Lieferschwierigkeiten

Handwerk kämpft mit Materialmangel

Elektro-Obermeister Frank Roth verfügt in seinem Lager momentan nur noch über einen letzten FI-Schalter.
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Elektro-Obermeister Frank Roth verfügt in seinem Lager momentan nur noch über einen letzten FI-Schalter.

Viele Materialien sind wegen des Ukraine-Krieges nicht lieferbar. Das führt zu Kurzarbeit bei einigen Solinger Betrieben.

Von Kristin Dowe

Solingen. Handwerksbetriebe im Bergischen kämpfen in vielen Branchen zunehmend mit Materialmangel. Vor allem bedingt durch den Krieg in der Ukraine und einen gewaltigen Stau von Frachtschiffen (Hintergrund ist die Schließung eines wichtigen Teilbereichs des Hafens in Shanghai infolge der chinesischen Corona-Politik) kommt es zurzeit zu dramatischen Lieferengpässen. „Wir rechnen in einigen Betrieben mit Kurzarbeit“, befürchtet Arnd Krüger, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal. Vor allem fehle es derzeit im Dachdecker- und Elektrobereich an Bauteilen und Material.

„Bestimmte Dichtungsmassen und Zumischungen für Ziegel werden hauptsächlich in der Ukraine hergestellt“, berichtet Krüger, der als Glaser selbst von den Problemen betroffen ist. Bei Elektrikern fehle es hingegen unter anderem an Schaltschränken und Steuerungstechnik. Die Auftragsbücher der Betriebe seien zwar voll, doch könnten die Aufträge nur sehr verzögert abgearbeitet werden.

Bei Angeboten haben Kunden oft keine Planungssicherheit

Dies führe laut Krüger auch dazu, dass Angebote nur auf der Basis von Tagespreisen erstellt werden könnten, so dass sowohl Anbieter als auch Kunden kaum Planungssicherheit hätten. Für die Situation der Handwerksbetriebe zeigten viele Kunden trotz teilweise langer Wartezeiten von bis zu drei Monaten und höherer Kosten Verständnis. „Die Kunden wissen, dass wir keine Märchen erzählen und Preissteigerungen weitergeben müssen. Wir finden das auch nicht gut.“

Viele Lebensmittel werden teurer - Hamsterkäufe sind kontraproduktiv

Mit Lieferschwierigkeiten und Preissteigerungen hat auch die Verwaltung zu kämpfen. Bei der Ausschreibung für den Ohligser Markt sei die Stadt gut klargekommen, erklärt der zuständige Dezernent Andreas Budde. Nun folgen zwei Abschnitte der Düsseldorfer Straße, die noch ausgeschrieben werden müssten. Bei vielen Projekten könne man derzeit nur Schritt für Schritt denken und müsse kreativ sein.

Zum Glück gebe es einen guten Draht zum Land NRW, denn Kostensteigerungen bedeuteten auch höhere Fördersummen. Das große Paket zu Schulen werde derzeit in Zusammenarbeit mit der Kämmerei geschnürt und Teil der Haushaltsberatungen werden. „Wir sehen aber auch, dass private Investitionen nach hinten geschoben werden.“

Die Gesamtschule Höhscheid ist nach fünf Jahren Bauzeit endlich fertig

Bei diesen Projekten in Solingen gibt es Schwierigkeiten

Schwierigkeiten gibt es beispielsweise beim Ersatz der roten Streifen in Mitte durch reguläre Zebrastreifen – „die können erst gemacht werden, wenn Bauteile für die Beleuchtung da sind“, so Stadtsprecherin Sabine Rische. Ersatzteilmangel sorgt auch dafür, dass die Tiefgarage der Clemens-Galerien wohl noch einige Wochen geschlossen bleiben muss. Ein Defekt in der Lüftungsanlage kann nur mit Ersatzteilen behoben werden.

Ähnliches schildert Frank Roth, Obermeister der Elektro-Innung Solingen, für sein Unternehmen. „Die Probleme bei den Lieferketten, die schon durch die Corona-Pandemie zu Verzögerungen geführt haben, spitzen sich jetzt noch mehr zu. Manchmal kommt es vor, dass wir ein Gerät zu 98 Prozent fertig haben, aber ein entscheidendes Teil fehlt.“ Ob Sicherungskästen, FI-Schalter, Innenteile für Zählerschränke oder Kabel – all diese Fachartikel seien zurzeit heiß begehrte Ware auf dem Markt.

Bei Kabeln seien je nach Typ gar Preissteigerungen zwischen 7 und 71 Prozent zu verzeichnen. „Auf dem Weltmarkt ist alles teurer geworden.“ So hätten Zulieferer notwendige Preissteigerungen vor der Ukraine-Krise stets mit längerer Vorlaufzeit angekündigt. Auch seien diese nur ein bis zwei Mal im Jahr vorgekommen, während die Preise nun deutlich häufiger erhöht würden.

Leidgeprüft ist auch Stefan Bruchhaus, Obermeister der Dachdecker-Innung Solingen. „Wir verbringen momentan zwei bis drei Stunden täglich damit, bei den Händlern regelrecht um Material zu betteln, damit wir nicht kurzarbeiten müssen. Deren Lager sind aber leer und auf unbestimmte Zeit wird nichts nachgeliefert“, so Bruchhaus. Zwar sei sein eigenes Unternehmen bislang noch von Kurzarbeit verschont geblieben, doch gebe es bereits einzelne Dachdeckerbetriebe in Solingen, die auf diese Notlösung zurückgreifen mussten.

Die Situation sei laut Bruchhaus auch ein Lehrbeispiel dafür, in welche Abhängigkeiten die Weltwirtschaft verstrickt ist. So werden etwa Trägereinlagen, die in Bitumenbahnen zur Stabilisierung eingebaut sind, hauptsächlich in der Ukraine produziert. „Davon bekommen wir dann mitunter nur eine halbe Palette. Wir können aber schlecht nur ein halbes Dach bauen.“

Bergische IHK rechnet mit wirtschaftlichen Einbußen durch den Ukraine-Krieg

Hintergrund

Hohe Nachfrage haben die Dachdeckerbetriebe nach Photovoltaikanlagen zu verzeichnen, können den Bedarf aber ebenfalls nicht decken. Für die Anlagen fehlt es an Unterkonstruktionen, Wechselrichtern und Speichermedien.

Standpunkt von Kristin Dowe: Negativer Dominoeffekt

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine führt uns gerade lehrbuchhaft vor Augen, in welches dichte Geflecht von Abhängigkeiten die Weltwirtschaft in Zeiten der Globalisierung verstrickt ist. Wenn in den langen Lieferketten an irgendeiner Stelle Probleme auftauchen, so löst dies einen negativen Dominoeffekt für den gesamten Produktionsprozess aus.

Leidtragende im Bergischen sind neben ungeduldigen Kunden die Handwerksbetriebe, die sich zwar vor Aufträgen kaum retten können, aber nicht über die Materialien verfügen, um diese auch zu erfüllen. Dass einige Unternehmen bereits Kurzarbeit anmelden mussten, ist ein deutliches Alarmsignal.

Gemessen am Leid der Menschen in der Ukraine sind dies natürlich Luxusprobleme. Dennoch sollte die Situation mehr denn je den kritischen Blick auf Handelsbeziehungen mit autokratisch regierten Ländern wie Russland schärfen. Eine gesunde Wirtschaft kann es nur in einem friedlichen Europa geben.

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