Anonyme Spurensicherung

Hier finden Frauen Hilfe nach sexueller Gewalt

Oberärztin Marica Schemberger (v.l.) Beate Schwemin, Stefanie Weinert, Johanna Nowara, Dr. Martin Eversmeyer und Dorothea Grabe stellten gestern die Kooperation vor. Foto: Christian Beier
+
Oberärztin Marica Schemberger (v.l.) Beate Schwemin, Stefanie Weinert, Johanna Nowara, Dr. Martin Eversmeyer und Dorothea Grabe stellten gestern die Kooperation vor.

Frauenberatungsstelle, Klinikum und Gleichstellungsstelle bieten Hilfe nach sexueller Gewalt.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Für Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt werden, ist nach der Tat oft die Anzeige des Täters ein weiterer schwerer Schritt. Viele Frauen entscheiden sich, wenn überhaupt, oft erst mit zeitlichem Abstand zur Tat für eine Strafanzeige. Damit diese Erfolg haben kann, sind aber Beweise wichtig. Die vertrauliche und anonymisierte Spurensicherung (ASS) soll jetzt ein Weg sein, Frauen dabei zu helfen.

„Seit zwei Jahren sind wir dabei, solch ein System auch für Solingen aufzubauen“, skizziert Stefanie Weinert von der Frauenberatungsstelle Solingen die Entwicklung. Im vergangenen Jahr ist die Kooperation zwischen Frauenberatungsstelle, Klinikum Solingen, Gleichstellungsstelle und dem Institut für Rechtsmedizin Düsseldorf gestartet. Die Idee: Betroffene Frauen können sich anonym ans Klinikum wenden. Insgesamt 14 Ärzte sind speziell ausgebildet, Gespräche mit den Opfern zu führen und Verletzungen oder andere Spuren zu sichern.

„Viele Frauen haben nach der Tat keine Kraft, eine Anzeige aufzugeben.“
Klinik-Chef Dr. Martin Eversmeyer

„Wichtig für viele Frauen ist, dass dieser Schritt anonym erfolgen kann, die Betroffenen nicht einmal ihre Krankenversicherungskarte vorzeigen müssen“, erklärt Beate Schwemin von der Frauenberatungsstelle. Die Daten werden nur mit einer Chiffrenummer versehen, bis zu zehn Jahre lang in der Plattform Igobsis aufbewahrt und sind gerichtlich verwertbar. „Viele Frauen sind direkt nach der Tat oft traumatisiert, haben keine Kraft, eine Strafanzeige aufzugeben. Mit Hilfe dieses Projektes kann die Anzeige auch noch Jahre später erfolgen, ohne dass Beweismaterial verloren geht“, unterstützt Klinikum-Geschäftsführer Dr. Martin Eversmeyer die Kooperation.

Marica Schemberger, Oberärztin in der Zentralen Notfall-ambulanz (ZNA), gehört zu den Ärzten, die bereits von der Düsseldorfer Rechtsmedizin geschult wurden. „Das war eine wichtige und interessante Erfahrung“, so die Medizinerin, auch wenn die Dokumentation, etwa bei Verdacht auf häusliche Gewalt, schon immer zum Aufgabengebiet zählte. Neben Ärzten der ZNA und der Gynäkologie haben sich auch Allgemeinchirurgen und Unfallchirurgen für die Schulung zur Verfügung gestellt.

Um betroffenen Frauen zu helfen, wurden im gesamten Klinikum Strukturen abgestimmt. „Es ist uns wichtig, dass betroffene Patientinnen – in der Regel sind es Frauen –, die sich in der ZNA melden, nicht lange warten müssen“, betont Dorothea Grabe, Gleichstellungsbeauftragte des Klinikums.

Finanziert wird das Angebot über die Krankenkassen. Für den Auftakt des Projektes gab es Unterstützung des Gleichstellungsministeriums NRW. Der Förderverein des Klinikums hat zudem Ausrüstung, etwa eine Kamera zur Dokumentation der Spuren, zur Verfügung gestellt.

Wie groß die Zahl der betroffenen Frauen ist, das sei schwer einzuschätzen, betonten die Kooperationspartner, nach Erfahrungen in anderen Städten vielleicht vier bis sechs Frauen pro Jahr. „Gerade bei diesem Thema gibt es eine große Dunkelziffer, weil viele Frauen sich nicht trauen, den Täter anzuzeigen“, weiß Stefanie Weinert aus der langjährigen Arbeit in der Frauenberatungsstelle.

Astrid Hofmann, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Solingen, unterstreicht: „ Ich bin sehr froh über diese neue Möglichkeit direkt vor Ort. Denn obwohl keine Frau die Schuld an solchen Übergriffen trägt und die Verantwortung immer beim Täter liegt, wissen wir, dass es oft Zeit braucht, zu dieser Einsicht zu gelangen und Anzeige zu erstatten.“

Anonyme Spurensicherung

Hilfe: Betroffene Frauen können sich anonym in der Zentralen Notfallambulanz (ZNA) des Städtischen Klinikums, Gotenstraße 1, melden: Tel. 547-21 10. Das Angebot ist für die Betroffenen kostenlos, es muss keine Krankenversicherungskarte vorgelegt werden.

Unterstützung: Hilfe und Beratung gibt es bei der Frauenberatungsstelle Solingen, Brühler Straße 59, Tel. 5 54 70.

www.frauenberatung-sg.de

Kampagne: Das Projekt zur anonymen Spurensicherung (ASS) wird unter dem Titel „Deine Entscheidung“ landesweit in NRW auf den Weg gebracht.

Kooperationspartner: In Solingen sind die Frauenberatungsstelle, das Klinikum Solingen, die Gleichstellungsstelle der Stadt und das Institut für Rechtsmedizin aus Düsseldorf gemeinsam bei dem Projekt, das gestern offiziell gestartet ist, aktiv.

Ein schwerer Fall von häuslicher Gewalt hat sich am Dienstagvormittag mitten in Ohligs ereignet.

Das könnte Sie auch interessieren

Top-Links

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Kindstötungen in der Hasseldelle: Väter schoben Verantwortung für die Kinder von sich
Kindstötungen in der Hasseldelle: Väter schoben Verantwortung für die Kinder von sich
Kindstötungen in der Hasseldelle: Väter schoben Verantwortung für die Kinder von sich
Corona: Inzidenz sinkt in Solingen auf 6,9 - Coronaschutzregeln verlängert
Corona: Inzidenz sinkt in Solingen auf 6,9 - Coronaschutzregeln verlängert
Corona: Inzidenz sinkt in Solingen auf 6,9 - Coronaschutzregeln verlängert
Verstöße gegen Corona-Regeln: Stadt nimmt 400 000 Euro Bußgeld ein
Verstöße gegen Corona-Regeln: Stadt nimmt 400 000 Euro Bußgeld ein
Verstöße gegen Corona-Regeln: Stadt nimmt 400 000 Euro Bußgeld ein
Motorradfahrer verunglückt auf neuer Wupperbrücke
Motorradfahrer verunglückt auf neuer Wupperbrücke
Motorradfahrer verunglückt auf neuer Wupperbrücke

Kommentare