Solingen – getragen von allen

Matthias Schmid ist evangelischer Regional-Pfarrer im Rheinischen Dienst für Internationale Ökumene. Foto: Matthias Schmid/RIO
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Matthias Schmid ist evangelischer Regional-Pfarrer im Rheinischen Dienst für Internationale Ökumene.

Theologen laden im ST zur Andacht ein: Heute der evangelische Pfarrer Matthias Schmid

Liebe Leserin, lieber Leser!

Vor einiger Zeit stand ich mit Novarina und One, zwei jungen Frauen aus der Partnerkirche GKPS in Sumatra/Indonesien, unter der Müngstener Brücke. Wir bestaunten diese gewaltige Konstruktion, erbaut aus vielen tausend Stahlprofilen. Sie steht, sie hält, sie trägt die Reisenden von einer Seite auf die andere und trägt die Belastung. Bald kann man sie sogar angeseilt und abgesichert erklettern. 107 Meter hoch, Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke, über 120 Jahre alt. Die Müngstener Brücke.

Und wir haben genauer hingeschaut und entdeckten sie: all die vielen Nieten (ähnlich wie Schrauben). Da sind die riesigen Stahlträger und da sind die unscheinbaren, schwachen, vergleichsweise winzigen Nieten, die in den Stahl geschlagen sind – 934 456 Stück. Fast eine Million. „So viele!“, staunten die ökumenischen Gäste, und ihr Staunen ließ mich als Einheimischen auch noch einmal staunen. Welch wichtige Aufgabe kommt diesen Nieten zu. Ohne sie würden die Träger und Pfeiler zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Und ich denke mir: „Wenn ihr nur wüsstet, wie wichtig ihr seid!“

Die Stadt Solingen ist im übertragenen Sinne auch solch ein Bauwerk – zusammengehalten von rund 160 000 Einwohnern. So viele Nieten in Solingen? Natürlich nicht! Wer will sich schon als Niete bezeichnen lassen? Denn als erstes fallen uns die nutzlosen, pechverhafteten Nieten ein, die wir schon bei Verlosungen gezogen haben. „Du Niete!“ ist nicht schmeichelhaft, sondern beleidigend. Dennoch gefällt mir dieser Vergleich mit der Müngstener Brücke. Deren Nieten sind anders. Sie sind wichtig, geben dem Gefüge Halt. In ihrer gemeinsamen Funktion geben sie dem Bauwerk Stabilität. Die Stadtgesellschaft in Solingen lebt von den einzelnen Menschen, hier jetzt darum positiv als „Nieten“ bezeichnet. Da spielt es keine Rolle, ob die Niete deutschen, irakischen, italienischen, türkischen, syrischen oder ghanaischen Hintergrund hat. Niete ist Niete. „Wenn ihr nur wüsstet, wie wichtig ihr seid!“

Denn gemeinsam geht es darum, Solingen als lebenswerte, in ihrer Vielfalt lebensfrohe Stadt zu prägen und zu bereichern. Wo die mächtigen, einflussreichen Personen von sich sagen: „Ich bin auch nur eine Niete“, und die Schwachen gestärkt und mit Rückgrat sagen: „Jawohl, ich bin eine Niete.“

Ich bleibe bei diesem Bild der Brücke und den Nieten und wage noch einen anderen Gedanken, eine andere Interpretation: Dabei leitet mich ein Satz aus der Bibel: „Eben jene Glieder des Leibes, die als besonders schwach gelten, sind umso wichtiger.“ (1.Korintherbrief 12, 22) In der Bibel wird die christliche Gemeinschaft mit einem menschlichen Körper verglichen. Wie im Zusammenspiel der einzelnen Körperteile, so lebt die christliche Gemeinde durch ihre einzelnen Menschen mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen.

Und damit verbunden ist die Botschaft Gottes an alle, die dazu gehören: „Wenn ihr nur wüsstet, wie wichtig ihr seid!“ Und ich hänge in Gedanken noch an dem Bild der Brücke. Hoch über dem Wupper-Tal ist sie letztlich eine Verbindung zwischen Menschen.

„Wenn du nur wüsstest, wie wichtig du mir bist!“

Zu verbinden ist auch die Aufgabe der Kirche – evangelischer Klingenkirche, katholisch, freikirchlich. Die ökumenische Gemeinschaft von Christinnen und Christen bildet gemeinsam so was wie eine Brücke, damit Gottes geliebte menschliche Geschöpfe – alle 160 000 Nieten in Solingen – von Gottes Botschaft in Jesus Christus hören und erleben: „Wenn du nur wüsstet, wie wichtig du mir bist!“

Ihr Matthias Schmid

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