichtet. Seinerzeit lag der Liter Diesel bei knapp 1,60 Euro, für einen Liter Super wurden rund 1,80 Euro fällig. Was damals ein bemerkenswerter Anstieg war, käme aus heutiger Sicht einer erheblichen Erleichterung gleich. Diese Beobachtung zeigt, wie schnelllebig die aktuelle Situation ist. Für Verbraucher und Unternehmen, die auf Benzin und Diesel angewiesen sind, hat sich die Lage im zurückliegenden halben Jahr erheblich zugespitzt. Längst wird in der Bundespolitik darüber diskutiert, welche Maßnahmen Entlastung bringen könnten. Dass vor allem einkommensschwache Haushalte und Unternehmen in schwieriger finanzieller Lage Unterstützung benötigen, steht außer Frage. Das Gießkannenprinzip ist diesbezüglich jedoch wenig sinnvoll. Denn für einen nicht unerheblichen Anteil sind die aktuellen Preise zwar lästig, allerdings längst nicht existenzbedrohend. Wenn sie die Entwicklung dazu bringt, über Alternativen zu Diesel und Gas nachzudenken, hätte die Sache wenigstens eine gute Seite.

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