Medizin

Solingen gehen die Hausärzte aus

Als Geschäftsführer von „Solimed – Unternehmen Gesundheit“ will Dr. Stephan Kochen auch Lösungen für das sich abzeichnende Problem der Unterversorgung mit Hausärzten finden. Archivfoto: Uli Preuss
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Als Geschäftsführer von „Solimed – Unternehmen Gesundheit“ will Dr. Stephan Kochen auch Lösungen für das sich abzeichnende Problem der Unterversorgung mit Hausärzten finden.

Einige Praxen nehmen wegen Überlastung keine neuen Patienten mehr auf. Das Problem wird sich in Zukunft noch verschlimmern.

Von Michael Kremer

In Solingen werden die Hausärzte knapp. Diese Erfahrung machte eine ST-Leserin, nachdem der Arzt ihres Vertrauens seine Praxis krankheitsbedingt schließen musste. Bei mehreren Praxen im Umkreis ihrer Wohnung fragte sie nach – keine konnte neue Patientin aufnehmen. „Es gibt schon noch Hausärzte in Solingen, die neue Patienten aufnehmen“, sagt dazu Dr. Stephan Kochen. Der Facharzt für Innere Medizin und Geschäftsführer von „Solimed – Unternehmen Gesundheit“ (» Kasten) weiß aber auch: „Die Situation wird immer schlimmer.“

Standpunkt von Michael Kremer

Einige Praxen sind ausgelastet und schaffen es nicht mehr, neue Patienten aufzunehmen. „Sie arbeiten am Limit“, sagt Dr. Kochen. Eine Ursache sei, dass in den vergangenen Jahren knapp zehn Hausärzte ihre Praxen geschlossen haben, ohne einen Nachfolger zu finden. Dies werde sich noch zuspitzen. In den nächsten vier Jahren werden 33 Solinger Hausärzte das 68. Lebensjahr erreichen. „Davon wird wohl der eine oder andere noch weiterarbeiten“, sagt Dr. Kochen. Aber der Versorgungsgrad werde sinken.

In Solingen sind nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein derzeit rund 100 Hausärzte niedergelassen, der Versorgungsgrad liege somit bei knapp 102 Prozent. Damit sei „die hausärztliche Versorgung der Stadt formal als gut zu bezeichnen“. Angesichts der Altersstruktur rechnet allerdings auch die Kassenärztliche Vereinigung damit, „dass sich perspektivisch die Anzahl freier hausärztlicher Zulassungsmöglichkeiten in Solingen weiter erhöhen wird“.

Die Erfahrung hat den Solimed-Geschäftsführer gelehrt, dass von drei Ärzten, die aufhören, zwei keinen Nachfolger finden. Und selbst wenn die Praxis übernommen werde, bedeute dies oftmals geringere Öffnungszeiten. „Die jüngere Generation neigt nicht zur Selbstausbeutung“, erklärt der Internist. Er bezieht sich dabei auf die Kassenärztliche Vereinigung, die bei älteren, selbstständigen Ärzten mit Arbeitszeiten von 55 bis 60 Stunden pro Woche von „Selbstausbeutung“ gesprochen habe.

Teamarbeit und Teilzeitmodelle könnten ein Ausweg sein

Um den Missstand zu beheben, sei eine Lockerung der Einstiegsvoraussetzungen für das Medizinstudium zwar ein Schritt in die richtige Richtung, das zeige kurzfristig aber keine Wirkung. „Das Mehr an Studienplätzen greift erst in zehn Jahren“, sagt der Solinger Mediziner. Bis dahin müssten andere Auswege gefunden werden. „Eine Lösung wären andere Modelle der ärztlichen Inanspruchnahme“, sagt Dr. Kochen. Etwa Teamarbeit und Teilzeitmodelle.

Das Mehr an Flexibilität bei den Medizinern sei dann auch vom Patienten gefordert. Teilen sich mehrere Ärzte eine Praxis, haben sie dort keinen festen Ansprechpartner mehr. Das könne allerdings nur funktionieren, wenn jeder Arzt immer über die Schritte und Anordnungen der Kollegen informiert ist. Dazu ist unter anderem ein einheitliches EDV-System erforderlich.

Bei Solimed läuft diese elektronische Patientenakte praxisübergreifend. „25 000 Solinger nutzen das bereits“, sagt Dr. Kochen. Unterstützt wird das Projekt unter anderem von drei Krankenkassen. Auch für sie hat die Vernetzung einen Vorteil: Doppeluntersuchungen werden vermieden.

SOLIMED

NETZWERK Im „Solimed – Unternehmen Gesundheit“ stellt sich jeder eingeschriebene Netzpatient sein persönliches Behandlungsnetz oder Gesundheitsteam aus den derzeit 71 teilnehmenden Ärzten und Kliniken zusammen. Nur in diesem Gesundheitsteam werden medizinische Daten und wichtige Hinweise wie Befunde untereinander ausgetauscht, um die medizinische Behandlung abzusprechen. Die teilnehmenden Ärzte und Kliniken nutzen dazu ein gemeinsames EDV-System.

Grundsätzlich ist der Mediziner zuversichtlich, dass für den Hausarztbereich eine Lösung gefunden wird. Ihn beunruhigt etwas anderes: „Die größte Baustelle in Solingen ist die stationäre Pflege.“ Angesichts der steigenden Zahl demenzerkrankter Patienten in den Pflegeeinrichtungen ist deshalb die Einbindung von Apotheken, Pflegediensten und anderen medizinischen Berufsgruppen in den elektronischen Pflegebericht geplant.

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