Staukanal

So funktioniert der Ittersammler

Startbaugrube Garzenhaus: Mit einem Baukran ließen die Arbeiter die 90 Tonnen Vortriebsmaschine in die Tiefe. Fotos: Christian Beier
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Startbaugrube Garzenhaus: Mit einem Baukran ließen die Arbeiter die 90 Tonnen Vortriebsmaschine in die Tiefe. Fotos: Christian Beier

Mit dem Bau des Staukanals wird das Entwässerungssystem in Solingen nachhaltiger und ökologischer.

Von Kristin Dowe

Rund 31,5 Millionen Euro investieren die Technischen Betriebe Solingen (TBS) gemeinsam mit dem Bergisch-Rheinischen Wasserverband (BRW) in den Bau des sogenannten Ittersammlers, ein 1860 Meter langer Staukanal, der die Wasserqualität und Sauberkeit der Itter und des Baverter Baches nachhaltig verbessern soll. „Wenn Menschen diese Summe hören, gibt es manchmal eine gewisse Skepsis, dass wir für dieses Projekt so viel Geld in die Hand nehmen und die Leute fragen sich, ob die Mittel nicht sinnvoller eingesetzt werden könnten“, sagt Wulf Riedel, Teilbetriebsleiter bei den TBS. „Aber in ökologischer Hinsicht machen wir mit dem Ittersammler gewaltige Fortschritte – insofern lohnt sich die Investition.“ Die Hintergründe des Projekts im Überblick.

Wie funktioniert das Entwässerungssystem in Solingen bislang?

45 Meter tief ist die Startbaugrube in der Hofschaft Garzenhaus in Wald. Aktuell laufen die Bohrungen zur ersten Zielbaugrube.

Die ersten Abwasserkanäle in der Klingenstadt entstanden entlang der größeren Gewässer inmitten der landschaftlich wertvollen Solinger Bachtäler. Insgesamt verfügt Solingen über 620 Kilometer Abwasserkanal und nutzt dabei ein sogenanntes Mischwassersystem, bei dem Regen- und Schmutzwasser – anders als bei einem Trennsystem – in ein gemeinsames Rohrsystem gelangt. Dabei ist der Anteil des Regenwassers um ein Vielfaches höher als der des Schmutzwassers. Der Nachteil des jetzigen Verfahrens besteht darin, dass der Kanal ein immer größeres Abflussvermögen besitzen muss und bei stärkerem Regen schnell überlastet werden kann. Deshalb gibt es im Solinger Kanalnetz rund 50 Regenentlastungen in die nahe gelegenen Gewässer. Regenüberlauf- und Regenrückhaltebecken an diesen Stellen sorgen dafür, die stoffliche und hydraulische Last für die Bäche zu verringern.

Was spricht gegen das alte Verfahren?

„Im Prinzip bleibt das bisherige Mischwassersystem mit seinen entlastenden Regenrückhaltebecken erhalten“, erklärt Wulf Riedel. „Wenn wir die gesetzlichen Anforderungen der Reinhaltung des Wassers erfüllen wollen, müssten wir aber acht neue Regenrückhaltebecken mitten in der grünen Landschaft bauen.“ Diese Möglichkeit sei nicht nur weitaus kostspieliger als der Bau eines Sammelkanals, sondern stelle auch einen erheblichen Eingriff in die Natur dar.

Welche Vorteile bietet der Ittersammler?

Gewaltiger Koloss: Kürzlich wurde der gewaltige Spezialbohrer an der Startbaugrube in Wald auf den Namen „Sybille“ getauft.

Der Bau eines großen Staukanals ermöglicht den Verzicht des Baus weiterer Regenrückhaltebecken und Entlastungsbauwerke, da das Abwasser durch diesen direkt zum Klärwerk Ohligs gelangt. Dort wird es geklärt und muss nicht mehr oberhalb an mehreren Stellen in die Itter abgeleitet werden. Somit läuft der Prozess der Entwässerung weitgehend unterirdisch ab. Weiterhin hat der geplante Ittersammler mit 2,40 Meter Innendurchmesser ein beachtliches Fassungsvermögen, so dass der Zufluss des Abwassers zur Kläranlage besser gesteuert werden kann und sie nicht überlastet wird.

Wie sauber werden die beiden Bäche durch die baulichen Veränderungen?

„Trinkwasserqualität werden wir in beiden Bächen durch den Bau des Ittersammlers nicht erreichen“, bedauert Riedel. „Aber immerhin bekommen wir den Baverter Bach vollständig sauber, was wir bei der Itter leider nicht leisten können.“ Denn diese entspringe in Gräfrath, wo bereits gereinigtes Abwasser aus der dortigen Kläranlage in die Itter eingeleitet werde. Somit bleibe eine gewisse stoffliche Belastung der Itter bestehen.

Wie gehen die Planer beim Bau des Ittersammlers vor?

Nachdem eine von den TBS beauftragte Fachfirma zunächst die Startbaugrube nördlich der Hofschaft Garzenhausen ausgehoben hatte, arbeitet sich aktuell ein Spezialbohrer – eine 90 Tonnen schwere Vortriebsmaschine – 850 Meter durch das Felsgestein im Erdreich zur ersten Zielbaugrube vor. Dort befindet sich ein Entlastungsbauwerk. Im Fall von Hochwasser würde dieses zum Hochwasserrückhaltebecken Kuckesberg abgeleitet. Das reguläre Abwasser fließt über den bereits bestehenden Kanal „Ohligser Stollen“ zum Klärwerk in Ohligs ab. Nach dem ersten Rohrvortrieb wird der Bohrer mit einem Lkw wieder zurück zur Startbaugrube transportiert, wo er seinen Kurs auf die zweite Zielbaugrube an der Heidberger Mühle (Ittertalstraße) aufnehmen wird. Eine kleinere Vortriebsmaschine wird sich zuletzt aus der gleichen Startbaugrube heraus ihren Weg zur Zielbaugrube in der Hofschaft Bavert bahnen (siehe Karte).

Wie arbeitet der Bohrer?

An der Rohrvortriebsmaschine befindet sich vorne ein Schneidrad, mit dessen Hilfe das Erdreich aufgebrochen wird. Ein eingebauter Steuerzylinder vermisst ständig die Lage des Bohrers mit den exakten Raumkoordinaten. Das Felsgestein im Boden wird mit flüssigem Bentonit versetzt und schließlich zutage gefördert. Die Flüssigkeit dient bei den Bohrungen als eine Art Schmierstoff, um einen Aquaplaning-Effekt zu erzeugen – später wird sie wieder von den Bodenbestandsteilen getrennt. Gesteuert wird der Bohrer vollständig digital. In den von der Spezialfirma Herrenknecht gebauten Vortriebsmaschinen stecke viel Hightech, betont Wulf Riedel. „Es gibt bundesweit nur etwa zehn Firmen, die eine solche Ausschreibung annehmen würden.“

Ittersammler: Rohre werden in den Boden getrieben

 © Christian Beier
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Weitere Pläne

Gebiet: Das kanalisierte Entwässerungsgebiet hat eine Gesamtfläche von 475 Hektar und umfasst einen wesentlichen Teil von Ohligs und Wald mit der Ortslage Sonnenschein sowie angrenzend Teile der Stadt Haan mit insgesamt rund 26 000 Haushalten.

Größe: Der 1860 Meter lange Staukanal mit einem Innendurchmesser von 2,40 Metern wird aus Stahlbeton hergestellt. Mit einer Fertigstellung wird 2022 gerechnet.

Ausblick: Im Anschluss sind weitere Maßnahmen geplant, um die Entwässerung zu verbessern: Die Sammler Krausen und Untenitter werden neu gebaut und sollen künftig für einen besseren Schutz vor unzulässigen Einleitungen aus der Siedlungsentwässerung sorgen.

Sammler Bavert: Aus derselben Startbaugrube wie der Ittersammler wird auch der Sammler Bavert mit einem Durchmesser von 1,60 Meter und einer Länge von 625 Metern vorangetrieben.

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