Energiekosten

Gaspreis: SWS ändern Verträge von Geschäftskunden

Wie beim Heizen Energie gespart werden kann – und was die Energie kostet – das treibt die Menschen derzeit um.
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Wie beim Heizen Energie gespart werden kann – und was die Energie kostet – das treibt die Menschen derzeit um.

Gaspreise fahren Achterbahn - deshalb nutzen die SWS eine Ausstiegsklausel. Dazu Stimmen von Verbraucherzentrale, Immobilienverwalter und IHK.

Von Timo Lemmer

Solingen. Die Stadtwerke Solingen (SWS) ändern bei der Gasversorgung derzeit Festverträge von Geschäftskunden. Das Unternehmen beruft sich in einer Kundenmitteilung, die dem ST vorliegt, rechtlich auf besondere Umstände: Die Störung der Geschäftsgrundlage (§ 313 im BGB) erlaube eine Anpassung, auch wenn ein mehrjähriger Vertrag abgeschlossen wurde. Die bekannten Regeln eines wettbewerblichen Marktes seien außer Kraft gesetzt.

Zwei Änderungen seien vorzunehmen, erklärt Stefan Ziebs: Die am Großhandelsmarkt erzielbaren Konditionen würden dem Kunden fortan nachgewiesen und weiterberechnet; und Mengenabweichungen zum prognostizierten Verbrauch werden zu Spotpreisen, also dem realen Einkaufspreis, vergütet. Mehrkosten bei der Beschaffung sichern damit nicht mehr die SWS ab.

Der Bereichsleiter Individualkunden sieht aber auch einen Anreiz: „Benötigt ein Geschäftskunde weniger Energie als prognostiziert, kann er gegebenenfalls von höheren Spotpreisen profitieren.“ Die Mengenabweichung wird vergütet.

Es sei nicht mehr gängig, Vollversorgungsverträge mit Festpreisen abzuschließen. Als Energielieferant sei man zuletzt enorme finanzielle Risiken eingegangen. „Dieser Vorgang ist in der aktuellen Situation branchenüblich, wir stehen hierzu in Kontakt mit den Kunden“, sagt Ziebs. „Wir befinden uns in einer grundlegend veränderten, bisher auch nicht gekannten Marktsituation.“ Die Mengenabweichung zu Festpreiskonditionen sei nicht mehr zumutbar.

Energiepreise: Beratungsbedarf bei Verbraucherzentrale hat zugenommen

Die Verbraucherzentrale Solingen bestätigt, dass zum Thema Energiepreis die Beratung massiv zugenommen habe. Aus Solingen seien dabei derzeit keine Fälle von Privatkunden bekannt, in denen ein Energieanbieter eine Vertragsänderung auf Grundlage von Paragraf 313 anstrebe.
Tipp: Wie sich einfach Energie sparen lässt

Immobilienverwalter Lürwer: Vorteil als Großkunde

Beim großen Immobilienverwalter Hermann-Josef Lürwer GmbH ist die Lage aus Unternehmenssicht vergleichsweise entspannt. Das bestätigt Stephan Siegel: „Die aktuelle Preisentwicklung schlägt sich bei uns nicht im vollen Umfang nieder.“ Dank Großvertrag zwischen der Lürwer GmbH und den Stadtwerken sei der Gaspreis für Kunden spürbar niedriger als derzeit übliche Marktpreise. Dies sei langfristigen Verträgen mit der Möglichkeit einer geplanten und gesteuerten Gas-Beschaffung zu verdanken. Die Firma Lürwer verwaltet in Solingen und Umland diverse Eigentümergemeinschaften.

Mit Verweis auf eine gestörte Geschäftsgrundlage hätten die Stadtwerke zwar „gewisse Anpassungen“ vorgenommen, diese beträfen aber nur das Dienstleistungsentgelt: Das steige um einen halben bis dreiviertel Cent pro Kilowattstunde. Siegel: „Das hält sich in Grenzen.“ Zudem stelle die SWS den Einkauf von vier auf zwölf Tranchen um. „Dass die Stadtwerke das Risiko beim Einkauf breiter streuen wollen, ist nur verständlich.“ Für 2023 lägen die über die langfristige Beschaffung erzielten Arbeitspreise je Kilowattstunde Gas dennoch beim Dreifachen zu diesem Jahr.

Die Hermann-Josef Lürwer GmbH sei als Großkunde kleineren Abnehmern gegenüber im Vorteil, weil größere Mengen abgenommen werden, die langfristig beschafft werden können. Einen Wechsel des Gasversorgers weg vom Grundversorger, also den Stadtwerken, empfiehlt Siegel aktuell dennoch niemandem. Auch nicht kleineren Eigentümergemeinschaften. „Am Markt hat man jetzt auch wieder gesehen, dass die Grundversorger das Gas meist günstiger anbieten können als andere.“

SWS: Austausch mit betroffenen Geschäftskunden

Man sei auch persönlich sowie mit Informationsveranstaltungen für Geschäftskunden im direkten Austausch mit den betroffenen Kunden, so die SWS. Zur Anzahl der geänderten Verträge machte das Unternehmen auf Nachfrage keine Angaben. Siegel bekräftigt: Als ortsnaher Versorger seien die SWS ein verlässlicher Partner.

Wirtschaft: So schätzt die IHK die Lage ein

Ralph Oermann von der Bergischen IHK berichtet, dass etwas Entspannung in den Energiemarkt eingekehrt sei. Zunächst hätten viele Unternehmen gar keine neuen Verträge mehr angeboten bekommen – dies sei beim Gas teilweise überwunden. Er erhofft sich nach den jüngsten politischen Beschlüssen eine Signalwirkung für den Strommarkt.

Standpunkt von Timo Lemmer: Ein wenig Entspannung

timo.lemmer@rga.de

Die Änderung von Festverträgen, weil die Geschäftsgrundlage gestört ist: Das betrifft Zwischenhändler wie die Stadtwerke, die vor einer angespannten und völlig neuen Marktsituation stehen. In der Bergischen IHK sind Vertragsumstellungen indes kein Phänomen, das Betriebe umtreibt.

Die Wirtschaft hat zuletzt vielmehr die Energiebeschaffung der Zukunft belastet: Zunächst gab es kaum Angebote für neue Verträge, die reihenweise zum Jahresende auslaufen. Das sei inzwischen zum Teil behoben. Für die bergische Wirtschaft waren schon die Diskussionen über Entlastungen und Preisdeckel Zeichen der Hoffnung, weil sie in den Markt hineinwirkten. Die Debatten selbst sorgten für etwas Beruhigung.

Nun gibt es Beschlüsse und vermehrt sogar wieder Angebote. Aber: Zum Teil sind diese wirtschaftlich nicht darstellbar. Es ist weitere Entspannung nötig. Die Gaspreisbremse muss mindestens rückwirkend für Februar 2023 greifen – und die Strompreisbremse muss umgesetzt werden.

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