Corona-Krise macht sich bemerkbar

Hohe Kosten trüben die Stimmung im Industrieverband

Jens-Heinrich Beckmann ist IVSH-Geschäftsführer. Archivfoto: Uli Preuss
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Jens-Heinrich Beckmann ist IVSH-Geschäftsführer.

Schneid- und Haushaltswarenindustrie ist in der Krise mit einem blauen Auge davongekommen

Solingen. Eigentlich konnte der Industrieverband Schneid- und Haushaltwaren (IVSH) positive Nachrichten verkünden. Die Branche sei im Corona-Jahr 2020 „mit einem blauen Auge davongekommen“, sagte Geschäftsführer Jens-Heinrich Beckmann. Vielen Unternehmen sei 2021 zudem ein guter Start gelungen. Euphorie wollte bei der gestrigen Jahrespressekonferenz dennoch nicht aufkommen. Hohe Fracht- und Materialkosten sowie die Nachfrageentwicklung trüben die Stimmung.

Das vergangene Jahr startete für die Schneid- und Haushaltswarenbetriebe schwierig. Im März und April machte sich der Lockdown deutlich bemerkbar, wie zwei IVSH-Umfragen zeigten. „Die Resultate waren beängstigend, zum Teil sogar erschreckend“, erklärte Hartmut Gehring. Er ist der Vorsitzende des Verbandes. Mit der Lockerung der Corona-Beschränkungen setzte eine Phase der Entspannung ein.

Onine Umsätze des IVSH steigen während der Corona-Krise

„Von Mai bis Oktober verzeichneten wir ein erfreuliches Wachstum“, sagte Gehring. Dafür gab es mehrere Faktoren: aufgestaute Nachfrage wegen der zwischenzeitlichen Schließung der Geschäfte, gestiegene Kaufkraft wegen ausfallender Urlaubsreisen und ein verändertes Konsumverhalten.

Eine „ganz entscheidende Rolle“ habe darüber hinaus der Onlinehandel gespielt. „Die Bemühungen der Firmen haben sich definitiv gelohnt“, betonte Hartmut Gehring. Das beweisen IVSH-Zahlen. Demnach sei der Onlineumsatz der Hersteller 2020 durchschnittlich um 42 Prozent gewachsen. Der Trend setzt sich fort: Im ersten Quartal 2021 stehe ein erneuter Anstieg um fast 50 Prozent.

„Bei vielen Unternehmen hat ein Umdenken stattgefunden“, hat Jens-Heinrich Beckmann festgestellt. Die Online-Aktivitäten werden in Zukunft nicht zurückgefahren, sondern eher weiter ausgebaut, vermutet der Verbandsgeschäftsführer. Doch trotz seiner Schwierigkeiten bleibe auch der Fachhandel wichtiger Partner der Schneid- und Haushaltswarenindustrie: „Dort kommen die Verbraucher mit den Produkten direkt in Berührung.“

Kosten sind teilweise zehn Mal höher als vor der Pandemie

Unter dem Strich musste die Schneidwarenindustrie 2020 einen Umsatzrückgang von drei Prozent auf 1,2 Milliarden Euro verkraften. Die Besteckhersteller landeten bei 159 Millionen Euro – fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Lediglich die HKT-Erzeugnisse (Haushalt-, Küchen-, Tafelgeräte) erzielten ein Plus – der Umsatz stieg um 7,6 Prozent auf rund eine Milliarde Euro. Der Umsatz der gesamten Branche lag mit 2,4 Milliarden Euro 1,1 Prozent höher als 2019.

Die Zahlen für das erste Quartal 2021 sind Beckmann zufolge „erstaunlich gut“. Einzig bei den Bestecken stehe ein Minus, doch auch hier sei die Entwicklung inzwischen positiv. „Man gewinnt schnell den Eindruck, dass alles eigentlich ganz gut aussieht“, sagte Hartmut Gehring. Doch insbesondere Besteckhersteller, die sich auf Hotels und Gastronomie spezialisiert haben, sind in Schwierigkeiten. Problematisch bewertet der IVSH-Vorsitzende, dass manche Lager in der Krise zu günstigen Preisen geleert werden mussten. „Es ist schwierig, zum alten Preisniveau zurückzukehren.“

Gleichzeitig steigen die Ausgaben für Energie, Vormaterialien und Logistik. Beispiel Frachtkosten: Anfang 2020 habe man für einen 40-Fuß-Container maximal 1500 US-Dollar zahlen müssen. Heute sei häufig das Zehnfache nötig. Zugleich kommt es zu längeren Lieferzeiten. Demnach müssen die Betriebe auf größere Edelstahl-Bestellungen bis zu neun Monate warten.

Zudem bereitet Beckmann die Nachfrageentwicklung Sorge. Es sei nicht auszuschließen, dass sich der Boom der vergangenen Monate nicht fortsetzt. Habe es nach Ende des ersten Lockdowns einen sprunghaften Anstieg gegeben, sei davon aktuell nichts zu spüren. Die Verbraucher, vermutet er, legen den Fokus wieder auf Urlaube und andere Aktivitäten, die zuletzt nicht möglich waren.

Verband

Der IVSH ist laut eigenen Angaben die „legitime und einzige, allgemeine Interessenvertretung der Schneid- und Haushaltswarenindustrie“. Er zählt 87 Mitglieder aus den Bereichen Haushalts- und Schneidwaren sowie der Besteckindustrie. Der Verband sitzt an der Neuenhofer Straße in Solingen.

www.ivsh.de

Standpunkt: Vom Regen in die Traufe

Kommentar von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@ solinger-tageblatt.de

Es könnte alles so schön sein. Die Corona-Pandemie hat die für Solingen so wichtige Schneid- und Haushaltswarenindustrie verhältnismäßig gut überstanden. Und auch das Jahr 2021 hat für viele Unternehmen vielversprechend begonnen. „Ist also alles gut?“, fragten die IVSH-Verantwortlichen gestern angesichts dieser Entwicklungen. Sie beantworteten die Frage gleich selbst: „Es ist niemals alles gut.“ Das könnte man als typisch bergisch abstempeln. Doch das Treten auf die Euphoriebremse ist aufgrund der Herausforderungen, die auf die Branche zukommen, allzu verständlich. Insbesondere angeschlagene Betriebe kommen angesichts explodierender Material- und Logistikkosten sowie ausufernder Lieferzeiten vom Regen in die Traufe. Zudem hat das Straucheln des Fachhandels direkten Einfluss auf die Hersteller. Ist also alles schlecht? Nein! Denn viele Betriebe haben in Sachen Online-Geschäft einen großen Sprung nach vorne gemacht. Zudem könnte die Branche langfristig von einem allgemeinen gesellschaftlichen Trend profitieren: die steigende Bedeutung von Nachhaltigkeit und Qualität.

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