Fußball-Weltmeisterschaft

„Eine WM in Katar? Nein, danke!“

Bei den vergangenen Weltmeisterschaften fanden sich zahlreiche Menschen zusammen, um die Fußballstars zu verfolgen. Dieses Jahr wird das anders.
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Bei den vergangenen Weltmeisterschaften fanden sich zahlreiche Menschen zusammen, um die Fußballstars zu verfolgen. Dieses Jahr wird das anders.

Kirche, Verbände und Gewerkschaft in Solingen kritisieren das Fußball-Großereignis scharf.

Von David Bieber

Solingen. Die Fußballweltmeisterschaft rückt immer näher. Gewöhnlich ein Grund zur Freude für alle Sportbegeisterten auf der ganzen Welt. Aber von Vorfreude auf die WM ist bei den Solinger Fans kaum etwas zu spüren. Das Turnier im Wüstenstaat Katar steht seit vielen Jahren in der Kritik – vor allem wegen der Menschenrechtslage und der miserablen Arbeitsbedingungen. Wir haben uns umgehört.

WM in Katar: Diese Veranstaltungsorte verzichten auf Public-Viewing

Detlef Wagner kritisiert die WM 2022 stark.

Detlef Wagner, Präsident des Solinger Sportbundes: Er findet „unter sportlichen Gesichtspunkten kein überzeugendes Argument für eine WM in Katar“. Auch die Details zu den Arbeitsbedingungen – Tausende Arbeitsmigranten sollen auf Baustellen der eigens für das Turnier errichteten Stadien in Katar gestorben sein – seien zu berücksichtigen. Nehme man dann noch die Umstände der Vergabe, dränge sich die Frage auf, „ob wir hier überhaupt noch von Sport und einer Tätigkeit, die von Achtung und Fairness geprägt ist, sprechen können“. Detlef Wagner prangert auch die „zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs“ an.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels sei es nicht zu verantworten, dass in dieser Zeit mit einem immensen Einsatz von Energie eine Großveranstaltung ermöglicht werde. „Hier frieren Menschen, weil sie sich Energie nicht leisten können, dort wird Energie im Überfluss eingesetzt, damit es nicht zu heiß wird. Sicher war die aktuelle Krise bei der Vergabe nicht vorhersehbar – der Klimawandel schon.“ Dennoch könnte die WM in einer Zeit, die von großen Ängsten geprägt ist, für nicht wenige Menschen einen kurzen Moment der Entspannung, Ablenkung und Freude schaffen.

Dagmar Becker, Stadtdirektorin und Sportdezernentin (Grüne): Die Fußball-WM habe ich immer gerne geguckt. Bei der WM in Katar ist mir allerdings jegliche Freude vergangen. Wenn Kommerz und Korruption derart dominieren, leidet der Sport. Die Fifa muss ihrer Verantwortung zukünftig wieder gerecht werden. Menschenrechtsverletzungen und Homophobie dürfen nicht unterstützt werden. Wie viele andere schaue ich mir die WM dieses Mal nicht an. Schade für den Sport.

Dagmar Becker wird die WM nicht anschauen.
Peter Horn kann diese WM nicht feiern.

Peter Horn (DGB): Für den Vorsitzenden des DGB-Stadtverbandes sind die „unmenschlichen Arbeitsbedingungen“ eine Schande. „Es ist nicht hinzunehmen, dass Menschen auf diese Art und Weise für das Vergnügen arbeiten und sterben müssen. Mir bleibt die Vorfreude im Hals stecken. Diese WM kann man nicht feiern“, erklärt Peter Horn. Er bringt einen Boykott der WM ins Spiel. Konsequenterweise müsse man den Funktionären und der Fifa „die kalte Schulter“ zeigen und die WM nicht verfolgen. „Fußball ist ein Volkssport, für alle Völker dieser Welt. Wenn die Fifa weiterhin die WM dorthin vergibt, wo der meiste Profit winkt, dann schafft sie diesen Volkssport ab“, kritisiert der Gewerkschafter.

Dirk Wiebenga möchte die WM boykottieren.

Dirk Wiebenga (Awo): Ähnlich argumentiert der Vorsitzende des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Solingen, Dirk Wiebenga. „Ich spiele selbst gelegentlich Fußball und stehe diesem Volkssport nahe. Ich verspüre allerdings wenig Spaß an einer Winter-WM in einer Region, die danach wenig Verwendung für klimatisierte Stadien haben wird.“ Die Entscheidung für Katar sei ein Beleg für Profitgier.

„Bei unseren Mitgliedern gab es in der Vergangenheit regelmäßig ein Beisammensein anlässlich der Spiele der deutschen Elf. Für diese WM gibt es da keine Initiativen“, erklärt Wiebenga, der das Turnier boykottieren will und hofft, dass ihn das „WM-Fieber nicht doch noch ergreift“. Die Awo trete mit ihrem Leitbild für andere Lebensbedingungen, ein Miteinander und verantwortungsbewusstes Handeln ein. „Insofern sind wir nicht nur wegen der Entfernung ganz weit weg von Katar. Bleibt zu hoffen, dass die Fifa endlich Konsequenzen zieht und ihre korrupten Strukturen angeht.“

Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD): „Schon immer habe ich mich auf eine Fußballweltmeisterschaft gefreut. Es ist ein einmaliges Erlebnis mit vielen anderen Fans zusammen, quasi in einer Art Ausnahmezeit, zu jubeln, zu trauern und mit zu fiebern“, so der OB. Dieses Mal habe es sich von Anfang an anders angefühlt. Wie konnte eine WM an so einen Staat vergeben werden – und spielen Menschenrechte wirklich keine Rolle bei der Vergabe? Das fragt sich Kurzbach. „Für uns Fans ist es ein Dilemma, wir wollen unsere Mannschaft anfeuern, und gleichzeitig darf man nicht alle Mittel akzeptieren.“

Tim Kurzbachs Freude auf die WM ist getrübt.
Michael Mohr wird weniger Spiele als sonst ansehen.

Stadtdechant Michael Mohr: „Das Thema Fußball ist mir nicht ganz fremd. Bis ins Theologiestudium hinein war ich als Schiedsrichter in den unteren Ligen unterwegs. Sollte eine Fußball-WM nach Katar vergeben werden? Ganz sicher nicht. Sollte eine WM im Winter ausgespielt werden? Ganz sicher nicht“, erklärt Stadtdechant Michael Mohr. Er werde das Turnier aber nicht boykottieren und am heimischen Bildschirm das eine oder andere Spiel anschauen. „Aber mit Sicherheit nicht so viele Spiele wie sonst.“

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