Vortrag

Gottfried Weise, der mordende KZ-Aufseher

KZ-Aufseher Gottfried Weise, genannt „Wilhelm Tell von Auschwitz“, lebte nach dem Ende des Weltkriegs als „unbescholtener Bürger“ in Solingen.
+
KZ-Aufseher Gottfried Weise, genannt „Wilhelm Tell von Auschwitz“, lebte nach dem Ende des Weltkriegs als „unbescholtener Bürger“ in Solingen.

Die Journalisten Annemarie Kister-Preuss und Uli Preuss erinnerten in einem Vortrag an den „Wilhelm Tell von Auschwitz“

Von Karl-Rainer Broch

Solingen. Der von 1986 bis 1989 dauernde Prozess vor dem Wuppertaler Landgericht gegen KZ-Aufseher Gottfried Weise war aus Solinger Sicht besonders bedeutsam, weil dieser nach dem Krieg in der Klingenstadt lebte und dort als „unbescholtener Bürger“ seiner Arbeit nachging. Die Journalisten Annemarie Kister-Preuss und Uli Preuss erinnerten nun in einer Webpräsentation an ihre damalige Berichterstattung über den Prozess. Das Landgericht Wuppertal hatte ihn für fünf Morde verurteilt - der Bundesgerichtshof in Karlsruhe bestätigte später den Schuldspruch für drei dieser Morde. Die Veranstaltung des Max-Leven-Zentrums fand großen Zuspruch.

Solingen: Vortrag über KZ-Aufseher Weise lud zur Diskussion ein

Das Ehepaar Preuss hob hervor: „Die Diskussion dauerte weit länger als unser Vortrag und hatte mit Kommentaren aus persönlichem Erleben unsere Erinnerungen noch vertieft.“ Vor allem kam heraus, dass auch fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg alte NS-Seilschaften immer noch in der Lage waren, die Täter zu schützen und die Justiz an der Nase herumzuführen.

So blieb Weise während des gesamten Prozesses gegen eine Kaution von 300 000 D-Mark auf freiem Fuß. Das zeigte sich auch, als die Revision vom Bundesverfassungsgericht am 19. April 1989 abgelehnt wurde, und die Entscheidung dem Täter noch vor dem Wuppertaler Gericht zugestellt wurde. Daraufhin konnte Weise in einer spektakulären Flucht unter falschem Namen in einem verschwiegenen Bauernhaus in der Schweiz untertauchen, ehe er gefasst und zurückgebracht wurde.

Den Opfern wurde besondere Qual zugefügt, er kannte weder Mitleid noch Erbarmen.

Der Vorsitzende Richter während der Urteilsbegründung

Uli Preuss zeigte bei seinem Vortrag ein Bild des Hubschraubers, mit der der KZ-Aufseher in Fröndenberg landete. Weise wurde 1997 nach einer Krebserkrankung aus der Haft entlassen und starb am 1. März 2000 in Solingen.

Der SS-Unterscharführer, der seinen Opfern Blechdosen auf Kopf und Schultern stellte und sie herunterschoss, wurde der „Wilhelm Tell von Auschwitz“ genannt. Er wurde beim Prozess von den Zeugen dadurch identifiziert, dass er wegen einer Kriegsverletzung nur ein gesundes Auge hatte und entweder durch sein Glasauge oder mit Augenklappe in Erscheinung trat. Kister-Preuss erinnerte sich an Zeugen aus den USA oder aus Ungarn: „Man merkte ihre Zerrissenheit, sie wollten Deutschland eigentlich nie mehr betreten.“ Manche Vernehmungen erfolgten auch im Ausland.

Nach seiner Verurteilung konnte er in einer spektakulären Flucht unter falschem Namen in diesem verschwiegenen Bauernhaus in der Schweiz untertauchen. Später wurde er gefasst und zurückgebracht.

Auffallend war für die Prozessbeobachterin auch, dass die Entlastungszeugen, ehemalige Kameraden, „eine schweigsame Mauer“ bildeten. Während der 85 Minuten dauernden Urteilsbegründung hob der Vorsitzende Richter hervor: „Den Opfern wurde besondere Qual zugefügt, er kannte weder Mitleid noch Erbarmen.“

Persönliche Bekannte Weises berichteten über ihre Erlebnisse mit ihm

Nach der Präsentation berichteten persönliche Bekannte Weises über ihre Erlebnisse: „Er war der liebe Nachbar von nebenan.“ Die Rolle des wegen seiner rechtsextremen Ansichten bekannten Bauunternehmers Günther Kissel – Arbeitgeber von Gottfried Weise – kam ebenso zur Sprache wie die Aktivitäten der „Düsseldorfer Herrenrunde“, eine Gruppierung überwiegend rechts eingestellter Unternehmer.

Annemarie Kister-Preuss und Uli Preuss hatten bei ihren Recherchen beim Stadtarchiv und den Zeitungen große Unterstützung gefunden. Daniela Tobias, Vorsitzende des Max-Leven-Zentrums, sah in dem Ergebnis des Vortrags die Möglichkeit für weitere Forschungen und Erschließung von Literaturquellen zum Thema Nationalsozialismus: „Das ist das Anliegen des Max-Leven-Zentrums.“

Hintergrund

Verein: Die Bildungs- und Gedenkstätte Max-Leven-Zentrum soll 2023 im Komplex der neu entstehenden Hauptstelle der Stadt-Sparkasse am Neumarkt errichtet werden.

Aktivitäten: Der Verein widmet sich dem Gedenken von Max Leven sowie der Geschichte über Solinger Widerstand im Nationalsozialismus.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Nach dem Hochwasser kehrt der Alltag nicht zurück
Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark
Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark
Corona: Solingen wieder mit landesweit höchsten Wert - Impfungen in Burg und Südpark
Rückkauf der Ohligser Festhalle erntet Zustimmung
Rückkauf der Ohligser Festhalle erntet Zustimmung
Rückkauf der Ohligser Festhalle erntet Zustimmung
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare