Eine Woche nach dem Hochwasser

Hochwasser: Stadt weitet Notfallpläne aus

Vor Starkregen war gewarnt worden. Wie schnell und wie hoch das Wasser in Unterburg gestiegen ist, hat aber selbst die Solinger Feuerwehr unvorbereitet getroffen. Foto: Michael Schütz
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Vor Starkregen war gewarnt worden. Wie schnell und wie hoch das Wasser in Unterburg gestiegen ist, hat aber selbst die Solinger Feuerwehr unvorbereitet getroffen.

Grundlegende Vorwarnungen habe es gegeben – Feuerwehr wurde vor Ort vom Ausmaß überrascht

Von Björn Boch und Philipp Müller

Solingen. Die Stadt Solingen wird nach der Hochwasser-Katastrophe über weitere Notfallpläne und die Beschaffung zusätzlicher Ausrüstung beraten. Das erklärte Stadtsprecher Lutz Peters auf ST-Anfrage. Geprüft würden die „Identifizierung und Priorisierung von potenziellen Evakuierungsbereichen“, weitere Vorplanungen zu Evakuierungen, eine engere Abstimmung mit dem Wupperverband und bessere Ausstattung für Flutkatastrophen, etwa mit zusätzlichen Booten.

Grundsätzlich sei die Stadt auf Hochwasserereignisse vorbereitet. Es gebe den Alarm- und Einsatzplan der Feuerwehr, Warnungen per App, ein Netz von Sirenen sowie die Starkregen-Abflusskarten der Technischen Betriebe. Laut Stadtdirektor Hartmut Hoferichter halfen diese bereits in der Nacht zu vorigem Donnerstag, Evakuierungsbereiche besser und schneller festzulegen.

Warnhinweise seien kommuniziert worden, der Starkregen immer wieder in den Medien Thema gewesen. Eine grundlegende Vorwarnung der Bevölkerung habe es also gegeben, so Peters. Doch: „Die Dimension des Dauerregens und die Konsequenzen waren im Vorfeld so nicht vorhersehbar, eine vergleichbare Flutkatastrophe mit derart hohen Pegelständen hat es in Solingen noch nicht gegeben.“ Wegen des Verdachts zu später Alarmierung haben Wupper-Anwohner indes Strafanzeige gegen den Wupperverband gestellt.

Feuerchef erzählt: Das Wasser sei innerhalb kürzester Zeit gestiegen

Das Ausmaß des Hochwassers wurde noch einmal deutlich in einem ST-Gespräch mit Solingens Feuerwehrchef Dr. Ottmar Müller und Gottfried Kreuzberg, Abteilungsleiter der Technischen Dienste der Feuerwehr. Kreuzberg war Einsatzleiter vor Ort in Unterburg und hatte selbst gegen 18 Uhr am Mittwoch voriger Woche keine Vorstellung von dem, was in den nächsten Stunden auf ihn, die Feuerwehr und alle Anwohner der Wupper zukommen würde. Er habe sich recht frei in Unterburg bewegen können, viele Keller seien trocken gewesen.

„Das Wasser ist so schnell gekommen wie noch nie. Gegen 18.30, 19 Uhr gab es einen so massiven Anstieg des Pegels, dass wir sofort auf Menschenrettung umstellen mussten und nichts anderes mehr machen konnten“, so Kreuzberg. Zu dem Zeitpunkt habe man sich bewusst dagegen entschieden, die Sirenen auszulösen, erklären Müller und Gottfried. Die Gefahr für einige, das Haus auf eigene Faust zu verlassen, sei schon zu hoch gewesen. „Dann hätte es in Unterburg Tote gegeben. Wenn wir eine Sirene ausgelöst hätten, wären manche aus dem Haus direkt in die Wupper gerannt.“ Das einzige Solinger Opfer in Zusammenhang mit dem Hochwasser starb in Aufderhöhe.

Am Mittwochabend habe es ein „krasses Missverhältnis“ zwischen Rettern und Hilfsbedürftigen gegeben. Am Anfang der Rettungsaktion sei es schwierig gewesen, Menschen davon zu überzeugen, ihre Häuser zu verlassen. Schon um 19 Uhr seien die DLRG mit Hochwasserausrüstung und 100 Feuerwehrkräfte überörtlicher Bereitschaft angefordert worden. Vor Ort habe man sich gewundert, dass Einsatzkräfte spät oder gar nicht kamen – Müller, Kreuzberg und ihre Kollegen wussten im Dauereinsatz nicht, dass andere Gebiete im Land weit schlimmer getroffen worden waren. Schnelle Hilfe kam von den Remscheider Kollegen und der Polizei – und nachts durch die DLRG.

Bis 4 Uhr morgens seien Personen aus akuter Not gerettet worden, auch Retter waren in Lebensgefahr. Die Boote der Solinger Feuerwehr waren in der starken Strömung nicht einsatzfähig, selbst die Hochwassererfahrenen der DLRG kamen in Schwierigkeiten. In der Nacht habe ein gepanzertes Fahrzeug der Polizei auf der Wupperbrücke als Wellenbrecher fungieren müssen. Die Strömung, so Kreuzberg, „war uneinschätzbar“.

„Hätten wir vorher gewusst, dass so viel Wasser kommt, hätten wir anders gehandelt“, betonte Feuerwehrchef Ottmar Müller. Das sei aber trotz der Warnung vor Starkregen nicht absehbar gewesen. „Akute Lebensgefahr war in Unterburg zuvor noch nie ein Thema.“

Anwohner Matthias Scheler bestätigt die dramatischen Stunden vom Mittwochabend. So sagte er, dass er und seine Frau nicht an eine große Katastrophe geglaubt hatten und das maximal der Keller vollaufen werde. „Doch dann kam das Wasser sehr schnell.“ Zum Zusammenhalt der Burger untereinander, zum „Pumpenmann“ von den Technischen Betrieben, zu den Hilfsangeboten und Hilfestellungen am Bauwagen durch das Team von Evelyn Wurm sagte er nur ein Wort: „Gigantisch.“ | Standpunkt

Hintergrund

DWD: Die Warnmeldung des Deutschen Wetterdienstes von Mittwoch, 14. Juli, 7.14 Uhr, warnte vor extrem ergiebigem Dauerregen (Stufe 4 von 4) und war gültig bis Donnerstag, 15. Juli, 6 Uhr.

Feuerwehr: Die Warnung „Gefahr der Überflutung für Unterburg und die Wupperinsel“ gab die Leitstelle Solingen-Wuppertal am Mittwoch, 14. Juli, um 12.58 Uhr heraus.

Standpunkt: Jetzt ist die Erfahrung da

Kommentar von Björn Boch

bjoern.boch@ solinger-tageblatt.de

Experten beleuchten gerade das Phänomen fehlender Krisenerfahrung. Wir, heißt es sinngemäß, hätten kein kollektives Gedächtnis für Naturkatastrophen. Die Reaktion auf Unwetterwarnungen sei: Es wird schon nichts Schlimmes passieren. Auch die Solinger Feuerwehr berichtet, wie schwierig es noch im Angesicht der nahenden Katastrophe war, manche von der Notwendigkeit der Evakuierung zu überzeugen. Dennoch dürfen sich Behörden und Institutionen nicht allein auf Warnungen des Wetterdienstes und Warn-Apps berufen: Sie sind oft zu abstrakt, zu wenig verbreitet, fehleranfällig. Wir brauchen ein System, das mögliche Folgen deutlicher macht und alle in den Zustand versetzt, mündig zu handeln. Und es muss präzise sein, denn grundlose Warnungen wirken sich schlecht auf die Alarme aus, bei denen es dann wirklich ernst wird. Das ist eine Mammutaufgabe – und wird wohl nie perfekt gelingen. Zu verhindern war die Katastrophe vorige Woche nicht, das ist klar. Aber vielleicht hätte der eine oder andere doch sein Auto umgeparkt oder sein Haus gleich ganz verlassen. Ob es Versäumnisse bei Warnungen gab, könnte bald Gerichte beschäftigen – hoffentlich zum letzten Mal.

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