Spenden kommen auch aus dem Ausland

Gerd-Kaimer-Stiftung sammelt mehr als 1 Million Euro für Hochwasserhilfe

Erwin Kohnke (l.) und Gerd Schulz betreuen die Gerd-Kaimer-Stiftung und verwalten die Spenden daraus, die den Solinger Opfern des Hochwassers zugutekommen. Bislang wurden schon 960 000 Euro Soforthilfe ausgezahlt. Foto: Michael Schütz
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Erwin Kohnke (l.) und Gerd Schulz betreuen die Gerd-Kaimer-Stiftung und verwalten die Spenden daraus, die den Solinger Opfern des Hochwassers zugutekommen. Bislang wurden schon 960 000 Euro Soforthilfe ausgezahlt.

Erwin Kohnke und Gerd Schulz vom Vorstand der Gerd-Kaimer-Stiftung über die Situation bei der Hochwasserhilfe.

Von Kristin Dowe

Herr Schulz, Herr Kohnke, wie hat sich das Spendenverhalten nach der Hochwasserkatastrophe am 14. Juli entwickelt – und verraten Sie uns den aktuellen Kontostand des Spendenkontos?

Erwin Kohnke: Die Gerd-Kaimer-Stiftung ist ja nicht städtisch organisiert, sondern eine selbstständige Stiftung mit bestimmten Zwecken. Für solche Fälle eignet sich so eine Stiftungsadresse sehr viel besser als ein städtisches Konto. Der Kollege hat heute noch einmal einen Kassensturz gemacht.

Gerd Schulz: Gleich am Tag nach den Ereignissen haben uns die ersten Anfragen erreicht und dann haben wir schnell entschieden, die Spenden über die Gerd-Kaimer-Stiftung zu organisieren. Übrigens haben ein paar Tage später die Finanzbehörden bestätigt, dass auch alle möglichen Vereine für die Hochwasseropfer sammeln können – auch wenn es nicht ihrem Satzungszweck entspricht. Vor diesem Hintergrund haben auch wir uns dazu entschlossen. Bis heute, leicht aufgerundet, haben wir 1 720 000 Euro für die Hochwasserhilfe Solingen sammeln können.

Das ist eine stolze Summe! Was wissen Sie über die Spender?

Schulz: Geschätzt etwa 90 Prozent der Spender stammen aus Solingen, aber es gibt auch Spenden aus dem Ausland wie der Schweiz, Dänemark oder Schweden. Die stammen wahrscheinlich von Menschen, die irgendeine Verbindung zu Solingen besitzen und sich angesprochen gefühlt haben. Das Ergebnis hat alle unsere Erwartungen übertroffen, einen solchen Ausdruck von Solidarität habe ich selten erlebt.

Kohnke: Diese Summe ist durch 6734 Spender zusammengekommen. Neben den großen Beträgen, über die ja auch schon berichtet wurde, sind häufig Beträge zwischen 100 bis 250 Euro überwiegend von Privatpersonen gespendet worden. Zwar gibt es zum einen die „Wiederholungstäter“, die dafür bekannt sind, großzügig zu spenden. Aber es gibt auch größere Spenden von Menschen, die so noch nicht bei uns in Erscheinung getreten sind. Vielleicht steckt dahinter ein bisschen der Gedanke, etwas zurückgeben zu wollen, wenn man selbst von dem Unglück verschont geblieben ist. Auch viele Firmen aus dem Umkreis haben sich an den Spenden beteiligt, die vermutlich geschäftliche Kontakte nach Solingen haben. Und nicht zu vergessen, unsere Partnerstadt Aue!

Dazu gibt es eine Vorgeschichte, oder?

Kohnke: Als im Jahr 2002 in Aue alles überflutet war und das Wasser in den Häusern so hoch stand wie in diesem Jahr bei uns in Burg, haben wir auch von hier aus über Spendenaktionen Hilfe geleistet. Dafür bedankt sich die Stadt Aue noch heute. Und als nun in Burg das Hochwasser stand, kamen sofort Spenden aus Aue. Damit haben sie sich quasi bei uns revanchiert.

Welche Zwecke unterstützt die Gerd-Kaimer-Stiftung allgemein?

Schulz: Die Gerd-Kaimer-Stiftung hat vielfältige Möglichkeiten, Unterstützung gemeinnütziger Art zu leisten. Dabei gibt es zwei Ausnahmen: Es dürfen zum einen keine städtischen Aufgaben sein – das heißt, wir dürften zum Beispiel nicht mal eben fünf Spielgeräte am Engelsberger Hof für die Stadt erneuern. Zum anderen soll die Förderung projektbezogen und nicht dauerhaft angelegt sein. Abgesehen von diesen beiden Grenzen haben wir viel Gestaltungsspielraum. Ein gewisser Teil des Stiftungsgeldes stammt aus dem Nachlass des früheren Solinger Oberbürgermeisters Gerd Kaimer beziehungsweise aus dem Verkauf seiner Immobilie. Für die Verwendung dieses Geldes hatte er bestimmte Regeln festgelegt und Prioritäten bei den Themen gesetzt, die ihm besonders am Herzen lagen. Dazu gehörten etwa Kinder und Jugendliche, Schulen und Heimatpflege. Für das restliche Geld gibt es breitere Verwendungsmöglichkeiten. Zum ersten Mal haben wir das Konto spontan genutzt, um die Spenden für den überlebenden Jungen im Falle der fünf getöteten Kinder aus der Hasseldelle zu organisieren. Auch dafür gehen heute noch Spenden ein. Da ist ein sechsstelliger Betrag zusammengekommen, was ja auch schon eine Menge ist.

Wie prüfen Sie die Ansprüche der Spendenempfänger?

Schulz: Ein paar Zahlen vorweg: Wir haben bislang 362 Anträge erhalten, die überwiegend von privaten Haushalten, aber auch von einzelnen Kleinstunternehmen stammen. 349 davon haben wir bislang bewilligt und drei werden aktuell noch geprüft. Zehn Anträge mussten wir allerdings ablehnen, weil diese Anträge nicht direkt mit dem Hochwasser zu tun hatten, sondern dort nur ein wenig der Keller vollgelaufen war. Der Spendenaufruf richtete sich ja ausdrücklich an die Hochwasseropfer. Die ersten Auszahlungen haben wir gleich in der ersten Woche nach dem Hochwasser vorgenommen.

Dramatische Szenen: Der Stadtteil Unterburg musste am Tag des Hochwassers evakuiert werden. Archivfoto: Michael Schütz

Über welche Beträge sprechen wir da?

Schulz: Für die Soforthilfe haben wir einen Betrag von maximal 3000 Euro als Grenze festgelegt. Beim Gros der Fälle liegt der Schaden weitaus höher. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Antragsteller, die einen Schaden von bis zu 10 000 Euro geltend gemacht und nur etwa 2000 Euro bekommen haben. Da haben wir es mit der gesamten Bandbreite der Gesellschaft zu tun. Viele sind aber auch ausgesprochen bescheiden und keineswegs darauf aus, mit ihrer Situation irgendwie „Kasse zu machen“.

Welche Schicksale haben Sie bei der Hochwasserkatastrophe besonders berührt?

Schulz: Ich erinnere mich an eine ältere Dame, die mich anrief und mir erzählte, dass sie sich extra nach Rüden fahren lassen habe, wo sich der Bauwagen befand, wo Betroffene sich wegen der Antragstellung beraten lassen konnten. Weil das Personal in dem Bauwagen aber gerade Mittagspause hatte, musste sie erst mal unverrichteter Dinge wieder zurückfahren. Dann habe ich sie einfach mal zu Hause besucht und mir die Situation vor Ort angeschaut. Sie war sich sehr unsicher, ob sie die 3000 Euro einfach so in Anspruch nehmen könne. Die Wohnung hatte eine Art Tiefparterre. Dort war wirklich alles kaputt und versichert war die Dame auch nicht. Ich habe sie dann beruhigt, dass sie wirklich kein schlechtes Gewissen haben muss, die Hilfe in Anspruch zu nehmen. Manchmal ist es gut, die Dinge nicht nur vom Schreibtisch aus zu sehen. Schwer getroffen hatte es im Übrigen auch die Wohnanlage im Schloss Caspersbroich an der Itter. Beim Anblick der Fotos wird einem schwindlig. Dort stand neben dem Tiefparterre auch das erste Obergeschoss bis zu einem Meter unter Wasser.

Kohnke: Zunächst sprach jeder nur von den Bereichen an der Wupper, jedoch stellte sich erst später heraus, dass es auch andere Gebiete, etwa an der Itter, schwer getroffen hatte. Übrigens habe ich selten in meiner Laufbahn erlebt, dass sich jemand bei der Stadtverwaltung bedankt, was ich auch gar nicht erwarte. In diesem Fall war es aber so, dass wir sehr viele nette Mails und Briefe bekommen haben. Mich hat sogar jemand angerufen, der einfach nur Danke sagen wollte.

„Manchmal ist es gut, die Dinge nicht nur vom Schreibtisch aus zu sehen.“

Gerd Schulz, Gerd-Kaimer-Stiftung

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, dass es auch andere Hilfsangebote in Solingen gibt, oder sollten bei Ihnen alle Fäden für die finanzielle Hilfe zusammenlaufen?

Kohnke: Die Spenden, die wir erhalten, nutzen wir für Soforthilfen, die ja bei dem Maximum von 3000 Euro nicht allen helfen können. Wenn jemand nicht oder nur unzureichend versichert war, haben wir es ja mit noch sehr viel höheren Schadenssummen zu tun. Dazu soll die nun angekündigte Hilfe des Landes und des Bundes dienen. Das ist der eine Aspekt. Der zweite Aspekt ist die „Aktion Deutschland Hilft“, in deren Rahmen die freien Wohlstandsverbände zu Spenden aufgerufen haben, die die Verbände dann verteilen. Das sind von den Beträgen her ganz andere Dimensionen. Grundsätzlich sollten alle helfen, die auch helfen möchten.

Schulz: Noch sind ja nicht alle Förderkriterien von Bund und Ländern bekannt. Sicherlich gibt es dabei auch ganz bestimmte Schadenssituationen, die durch keinen der Partner abgedeckt werden können. Trotzdem besteht womöglich die Notwendigkeit, auch dafür Unterstützung zu leisten. Deshalb müssen wir noch ein wenig warten, um diese Lücke zu erkennen. Und in die wollen wir dann reinstoßen. Wir denken dabei nicht nur an das Beheben von Schäden, sondern auch an mögliche Maßnahmen, um die Häuser in Zukunft besser gegen Hochwasser zu schützen.

Wie viel Geld wurde bereits ausgezahlt – und wie geht es jetzt weiter?

Schulz: Ausgezahlt haben wir bisher 960 000 Euro als Soforthilfe. Da aktuell immer noch Spenden eingehen, haben wir noch viele Möglichkeiten, weitere Hilfe zu leisten. Es können selbstverständlich noch weitere Anträge gestellt werden. Dabei bitten wir die Antragsteller um Verständnis, dass tatsächlich nur Hochwasseropfer berücksichtigt werden können – es geht nicht um ein bisschen Oberflächenwasser im Keller, ohne diese Schäden kleinreden zu wollen.

Gerd-Kaimer-Stiftung

Geschichte: Die Gerd-Kaimer-Stiftung wurde aus dem Nachlass von Solingens früherem Oberbürgermeister Gerd Kaimer (SPD) gegründet, der 2016 im Alter von 90 Jahren verstorben ist. In seinem Testament hatte Kaimer verfügt, dass die Verwertung seiner Immobilie in eine Stiftung eingehen soll. Die Stadt rief diese dann mit einem Grundkapital von 300 000 Euro ins Leben.

Verbrauchsstiftung: Es handelt sich um eine reine Verbrauchsstiftung – das heißt, die Stiftung muss das Geld nicht anlegen, um Erlös daraus zu erzielen, sondern darf es direkt für gemeinnützige Zwecke aufwenden.

Frühere Projekte: Unter anderem unterstützte die Stiftung auch die Schulbücherei der Grundschule Katternberg, die Eissporthalle oder den Wipperkotten.

Der Balkhauser Kotten verzeichnet einen Millionenschaden nach dem Hochwasser.

Hier können Sie für Solinger spenden und helfen.

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