Für die Handball-Bundesliga und Groß-Events

Geplante Arena Bergisch Land sticht Klingenhalle aus

Die neue Arena soll ich Bereich des vorderen Kunstrasenplatzes sowie der Bolzplätze auf rund 7000 Quadratmetern Fläche entstehen. Foto:
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Die neue Arena soll ich Bereich des vorderen Kunstrasenplatzes sowie der Bolzplätze auf rund 7000 Quadratmetern Fläche entstehen.

Gutachten zum Neubau räumt dem Projekt gute Chancen ein.

Von Philipp Müller

Solingen. Auf den ersten Blick waren die von Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) genannten Zahlen zum Plan, dass die Stadt eine Arena Bergisch Land baut, gewaltig. 40 Millionen für einen Neubau oder alternativ 20 Millionen für die Sanierung der bestehenden Klingenhalle. Sie basieren auf einem Gutachten, das dem ST vorliegt.

Und da sieht die Rechnung der Agentur SEM (Sport und Event Marketing GmbH) gar nicht einmal so unrealistisch aus. Das Projekt kann Sinn machen. Auf 56 Seiten hat die Agentur eine umfangreiche Analyse erstellt, wie die Steuermittel der Bürger eingesetzt werden können. Da ist, salopp gesprochen, bis zur Rolle Toilettenpapier alles berechnet worden. Im Ältestenrat wurde das Zahlenwerk den Fraktionen in nichtöffentlicher Sitzung bereits vom Büro des Oberbürgermeisters und von der Stadtentwicklungsgesellschaft vorgestellt. Diese wird – aller Voraussicht nach – eine zentrale Rolle bei der Realisierung des Projekts spielen werden.

SEM ist als Gutachter gewählt worden, weil die Firma nicht nur selbst in verschiedenen Hallen regelmäßig Events durchführt und zugleich Hallenkonzepte vom Neubau an geplant hat, sondern sich auch mit Standorten wie Solingen auskennt. Vergleichbare Hallen-Standorte in Städten wie Göppingen, Braunschweig oder Wetzlar führt SEM als Bezugsgrößen an.

Was ist die Grundidee des Gutachtens?

Sport am Standort Weyersberg will die Stadt weiter anbieten. Das geht aber nur, wenn die Klingenhalle saniert wird. Das Gutachten geht von Sanierungskosten von maximal 18,3 Millionen Euro aus, wenn die Sanierungsarbeiten im Jahr 2023 begonnen werden. Starten die Arbeiten dagegen bereits in diesem Jahr, wäre der Kostenrahmen etwa 1,5 Millionen günstiger wegen niedrigerer Baukosten und Risikozuschlägen gegenüber 2023. Geht man realistischerweise von einem Start in 2023 aus, führt das bei einer kalkulierten Laufzeit von 25 Jahren zu jährlichen Finanzierungskosten von 740 000 Euro. Allerdings könnte man die 1972 errichtete Halle damit maximal 15 Jahre auf neuestem Stand halten. Gleichzeitig prognostiziert SEM, dass die jährlichen Betriebskosten steigen. Sie starten im ersten Jahr mit 680 000 Euro und sollen nach zehn Jahren bei 790 000 Euro liegen. Auf der Einnahmeseite entfallen Mieteinnahmen durch den „Ankermieter“ BHC, weil er auch eine sanierte Klingenhalle nicht mehr für den Profihandball aufgrund der Auflagen durch die Liga wird nutzen können. Unter dem Strich belastet die Lösung den städtischen Haushalt mit durchschnittlich 1,5 Millionen Euro pro Jahr – verbunden mit dem Risiko, nach 15 Jahren erneut Steuergeld in die Halle stecken zu müssen.

Wie sieht die Rechnung bei einem Neubau einer Arena Bergisch Land aus?

Die Vorausschau von SEM ist da komplexer. Betrachtet wird der Bau einer Arena mit rund 7000 Quadratmetern Grundfläche auf dem Weyersberg unter Einbeziehung von bereits bestehenden Bolz- und Sportplätzen. Dazu kommen Außenanlagen, die Ausstattung der Halle und die Abrisskosten für die Klingenhalle, wobei da das Klingenbad stehenbleiben soll. Drei Summen werden genannt. Wenn der Neubau 2023 startet, kalkulieren die Gutachter die Baukosten zwischen 39,3 und 42,1 Millionen Euro. Betrachtet wird jetzt die teuerste Variante. Für die Finanzierung auf 30 Jahre bedeutet das jährlich knapp 1,6 Millionen Euro. Die Summe könnte allerdings auch noch niedriger ausfallen, wenn die Stadt die 4 Millionen Euro aus der Landesförderung für Sportstätten und 1,6 Millionen Förderung für die Außenanlagen einrechnet. Dann käme die Halle nebst Zinsen auf Kosten von 38,8 Millionen Euro. Doch für die weiteren Überlegungen kalkuliert SEM diese Förderungen nicht ein, weil diese mit der Unsicherheit der Zusage behaftet sind.

Was kostet der Betrieb der Arena?

Die Gutachter gehen davon aus, dass sich die Arena zunächst im Alltagsbetrieb nicht rechnen wird und die Stadt mit einer Ausfallbürgschaft deshalb „geradestehen“ muss. Für den Betrieb soll eine Gesellschaft gegründet werden – möglicherweise unter Beteiligung der Stadtentwicklungsgesellschaft der Stadt Solingen. Die Einnahmen speisen sich aus Mieteinnahmen, allein der BHC wird dabei mit 310 000 Euro jährlich genannt. Vermietung an Veranstalter, die Konzerte und Messen in der Arena durchführen, ergänzen das. Etwa alle 14 Tage soll etwas stattfinden. Zusammen mit Erlösen aus den Markenrechten an der Halle, Gastronomie und Logenvermietung spült das nach SEM-Berechnungen etwa 1 Million Euro jährlich in die Kassen. Das soll sich nach zehn Jahren auf 1,2 Millionen Euro steigern lassen. Der Kostenapparat beläuft sich von der Energie über das Personal, Werbung, Verwaltung bis hin zu Versicherungen auf etwa bei 1,3 Millionen Euro. Es werden dazu verschiedene Szenarien gerechnet, unter dem Strich steht ein Minus von jährlich knapp 200 000 Euro in den ersten zehn Jahren. Das Betriebsergebnis würde sich verbessern, wenn die Arena auch für den Schulsport genutzt wird. Aber dafür müsste aus dem Haushalt Geld für Miete aufgewendet werden, so dass dies für die Stadt lediglich ein Umgruppieren von Haushaltsmitteln bedeuten würde. SEM verschweigt aber auch nicht die Risiken. Steigt der BHC ab und es kommt zu geringeren Mieterlösen durch Veranstaltungen, kann das Minus auf 360 000 Euro pro Jahr steigen.

Wie schaut das finanziell in der Gesamtbetrachtung aus?

Nochmals zurück zum Anfang. Eine sanierte Klingenhalle schlägt mit 1,5 Millionen Euro pro Jahr zu Buche. Die Arena kostet – ohne die angesprochenen Zuschüsse in der Errichtungsphase – etwa 1,6 Millionen Euro. Das macht rund 100 000 Euro an Mehrkosten pro Jahr. Diese Summe kann in dem Fall, dass die Arena nicht gut läuft, auf 250 000 Euro steigen.

Doch SEM hat nicht nur die Risiken betrachtet. Es gibt auch Chancen. Da ist auf der einen Seite der BHC. Geht es ihm wirtschaftlich besser, kommen etwa Europapokalspiele dazu und wird die Arena bei Veranstaltungen besser angenommen als erwartet, so kann die Betriebsgesellschaft sogar in die Gewinnzone kommen. Dann müsste die Stadt das kalkulierte Minus der Arena nicht tragen. Und schon steht für den Haushalt ein Plus von 100 000 Euro gegenüber der Lösung, die alte Halle zu sanieren. Diese Abwägung der Chancen und Risiken muss die Politik jetzt leisten. Ein gemeinsames Marketing für die Arena auch durch die Nachbarstädte Remscheid und Wuppertal soll die Attraktivität der Arena erhöhen.

Wo werden die Besucher der Arena parken?

Auf den Flächen der Klingenhalle soll ein Parkhaus errichtet werden. Zudem sieht der Entwurf von SEM Parkdecks über dem jetzigen Schwimmbad vor. Die Baukosten von 2,8 Millionen Euro für 420 Stellplätze sollen sich durch Parkgebühren der jährlich 175 000 Besucher der Arena erwirtschaften.

Wie wird die Arena aussehen?

Die Halle wird 19 Meter hoch, 72 Meter breit und 102 Meter lang sein. Bei Handballspielen fasst die Arena nach den aktuellen Plänen mit Logen und Business-Plätzen 5282 Besucher und bei Konzerten etwa 8000. Dazu können Teleskop-Tribünen zusammengeschoben werden. Die Bühne für Künstler orientiert sich mit 240 Quadratmetern Grundfläche an internationalen Maßstäben.

Welche Fragen sind noch offen?

Zunächst muss sich die Politik zu dem Vorhaben möglichst bis zum Jahresende bekennen. Dann muss geklärt werden, ob und wo Ersatz für die wegfallenden Sportplätze erfolgt. Schließlich könnte noch eine Rolle spielen, ob die Arena-Gesellschaft auch selbst Veranstaltungen durchführt, um leichter in die Gewinnzone zukommen und nicht nur auf Vermietungen setzen muss.

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