Geschichte

Günter Neumann erlebte Unglück als Schaffner in der Straßenbahn

Bei dem Unglück in Solingen starben acht Menschen, 103 wurden zum Teil schwer verletzt.
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Bei dem Unglück in Solingen starben acht Menschen, 103 wurden zum Teil schwer verletzt.

Ein Solinger erinnert sich an das schwere Straßenbahnunglück 1952 am Central – es gab acht Tote, 103 Menschen wurden verletzt.

Von Andreas Erdmann

Solingen. Es war der schwärzeste Tag in der Geschichte des Öffentlichen Personennahverkehrs in Solingen: Am 25. Januar 1952, um 6.45 Uhr in der Frühe, kamen bei einem schweren Straßenbahn-Unfall an der Straßenkreuzung am Central acht Menschen zu Tode. 103 Fahrgäste wurden verletzt - dies zum Teil schwer. „Ich kann mich noch heute ganz genau an das tragische Ereignis erinnern“, berichtet Günter Neumann, der sich damals als Schaffner in dem verunglückten Fahrzeug befand.

„Es war vier Tage nach meinem 21. Geburtstag. Wir fuhren mit einem Straßenbahnzug der Linie 2 von der Haltestelle am Wasserturm ab, als die Bahn auf der Gefällstrecke in Richtung Central plötzlich immer mehr an Geschwindigkeit zulegte“, entsinnt sich der 89-jährige. In Höhe der Ketzberger Straße sei der Anhänger von dem dahinjagenden Triebwagen abgerissen. „Der Triebwagen raste mit ungeheurem Tempo auf die Kreuzung zu und in die Kurve. Er sprang aus den Schienen, kippte nach rechts. Dann schlitterte er, auf der Seite liegend, 20 bis 30 Meter weit über das Straßenpflaster. Mit ohrenbetäubendem Lärmen prallte der Wagen gegen eine Hauswand. Der Hänger, der folgte, schlug um.“

An der Unglücksstätte bot sich den Helfern und Hunderten von Schaulustigen ein grauenhafter Anblick. Die Zeitungen berichteten später von Rettungsmannschaften, die sich mit Schweißbrennern und Brecheisen daran machten, die eingeklemmten Personen freizubekommen. Verletzte wurden in die Gaststätte Tack gebracht. Dort leisteten ansässige Ärzte Erste Hilfe. Sechs Personen – darunter der Fahrer – konnten nur tot aus dem völlig zerstörten Vorderbereich des Motorwagens geborgen werden. Zwei Schwerstverletzte starben noch auf dem Weg zum Krankenhaus.

„Ich konnte das Geschehen über Stunden nicht realisieren.“
Günter Neumann war 43 Jahre bei den Verkehrsbetrieben beschäftigt

Günter Neumann hätte sich eigentlich neben dem Fahrer im Vorderbereich des Wagens befinden sollen. Da er aber nicht durch den überfüllten Gang kam, blieb er hinten im Fahrzeug. Dies hat ihm wohl das Leben gerettet. „Ich war gestürzt und hatte beim Aufprall des Wagens das Bewusstsein verloren, blieb aber wie durch ein Wunder unverletzt“, berichtet er. Unvergessen geblieben sei ihm der allererste Eindruck, nachdem er wieder zu sich kam: „Ich sah über mir eine Straßenlaterne und fragte mich nur verwundert: Wieso steht da eine Straßenlaterne? Ich stand unter Schock und konnte das Geschehen über Stunden nicht realisieren.“

Günter Neumann (89) zeigt den Artikel, der im Januar 1952 zum Straßenbahnunglück veröffentlicht wurde. Die Stadt flaggte damals Halbmast.

Warum der Triebwagen derart beschleunigt hatte, ob aufgrund von Bremsversagen, anderen technischen Mängeln des überalterten Fahrzeugs oder Fehlverhalten des Fahrers, habe man bei der späteren Rekonstruktion des Falles nicht herausfinden können. „In einem folgenden Gerichtsverfahren wurde dann gegen mich und den Betriebsleiter der Solinger Straßenbahn ermittelt. Die Anklage lautete auf fahrlässige Tötung von acht Fahrgästen sowie fahrlässige Körperverletzung von 103 Personen. Sie war aber völlig haltlos, und wir wurden schließlich von aller Schuld freigesprochen.“

43 Jahre lang war Günter Neumann bei den Solinger Verkehrsbetrieben beschäftigt. Dies zunächst als Straßenbahnschaffner und ab 1955, nach Erlangung der Fahrerlaubnis für Personenbeförderung, auch als O-Bus- und Busfahrer. Er erhielt etliche Auszeichnungen. So bekam er von Daimler Benz nach 35 Dienstjahren eine Ehrenurkunde und ein Ehrenabzeichen für eine Million gefahrene Straßenkilometer. „Doch zusammengerechnet waren es ja noch mehr als eine Million Kilometer.“

Vieles hat Neumann als Schaffner und Fahrer erlebt. „Im Walder Schlauch an der Stresemannstraße blieb ich oft mit dem Fahrzeug stecken. Wenn sich dann Pkw und Lkw mit Bahnen oder Bussen in beiden Fahrtrichtungen ineinander verkeilten, lief erst mal gar nichts mehr. Mühsam mussten dann alle Fahrzeuge auseinanderdividiert werden.“

Lebhafte Erinnerungen hat er auch an einen Einsatz 1961 in Berlin. „Als in Osten die Mauer gebaut wurde, die das städtische Verkehrsnetz durchschnitt, halfen westdeutsche Städte und Gemeinden mit Bussen und Busfahrern aus. Aus Solingen schickte man mich mit zwei Kollegen für über einen Monat nach Berlin.“ Völlig ungewohnt sei ihm das Fahren der großen Doppeldeckerbusse gewesen. „Immer wenn ich so einen hoch aufragenden Bus auf eine Unterführung zulenkte, zog ich instinktiv den Kopf ein.“ Als Dank für den Einsatz stellten die Berliner Verkehrsbetriebe den Fahrern für eine Woche lang einen Bus für Ausflugsfahrten zur freien Verfügung. „Wir erkundeten die ganze Stadt. Wunderbar! Dies war der spannendste Urlaub meines Lebens.“

Straßenbahn

Chronik: Die erste Solinger Straßenbahn ging am 2. Juni 1897 auf der Strecke von Stöckerberg über Schlagbaum und Mühlenplätzchen zum Südbahnhof in Betrieb. 1898 verkehrten drei Linien. 1929 waren es fünf, die als Stadt- und Kreisbahn Solingen mit Höhscheid, Wald, Ohligs und Gräfrath verbanden. Außerstädtische Verbindungen gab es nach Cronenberg, Barmen, Remscheid, Benrath. Am 16. November 1959 fuhr die letzte Bahn der Stadtwerke nach Burg.

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