Waldbrände in Südeuropa

Solinger Griechen bangen um ihre Verwandten

Sultana Ravanos mit einem Bild, das ihre Familie ihr zugeschickt hat. Darauf sieht man, dass die Bewohner des Dorfes den Flammen auf einem Schiff entkamen. Erst nach vier Tagen konnten sie zurück. Foto: Christian Beier
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Sultana Ravanos mit einem Bild, das ihre Familie ihr zugeschickt hat. Darauf sieht man, dass die Bewohner des Dorfes den Flammen auf einem Schiff entkamen. Erst nach vier Tagen konnten sie zurück.

Bei Sultana Ravanos läuft der Fernseher seit den heftigen Waldbränden in Südeuropa fast pausenlos – Sie hat Angst um ihre Familie auf Euböa

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Bei Sultana Ravanos läuft seit mehr als einer Woche nahezu pausenlos der Fernseher. Die 77-jährige Deutsch-Griechin möchte keine Informationen versäumen mit Blick auf die Brände auf ihrer Heimatinsel Euböa. Von dort ist sie vor mehr als 60 Jahren mit ihrem erst vor Kurzem gestorbenen Mann nach Deutschland gekommen, und dort leben viele Verwandte, die derzeit immer noch um Leib und Leben bangen.

„Mein Neffe hatte eine ganze Nacht mit dem Gartenschlauch Wache gehalten, um im Zweifel das Schlimmste zu verhindern.“

Sultana Ravanos kam vor mehr als 60 Jahren nach Deutschland

„Vor drei Tagen konnte meine Nichte mit ihrer Familie erst einmal zurück in ihr Haus, aus dem sie notfallmäßig evakuiert worden war, weil die Flammen unaufhaltbar schienen“, berichtet Sultana, der die Situation spürbar sehr zusetzt. „Mein Neffe hatte eine ganze Nacht mit dem Gartenschlauch vom Dach aus Wache gehalten, um im Zweifel das Schlimmste zu verhindern.“ Im Gegensatz zu der ebenfalls von starken Bränden betroffenen Region um Athen, gebe es in Euböa nur wenig Feuerwehr und durch die Insellage sei Außenhilfe ungleich komplizierter.

Die Tränen der Verzweiflung ihrer Schwester oder der Nichten über die Flammen, die Natur und Kultur auf der Insel zerstören, geht Ravanos tief unter die Haut. Sie sei froh über jedes Lebenszeichen ihrer Verwandten, denn auch das Kontakthalten per Handy sei gerade schwierig, schließlich gebe es keinen Strom, um die Geräte regelmäßig aufzuladen. „Meine Nichte konnte ihr Gerät jetzt wohl auf dem Boot laden, das sie zurück auf die Insel gebracht hat.“ Das Feuer sei unter Kontrolle, hieß es. Auch das Ferienhaus von Sultana Ravanos, in dem sie gemeinsam mit ihrem Mann wohnte, wenn sie Euböa besuchte, steht noch. Dennoch bleibt die Angst, denn vorbei ist die Feuergefahr keineswegs: Wenn sich der Wind ungünstig dreht, besteht erneute Bedrohung.

Erst einmal haben ihre Schwestern, Schwager, Nichten und Neffen, mit zum Teil noch kleinen Kindern, Glück im Unglück gehabt, weil sie weder ihr Leben noch ihre Häuser verloren haben - im Gegensatz zu vielen Freunden und Nachbarn. „Aber die Lebensgrundlage ist dahin“, sagt Sultana bedrückt: Die Weinreben auf den Feldern sind verbrannt, zum Teil uralte Olivenbäume, die gute Frucht trugen, den Flammen zum Opfer gefallen und die Fichten der Insel für die Harzgewinnung für den griechischen Wein Retsina abgefackelt wie Streichhölzer. Das wachse ja alles nicht mal schnell wieder neu, wenn das Feuer vorbei sei, sagt Ravanos, die derzeit noch eine neue Sorge umtreibt. Man hofft inständig, das der angekündigte und im Grunde ja ersehnte Regen keine Schlammmassen von den Bergen ins Tal hinabfließen lässt. „Wenn das passiert, haben wir endgültig verloren“, zitiert Sultana Ravanos einen Neffen, mit dem sie kurz telefonieren konnte.

Schon jetzt sei die Lage prekär. „Es fehlt an allem“, sagt die 77-Jährige. Alle Supermärkte seien abgebrannt und damit alle Waren. Auch die Lebensmittel werden damit knapp. Zudem ist die Wasserversorgung ebenso zusammengebrochen wie die mit Strom.

Derzeit wird in Solingen, initiiert von der deutsch-griechischen SPD-Politikerin Ioanna Zacharaki, Hilfe organisiert. „Es gilt jetzt, die erfreulich große Bereitschaft in Solingen zu strukturieren und in der richtigen Reihenfolge das nach Euböa zu schicken, was aktuell Sinn macht“, sagt sie. Sachspenden wie Lebensmittel, Kleidung, Decken, Kinder-Spielzeug seien willkommen, aber ebenso wichtig sei es, Geld zu sammeln. In diesem Gebiet werde es um existenzielle Aufbauhilfe gehen.

Hintergrund

Kontakt: Wer helfen möchte, kann sich an Ioanna Zacharaki, Tel. 01 60 93 35 35 73 oder Ioanna Koumoulidou, Vorsitzende der Griechischen Gemeinde, Tel. 01 62 7 86 43 12 oder 33 32 02 wenden.

Verbrannte Erde: Laut dem geologischen Institut der Universität Athen ist Euböa mit rund 51 000 Hektar verbranntem Wald am stärksten von der Katastrophe betroffen. Zum Vergleich: In Deutschland verbrannten laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 2020 bei Waldbränden 368 Hektar.

Griechische Gastronomen unterstützen Hochwasser-Betroffene

1800 Euro sind an die Gerd-Kaimer-Stiftung überwiesen worden.

Griechische Gastronomen beteiligen sich am Aufruf von Ioanna Zacharaki, für Hochwasser-Betroffene in Solingen zu spenden. Mit dabei sind unter anderem Ioannis Topalidis (Taverne Mykonos), Efthimios Gousiotis (Olympia) sowie die Pizzeria Olymp. An die Gerd-Kaimer-Stiftung seien 1800 Euro überwiesen worden. Die Gastronomen sehen dies als Gegenleistung für die Unterstützung für die Flüchtlingshilfe auf Lesbos und weitere Hilfsaktionen. Fotos: Katja-Kontou Topalidou

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