Die Grippewelle rollt

Mit Erkältung in die Schule gehen?

Viele Kinder und Jugendliche sind zurzeit verschnupft.
+
Viele Kinder und Jugendliche sind zurzeit verschnupft.

Kranke Kinder dürfen nicht in eine Einrichtung – bei banalen Atemwegsinfekten sieht eine Ärztin kein Problem.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Die Grippewelle rollt, gleichzeitig leiden viele Menschen an anderen Atemwegsinfekten. Besonders betroffen sind aktuell Kinder und Jugendliche. In manchen Klassen ist mitunter nur ein Drittel der Schüler anwesend. Auch in den Kindertagesstätten fehlen viele. Doch was tun, wenn das Kind zwar kein Fieber hat, aber Erkältungssymptome? Für viele berufstätige Eltern eine schwierige Abwägung, zumal manche Einrichtungen auch bei leichten Beschwerden wie Schnupfen und Husten eine Betreuung ablehnen.

„Ein Kind, das Fieber hat oder vom Allgemeinzustand her hinfällig ist, muss zu Hause bleiben“, betont Dr. Sonia van Afferden, Sprecherin der Solinger Kinder- und Jugendärzte. Aktuell gebe es neben Influenza und RS-Virus auch viele hochfiebernde Virusinfekte. Auch Scharlachfälle nähmen zu. Bei „banalen Luftwegsinfekten“ mit leichten Symptomen könnten Kinder jedoch sowohl Kita als auch Schule besuchen, sagt van Afferden. „Das war vor Corona möglich und muss auch jetzt gehen.“ Sie rät, zuvor einen Coronatest zu machen. Immer wieder würden jedoch Kinder bereits mit Schnupfen nach Hause geschickt. Gerade Jüngere hätten aber acht bis zehn solcher Infekte im Jahr.

„Im Betreuungsvertrag steht, dass kranke Kinder nicht in die Einrichtung dürfen“, sagt Dirk Wiebenga, Vorstand der Arbeiterwohlfahrt, die mehrere Kitas in Solingen betreibt. „Eine Erkältung wird aber nicht mit Krankheit gleichgestellt. Wenn Kinder schniefen und rotzen, wird das mitgetragen.“ Wenn sie hingegen müde und schlapp wirkten, gebe es eine Rückmeldung an die Eltern. Manchmal gebe es Diskussionen. „Aber am Ende ist das Kind entscheidend und nicht das Wohl der Eltern. Wir sind keine Krankenstation.“ Zudem müssten die Kitas auch für die Sorge tragen, die ihre Kinder vor Ansteckung geschützt sehen wollten. „Ich glaube, dass unsere Leitungen angemessen damit umgehen.“

Kinderärzte ärgern sich über „Attestwut“

Die Stadt Solingen als Träger mehrerer Kindertagesstätten gebe bei Erkrankung „Verhaltensanregungen“, die Appell-Charakter hätten, teilt Stadtsprecherin Sabine Rische auf Anfrage mit: „Kranke Kinder sollten nicht in die Kita geschickt werden, sondern sich zu Hause erholen. Sie können im Kontakt ja auch andere anstecken – Kita-Kinder ebenso wie Betreuende.“ Aktuell sei das eine Herausforderung. „Durch die derzeitige Krankheitswelle gibt es bereits enorm viele personelle Ausfälle. Sie können zu Einschränkungen bei der Betreuung führen – und das belastet wiederum Eltern und Kinder.“

In den Kinderarztpraxen sorgt neben dem hohen Patientenaufkommen noch etwas für Belastung: Atteste, die verlangt würden, sagt Dr. Sonia van Afferden. „Weniger bei den Kitas als vielmehr in den Schulen.“ Dort habe sich etabliert, nach drei Tagen ein Attest zu fordern. „Das gibt das Schulgesetz aber nicht her.“ Darauf weise sie Eltern hin. Auch Dr. Thomas Fischbach, niedergelassener Pädiater in Solingen und Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, hat im Gespräch mit dem ST die „Attestwut“ von Schulen und Kindergärten kritisiert.

Dazu heißt es aus dem NRW-Schulministerium: „Nach dem Schulgesetz können Schulen von den Eltern nur dann ein ärztliches Attest verlangen, wenn begründete Zweifel daran bestehen, dass der Unterricht tatsächlich aus gesundheitlichen Gründen versäumt wird.“ Eine generelle Regelung, wonach im Falle eines Unterrichtsversäumnisses aus gesundheitlichen Gründen stets oder bei einem Versäumnis von mehr als drei Tagen ein Attest beizubringen ist, sehe das Schulgesetz nicht vor. Eine Attestpflicht gebe es allerdings für Abschlussprüfungen und Nachprüfungen. Die Bezirksregierungen seien gebeten worden, die Schulen erneut über die Rechtslage zu informieren.  

Kinderärzte

Die Situation in den Kinderarztpraxen sei unverändert schwierig, sagt Dr. Sonia van Afferden. Es gebe eine massive Grippewelle unter Kindern und Jugendlichen. Hinzu kommen andere Infektionskrankheiten wie das Respiratorische Synzytial-Virus, Streptokokken und Scharlach. Zudem gebe es Personalausfälle in den Praxen. „Die Influenza wird auch die Erwachsenen erreichen.“ Die Kinder- und Jugendärztin appelliert deshalb an Erwachsene, sich gegen Grippe impfen zu lassen.

Standpunkt: Verständnis ist gefragt

anja.kriskofski@solinger-tageblatt.de

Im vergangenen Winter hat schon ein kleiner Schnupfen viele Eltern in Alarmstimmung versetzt. Inzwischen haben die meisten Kinder eine Coronainfektion durchgemacht, vieles hat sich wieder normalisiert. Doch dieser Winter ist nicht minder belastend. Viele Kinder und Jugendliche sind krank, weil sie an Atemwegsinfekten leiden. Und gerade bei den Jüngsten reiht sich häufig Infektion an Infektion. Berufstätige Eltern kann das an den Rand der Verzweiflung treiben.

Es versteht sich von selbst, dass ein fieberndes Kind ins Bett gehört und nicht mit Ibuprofen-Zäpfchen gedopt in den Kindergarten gebracht wird. Doch gleichzeitig kann nicht jeder Schnupfen ein Anlass sein, um ein Kind wieder aus Schule oder Kita abholen zu lassen. Da ist Verständnis auf beiden Seiten gefragt. Das gilt auch für Arbeitgeber: Wo es möglich ist, sollten sie berufstätigen Eltern mit Homeoffice-Regelungen entgegenkommen. Ansonsten hilft wohl nur Geduld: Auch diese Infektsaison geht irgendwann vorbei.

Alle aktuellen Nachrichten über die Corona-Lage in Solingen finden Sie in unserem laufend aktualisierten Coronavirus-Blog.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Modeunternehmen Walbusch muss Rückschlag hinnehmen
Modeunternehmen Walbusch muss Rückschlag hinnehmen
Modeunternehmen Walbusch muss Rückschlag hinnehmen
Freizeitpark Aufderhöhe benötigt Hilfe
Freizeitpark Aufderhöhe benötigt Hilfe
Freizeitpark Aufderhöhe benötigt Hilfe
Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen
Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen
Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen
Ohligs: Parkplatz Grünstraße soll wieder öffentlich werden
Ohligs: Parkplatz Grünstraße soll wieder öffentlich werden
Ohligs: Parkplatz Grünstraße soll wieder öffentlich werden

Kommentare