80 Jahre Solingen-Gesetz

Solingen ist geschützte Marke seit 1938

Dieses Richtschwert darf den Namen Solingen tragen. Foto: Uli Preuss
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Dieses Richtschwert darf den Namen Solingen tragen.

Das Solingen-Gesetz wird in dieser Woche 80 Jahre alt. In einer Serie erklären wir die Hintergründe.

Von Uli Preuss

Der Schutz der Marke Solingen wurde von den Nationalsozialisten begründet. Es schützt noch heute Schneidwaren. Dass „Made in Germany“ im 19. Jahrhundert ursprünglich eine Art Warnhinweis war, um die britischen Verbraucher vor angeblich minderwertigen, deutschen Produkten zu schützen, wurde zum Bumerang in der Wirtschaftsgeschichte beider Länder – wie wir heute wissen. 

Der Streit begann damals in den Produktionshallen der konkurrierenden Schneidwarenstädte Solingen und Sheffield und fand im Merchandise Marks Act von 1887 ihren Höhepunkt. Mit diesem britischen Gesetz wollte sich die niedergehende englische Wirtschaftsmacht wehren und erhob nicht nur Schutzzölle, sondern warnte so mit dem „Made in Germany“ vor deutschen Waren. Dieses „Made in Germany“ sollte einen Nachfolger auf lokaler Ebene bekommen. Kaum 50 Jahre später wurde der Markenschutz rund um die Klingenstadt Solingen ins Leben gerufen. 

Der braune Schatten von Bayreuth, er reichte im Sommer 1938 bis nach Solingen. Dem Komponisten Richard Wagner sagt man bis heute antisemitische Züge in seinen Werken nach. Adolf Hitler, überzeugter Antisemit und gleichwohl großer Wagnerfan, unterzeichnete das Gesetz zum Schutze des Namens „Solingen“ kurioserweise nicht im Bergischen Land, sondern am 25. Juli 1938 in der Bayerischen Festspielhochburg Stunden vor der Aufführung der Nibelungensaga.

SOLINGENVERORDNUNG

Paragraf 1 Der Name Solingen darf im geschäftlichen Verkehr nur für solche Schneidwaren benutzt werden, die 1) in allen wesentlichen Herstellungsstufen innerhalb des Solinger Industriegebietes bearbeitet und fertiggestellt worden sind und 2) nach Rohstoff und Bearbeitung geeignet sind, ihren artgerechten Verwendungszweck zu erfüllen. 

§ 2 Das Solinger Industriegebiet umfasst das Gebiet der kreisfreien Stadt Solingen und das Gebiet der im Kreis Mettmann gelegenen Stadt Haan. 

§ 3 Schneidwaren im Sinne des § 1 sind insbesondere: Scheren, Messer und Klingen aller Art. Bestecke aller Art und Teile von solchen, Tafelhilfsgeräten wie Tortenheber, Gebäckzangen, Zuckerzangen, Traubenscheren und Vorleger, Tafelwerkzeuge wie Zigarrenabschneider, Brieföffner, Nussknacker und Korkenzieher sowie schneidende Küchenwerkzeuge wie Dosenöffner und Messerschärfer, Rasiermesser, Rasierklingen und Rasierapparate. Haarschneidemaschinen und Scherenmaschinen, Hand- und Fußpflegegeräte wie Nagelfeilen, Haut- und Nagelzangen, Nagelknipser und Pinzetten. Blanke Waffen aller Art. 

§ 4 Diese Verordnung tritt am 1. Januar 1995 in Kraft.

80 Jahre ist das her und seitdem schützt das Minigesetz in knappen fünf Paragrafen (seit 1995 vier) die berühmten Produkte aus der Klingenstadt – weltweit. Damit ist Solingen die einzige Stadt auf der Erde, die auf diese Weise ihren Namen und ihre Produkte schützt. Ein Alleinstellungsmerkmal, das von hiesigen Firmen angeregt wurde, um die hohe Qualität heimischer Schneidwaren gegen weltweit agierende Fälscher zu verteidigen. Noch heute wird der Name Solingen missbraucht. Windige Geschäftemacher nutzen ihn, um mit dem „guten Namen“ der Stadt Gewinne zu erzielen. 

Tatsache ist außerdem, dass allein die Einführung dieses Gesetzes den Namen Solingen berühmt machte. 2003 meldete die bergische Handelskammer den Namen „Solingen“ auch in Europa und vielen Ländern weltweit als Marke an. 

Erst im Oktober 1994 wurde das Markenschutzgesetz der Nationalsozialisten modernisiert und regelt seitdem als „Solingenverordnung vom 16. Dezember 1994“ die Herstellung und den Handel mit verschiedensten Schneidwaren vom Messer, über Scheren und Bestecke aller Art bis hin zu Blankwaffen, Rasierklingen, Brieföffnern und Fußpflegegeräten. Diese und noch viele andere Produkte aus der Klingenstadt haben als „Qualität – Made in Solingen“ zwei Tatsachen gemein: Erstens müssen sie in wesentlichen Herstellungsstufen innerhalb des Solinger Stadtgebietes bearbeitet und fertiggestellt worden sein und zweitens, so der Wortlaut, „nach Rohstoffen und Bearbeitung geeignet sind, ihrem arteigenen Verwendungszweck zu erfüllen.“ 

In der Praxis heißt das: Ein Messer, das den Aufdruck „Made in Solingen“ tragen darf, wurde in Solingen geschmiedet oder gestanzt, geschliffen, poliert und ausgemacht. Und die Qualität des Stahls sollte hochwertig sein. Das regelt wiederum die DIN-Norm 8442. Eine Norm, die von der Industrie- und Handelskammer und vom Industrieverband Schneid- und Haushaltswaren derzeit nach modernen Erkenntnissen überarbeitet wird, unter die auch Legierungen, Stahlbeschaffenheit und sogar Keramikmesser fallen. Die Norm gilt in erster Linie für Haushalts- und Berufsmesser. 

Geografisch macht die Solingen-Verordnung einen kleinen Seitenschritt. Die Nachbarstadt Haan ist ebenso geschützt wie die Klingenstadt. Als man das Gesetz entwarf, fiel auf, dass sehr viele Heimarbeiter aus der Gartenstadt kamen. So wurden die Nachbarn im Gesetz quasi eingemeindet. 

Fachliche Kenntnisse und Standort vererbten sich 

Solingen selbst hat eine lange Schneidwarengeschichte. Das liegt einerseits an der Wasserkraft der Wupper, andererseits an überlieferten Fertigungsverfahren. Auch, weil Schwertschmiede im 16. Jahrhundert beeiden mussten, nicht von ihrem Standort wegzuziehen. So vererbten sich Kenntnisse und Stand meist in der Familie und nah an der Wupper. 

Heutzutage sind es längst nicht mehr alle Hersteller, die mit dem Made in Solingen - Schriftzug werben wollen oder können. So steht die berühmte Herkunftsangabe nicht mehr auf Zwillingsmessern. Das große Unternehmen J. A. Henckels ist mit Produktionsstätten in Spanien, China oder Japan viel zu international aufgestellt, als dass es die Anforderung der Solingen-Verordnung erfüllen könnte. Andere Hersteller wie Güde, Windmühlenmesser oder Wüsthof nutzen dagegen die Markenbezeichnung stolz auf ihren Produkten. Und für die ganz kleinen Firmen ist es geradezu Pflicht. An ihre Namen könnte sich sonst keiner erinnern, an die „Qualität - Made in Solingen“ aber schon. Das geht so weit, dass Jens-Heinrich Beckmann vom Industrieverband Schneid- und Haushaltswaren unlängst von einem Chinesen in Shanghai gefragt wurde, wie groß die Firma „Solingen“ denn sei.

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