Coronavirus

Geimpfte könnten mehr Freiheiten erhalten

Je mehr Menschen einen vollständigen Impfschutz haben, desto drängender wird die Frage, welche coronabedingten Einschränkungen noch für sie gelten. Foto: Christian Beier
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Je mehr Menschen einen vollständigen Impfschutz haben, desto drängender wird die Frage, welche coronabedingten Einschränkungen noch für sie gelten.

Unternehmer hoffen, dass vollständiger Impfschutz und Tests den Weg aus dem Lockdown weisen

Solingen. Sie steigt zwar nicht so schnell, wie man es sich wünschen würde, doch sie steigt: die Zahl der Impfungen gegen das Coronavirus. Mit dieser Entwicklung brandet eine Debatte darüber auf, welche Freiheiten Geimpfte zurückerlangen sollten. „Noch gibt es keine entsprechenden Regelungen, aber diese Diskussion kommt auf uns zu“, räumt Jan Welzel ein. Er ist Solingens Beigeordneter für Bürgerservice, Recht, Ordnung und Soziales.

Die entscheidende Frage ist den Ausführungen des Juristen zufolge, wie infektiös geimpfte Personen sind. Sollte von ihnen keine Ansteckungsgefahr mehr ausgehen, müsse man die Situation neu bewerten. „Damit entfiele eine wichtige Begründung für die pandemiebedingten Einschränkungen“, erläutert Welzel. Aktuell geht das Robert-Koch-Institut davon aus, dass eine Impfung „das Risiko einer Virusübertragung stark vermindert“.

Diese Diskussion kommt auf uns zu.

Jan Welzel, Rechtsdezernent
Jan Welzel erwartet Diskussionen über Freiheiten für Geimpfte.

Jan Welzel hält zukünftig ein zweigleisiges Vorgehen für denkbar: So könnte beispielsweise Zutritt zu Geschäften erhalten, wer einen negativen Corona-Test oder einen vollständigen Impfschutz nachweisen kann. „Das scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein. Warum sollten sich Geimpfte zusätzlich testen lassen?“, betont Waldemar Gluch. Gleichzeitig wirft der Vorsitzende des Initiativkreises Solingen die Frage auf, wie ein vollständiger Impfschutz nachzuweisen wäre.

Anders als der Handel ist die Gastronomie derzeit selbst mit negativem Testergebnis nicht geöffnet. „Die Stimmung in der Branche ist sehr schlecht. Uns fehlt eine Perspektive“, sagt Petra Meis. Sie ist Inhaberin der Gaststätte Rüdenstein und Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Solingen. Für viele Betriebe, etwa Eiscafés, wäre es ihrer Einschätzung nach ein guter Anfang, bei besserem Wetter zumindest wieder Außengastronomie anbieten zu dürfen. Doch auch für die Innenräume brauche es Lösungen.

Waldemar Gluch vom Initiativkreis Solingen.

Könnte es ein Ausweg sein, zunächst nur Geimpften Zutritt zu lassen? „Grundsätzlich bin ich für alle Möglichkeiten offen, die mein Geschäft und die damit verbundenen Arbeitsplätze erhalten“, betont Meis. Eine Voraussetzung dafür sei jedoch, dass jeder ein Impfangebot erhalten hat. Bis es soweit ist, könnte ein negatives Testergebnis als Ersatz herhalten. „Das könnte eine Lösung sein. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, betont Isabel Hausmann, stellvertretende Geschäftsführerin des Dehoga Nordrhein. Die Alternative sei, dass die Gastronomie geschlossen bleibt. „Und das hilft keinem.“

Petra Meis ist die hiesige Dehoga-Vorsitzende. Archivfotos (2): Uli Preuss

Solingen: Fitnessstudios verschärfen ihr Hygienekonzept für eine baldige Öffnung

Ähnlich sieht das Marcus Temming. „Irgendwann braucht es Land in Sicht und unsere Mitglieder die Möglichkeit, etwas für ihre Gesundheit zu tun“, sagt der Inhaber des Fitness Centrum TM. Sollte dies zunächst nur mit vollständigem Impfschutz möglich sein, könnte Temming damit leben: „Wir würden uns über jede Öffnungschance freuen.“ Mit seinem Geschäftspartner Dirk Mähler ist er aktuell damit beschäftigt, das Hygienekonzept für das Studio an der Konrad-Adenauer-Straße zu verschärfen, etwa mit Luftreinigungsgeräten. Derweil halten sie mit digitalen Angeboten Kontakt zu den Mitgliedern.

So wie Michel Küster von der Body Health Fitness GmbH mit Standorten in Wald und Aufderhöhe. Er hält die Diskussion, ob Geimpfte beispielsweise bevorzugt Zugang zu Fitnessstudios erhalten sollten, für problematisch: „Für viele dürfte sich das wie eine Impfpflicht anfühlen.“ Abgesehen davon würde ein solcher Schritt seinem Betrieb derzeit kaum wirtschaftliche Entlastung versprechen. Denn der Großteil der Mitglieder habe altersbedingt noch kein Impfangebot erhalten. „Aktuell würde das nicht viel bringen“, bestätigt Mathias Schilling, Studioleiter des Sportparks Landwehr. Anders sehe die Lage aus, wenn das Impftempo tatsächlich wie angekündigt Fahrt aufnimmt.

Hintergrund

So äußert sich das Robert-Koch-Institut zur Infektiosität von Geimpften: „Auf Basis der vorliegenden Daten ist davon auszugehen, dass die Viruslast bei Personen, die trotz Impfung infiziert werden, stark reduziert und die Virusausscheidung verkürzt ist.“ Das Ansteckungsrisiko sei vermindert.

Standpunkt: Das sind keine Privilegien

Kommentar von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@ solinger-tageblatt.de

Es ist eine gesellschaftlich und wohl auch juristisch unausweichliche Diskussion. Welche Freiheiten stehen Personen mit vollständigem Impfschutz zu? Dabei von Privilegien zu sprechen, wäre falsch. Vielmehr geht es um Grundrechte, die zur Pandemiebekämpfung zeitlich begrenzt eingeschränkt wurden. Die Diskussion birgt Zündstoff. Weniger, wenn es um wegfallende Quarantäne-Vorgaben oder obsolete Tests geht. Sondern vielmehr wenn sich Gastronomen, Fluggesellschaften oder Veranstalter entscheiden, nur geimpften Personen Zutritt zu ihren Angeboten zu gewähren. Rufe nach einer Impfpflicht durch die Hintertür kämen auf, die Gerechtigkeitsfrage stünde im Raum. Denn bislang hat nur ein Bruchteil der Deutschen überhaupt ein Impfangebot erhalten. Doch Impfneid ist an dieser Stelle fehl am Platz. Wenn es den Branchen, die die Corona-Krise wirtschaftlich am härtesten getroffen hat, hilft, zunächst nur für Geimpfte zu öffnen, sollte das kein Anlass für eine Gerechtigkeitsdebatte sein. Es wäre die hoffentlich letzte große Prüfung unserer Solidarität in dieser Pandemie..

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